Die Weltmeisterin aus Russland wirkte fokussiert, als sie am Samstag (15.11.) gegen 13:45 Uhr die Turnhalle in Esslingen betrat. In den Ohren weiße Earpods. Gut zwei Stunden waren es da bis zu ihrem ersten Wettkampf in der Deutschen Turnliga - im Turnanzug des TSV Tittmoning-Chemnitz. Der TV-Kamera, die fast jeden Schritt von ihr verfolgte, ging Angelina Melnikowa zunächst eher aus dem Weg. Die 25-Jährige wusste, sie würde heute im Scheinwerferlicht stehen. Nicht nur wegen ihrer sportlichen Erfolge.
Als Melnikowa wenig später mit dem Einwärmen auf der Matte begann, kamen zwei junge Turnerinnen zu ihr und baten um Selfies. Die Russin erfüllte diesen Wunsch gern und lächelte in die Kamera. Offenbar wich ihre Anspannung allmählich.
Melnikowas politische Haltung sorgt für Diskussionen
Die Nachricht, dass der aktuelle Weltstar im Turnen an diesem Nachmittag einen Wettkampf in der Deutschen Turnliga bestreiten würde, hatte in den vergangenen Tagen wie ein Lauffeuer die Runde gemacht. Auf der einen Seite gab es Begeisterung bei vielen Mitgliedern der Turn-Community, andererseits kam aber auch Skepsis bis Unverständnis für die Verpflichtung Melnikowas zum Ausdruck. Melnikowas politische Positionierung für das Putin-Regime, das gegen die Ukraine einen Angriffskrieg führt, sowie ihre Kandidatur für die putintreue Partei "Einiges Russland" in einer Kommunalwahl, sorgten zudem für eine kritische mediale Berichterstattung.
Trainerin Tatjana Bachmayer: "Vielleicht etwas blauäugig"
Die Polizei war gewarnt, dass es möglicherweise zu Protesten gegen den Auftritt der Russin kommen könnte, auch wenn keine Demonstrationen angemeldet waren. Einige Beamte positionierten sich vor der Halle. Demonstrationen oder Protestaktionen gab es aber keine an diesem Nachmittag.
Die politische Dimension des Engagements Melnikowas hatte offenbar auch Tatjana Bachmayer, Trainerin der Chemnitzerinnen, unterschätzt. Vor Beginn des Wettkampfs in Esslingen sagte sie ins SWR Mikrofon: "Vielleicht bin ich der Sache etwas blauäugig entgegen gegangen." Sie dachte, es sei - vor allem für ihr Team - ein sportliches Highlight. "Es ist einfach cool, eine Weltmeisterin bei sich zu haben. Wir wollen von ihr lernen. Es ist ein tolles Geschenk, so jemanden im Team zu haben. Schade, was angesichts der politischen Dimension daraus gemacht wurde."
Deutsche Turnliga verweist auf internationales Regelwerk
Bachmayer betonte, dass man im Chemnitzer Team international aufgestellt sei. Ihr Trainerkollege Anatol Aschurkow komme aus Belarus, die Ballettrainerin sei aus der Ukraine geflüchtet und im Verein aufgenommen worden, die Turnerinnen Karina Schönmaier und Jesenia Schäfer sprechen Russisch. "Also, ich bin hin- und hergerissen", fasste Bachmayer, die viele Jahre Trainerin in Karlsruhe war, zusammen.
Putin-Unterstützerin tritt in Esslingen an Meinung zum Fall Melnikowa: Die Ignoranz ist schockierend
Die russische Turnerin und Regime-Unterstützerin Angelina Melnikowa wird am Samstag in der Deutschen Turnliga starten. SWR-Reporter Pirmin Styrnol hat schon mehrfach den russischen Angriffskrieg öffentlich verurteilt, hat die Ukraine vielfach bereist und findet: Die Ignoranz der Turnwelt in diesem Fall ist beschämend.
Michael Götz, Geschäftsführer der Deutschen Turnliga (DTL) wollte angesichts der Brisanz des Auftritts Melnikowas kein Öl ins Diskussions-Feuer gießen. Er verwies im SWR-Interview auf die Pflicht, sich an das Regelwerk des Weltturnverbands FIG zu halten. Der Verband führt die Russin als neutrale Athletin. "Wir haben keine andere Wahl, als sie starten zu lassen." Dennoch stellte Götz klar, "dass wir den Krieg in der Ukraine aufs Schärfste verurteilen". Der Geschäftsführer ließ durchblicken, dass man in den Gremien beraten wolle, was zu tun ist, um solche misslichen Situationen künftig zu vermeiden.
Esslingens OB Klopfer war fassungslos über die Entscheidung von Chemnitz
Bei der Begrüßung der Mannschaften ergriff auch Matthias Klopfer, Oberbürgermeister der gastgebenden Stadt Esslingen, das Wort. Der Kommunalpolitiker nutzte die Gelegenheit, um den gut 1.000 Turnfans in der Halle seine Haltung zur Personalie Melnikowa mitzuteilen. "Ich wünsche mir, dass die Chemnitzer nach dem DTL-Finale in Heidelberg (am 29. November, d.R.) über ihre Entscheidung nachdenken, die amtierende Weltmeisterin zu nominieren." Auf SWR-Nachfrage begründete Klopfer diese Aussage: "Sie unterstützt aktiv Putin und das Kriegs-Regime. Ich sage, diese Entscheidung war falsch."
Die Stadt Esslingen habe mit Kamianets-Podilskyi eine Partnerstadt in der Ukraine. "Wir haben erst kürzlich einen Bus dorthin gebracht, um Kriegsversehrte und vom Krieg traumatisierte Kinder zu unterstützen." Putin sei ein Kriegsverbrecher, sagte Klopfer, "deshalb ist eine Unterstützung durch nichts zu entschuldigen - auch nicht durch Spitzensport". Als er von der Entscheidung der Chemnitzerinnen gehört habe, sei er fassungslos gewesen.
Melnikowa wollte vor ihrem ersten Auftritt am Stufenbarren im SWR-Interview nur über sportliche Belange sprechen. "Ich freue mich, hier zu sein. Ich darf zum ersten Mal in der Bundesliga starten." Sie sagte, sie möge Deutschland und die Deutschen. "Ich habe gute Erinnerungen an die Turn-WM 2019 in Stuttgart." Auf die Frage, ob sie sich als neutrale Athletin fühle, sagt die Russin kurz: "No comment." Kein Kommentar.
Teamkollegin Karina Schönmaier, die sich in der Halle oft nah bei Melnikowa aufhielt und sich viel mit ihr unterhielt, wollte nur das Nötigste mitteilen. "Ich finde es cool, dass sie bei uns ist. Wir können von ihr einiges abschauen. Sie hat viel Erfahrung. Wir fokussieren uns auf den Wettkampf."
Das taten die Turnerinnen aus Chemnitz dann auch. Vor allem Weltmeisterin Melnikowa lieferte ab und zeigte trotz aller Diskussionen um ihren Auftritt hervorragende Leistungen. Am Barren (14,60) und Balken (14,05) war sie die Beste, lediglich beim Sprung wurde Teamkollegin Karina Schönmaier besser bewertet. Bei ihrer letzten Übung am Boden kam am Ende ihrer letzen Bahn allerdings kurz zu Fall, was zu Punktabzügen führte. Dennoch war die Russin mit insgesamt 55,40 Punkten beste Turnerin an diesem Nachmittag und führte ihr Team zum Tagessieg.
Nun bleibt abzuwarten, ob Melnikowa auch beim DTL-Finale in zwei Wochen in Heidelberg für Topfavorit Tittmoning-Chemnitz an den Start gehen wird.