Putin-Unterstützerin tritt in Esslingen an

Meinung zum Fall Melnikowa: Die Ignoranz ist schockierend

Die russische Turnweltmeisterin und Regime-Unterstützerin Angelina Melnikowa wird am Samstag in der Deutschen Turnliga an den Start gehen. SWR-Reporter Pirmin Styrnol hat schon mehrfach den russischen Angriffskrieg öffentlich verurteilt, hat die Ukraine vielfach bereist und findet: Die Ignoranz der Turnwelt in diesem Fall ist beschämend.

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Von Autor/in Pirmin Styrnol

Das darf doch alles nicht mehr wahr sein. Da lässt sich die russische Turnerin Angelina Melnikowa im Mai 2022 auf der russischen "Siegesparade" mit dem Kriegsbefürworter-Symbol "Z" ablichten und teilt das auf ihrem eigenen Instagram-Account. Dann kandidiert sie im Frühjahr 2025 sogar für die Putin-Partei "Einiges Russland" bei einer Kommunalwahl. Und trotzdem erhält sie in diesem Sommer vom Internationalen Turnerbund FIG den Status einer neutralen Athletin zugesprochen. Daraufhin nimmt sie im Oktober an der Turn-WM in Jakarta teil, holt die Goldmedaille im Mehrkampf und schließt sich jetzt für mindestens einen Wettkampf dem TSV Tittmoning-Chemnitz an.

Am Samstag wird sie also in der Deutschen Turnliga in Esslingen an die Geräte gehen. Denn sie ist ja neutral. Zumindest hat das bei der FIG irgendwer irgendwann irgendwo entschieden. Und darauf berufen sich jetzt alle. Ich frage mich: Was muss die Turn-Weltmeisterin denn noch machen, um nicht mehr als "neutral" zu gelten? Seit wann ist man neutral, wenn man sich in einer Partei engagiert? Zumal in der Partei eines Kriegsverbrechers?

Melnikowa will gleichzeitig neutral und parteiisch sein

Frau Melnikowa möchte das Beste aus zwei Welten. Einerseits in ihrer Heimat alle Vorteile einer Unterstützerin des russischen Diktators, andererseits aber auch die Vorteile der ach so "neutralen" Weltmeisterin, die problemlos die Welt bereisen kann. Neutral und parteiisch zugleich.

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In Chemnitz macht man es sich meiner Meinung nach zu leicht: Man wolle ja sportliche Brücken bauen und keine politischen Statements setzen. Ich finde das ist schlichtweg ignorant. Wann haben diese sportlichen Brücken zu Russland in der jüngeren Vergangenheit denn wirklich etwas bewirkt? Haben die Olympischen Winterspiele 2014 oder die Fußball-WM 2018 denn etwas zum Besseren verändert? Haben die vielen russischen Sportler und Künstler, die in den Jahren von Putins Herrschaft in die EU reisen konnten, das Land in irgendeiner Form friedliebender und demokratischer gemacht? Oder ist es nicht eher so, dass die russische Propaganda diese Auslandsverbindungen genüsslich ausschlachtet, um die westliche Doppelmoral offenzulegen?

Ein Musterbeispiel für Doppelmoral

Der TSV Tittmoning-Chemnitz ist für mich ein Musterbeispiel für diese Doppelmoral. Melnikowa wird möglicherweise dazu beitragen, dem Verein endlich den langersehnten Meistertitel zu beschaffen. Dafür scheint den Verantwortlichen alles recht zu sein. Moralische Bedenken spielen offenbar keine Rolle. Aber es wäre zu kurzsichtig, die Verantwortung allein beim Verein zu suchen. Denn am Ende wird die Halle des TSV Berkheim in Esslingen mit über 1.000 Fans gefüllt sein. Immerhin kommt ja die beste Turnerin der Welt. Natürlich ein bisschen blöd, dass sie dem Kreml-Regime die Treue hält. Aber schaut doch mal, wie toll sie turnen kann!

Nein, in dieser Geschichte kann es keine zwei Meinungen geben. Wer einen Funken Anstand im Leib trägt, der weiß das auch. Ich hoffe sehr, dass alle Anwesenden - egal ob Zuschauende, Athletinnen oder Verantwortliche - zumindest ein bisschen Schamgefühl empfinden, wenn Angelina Melnikowa am Samstag die Halle betritt. Das wäre immerhin ein Anfang.