Inklusiver Fußballverein

Blau-Weiß Wiehre: Ein Platz für jeden, der Lust auf Fußball hat

Fußball ist eine der beliebtesten Sportarten in Deutschland. Schon die Kleinsten starten bei den Bambinis ihre Karriere, oft steht auch da schon der Leistungsaspekt im Mittelpunkt. Das klappt so nicht für jedes Kind.

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Stand

Von Autor/in Anna Klär

Es ist 16:30 Uhr an einem Dienstag. Emil Lehmann, zwölf Jahre alt, packt seine Sporttasche, denn für ihn geht es zum Training. Auf seinem Bett liegt ein Kissen mit der Aufschrift "SC Freiburg", an der Wand hängt ein SC-Kalender und eine Freiburger Fahne daneben. Er war auch schon als Einlaufkind bei einem Bundesliga-Spiel. Emil ist durch und durch Freiburg-Fan. Sein Lieblingsspieler: "Grifo - weil der immer so viele Tore schießt." Klar, dass auch er Fußballspielen möchte. Aber den richtigen Verein für ihn zu finden, war nicht so leicht.

Inklusionsverein Blau-Weiß Wiehre

Emil hat eine leichte Entwicklungsverzögerung. Sprachlich und motorisch hat er einen Förderbedarf. "Da hatten wir das Problem, dass bei dem Kindertraining der Leistungsaspekt im Mittelpunkt steht," erzählt Emils Papa Frank Lehmann. "Die Kinder wollen natürlich gewinnen. Die wollen Tore schießen, aber es gibt halt Kinder wie Emil, die können nicht so schnell rennen. Der kann in so einem Verein nicht dabei sein." Aber Emil hat seinen Platz gefunden, bei Blau-Weiß Wiehre in Freiburg. "Es werden so viele Werte und Skills durch den Sport vermittelt. Es wäre unglaublich schade, wenn Emil diese Möglichkeit nicht hätte", sagt sein Vater und freut sich über die Chance, die sein Sohn jetzt hat.

Platz für jedes Kind

Etwa 70 Jungs, zwischen fünf und fünfzehn Jahren, trainieren bei Blau-Weiß Wiehre. Kinder mit mehr, weniger oder auch gar keinem Unterstützungsbedarf - alle sind dort willkommen. "Wir haben Kinder mit Fluchterfahrung. Wir haben Kinder, die einen sonderpädagogischen Bedarf haben, wir haben Kinder, die Autismuspektrumstörungen haben, wir haben Kinder, die einfach Lust auf Fußball haben", erzählt Trainer und Projektleiter Axel Heim. "Jedes Kind, egal welche sportlichen Voraussetzungen es hat, kann bei uns kicken." Wichtig ist Spaß am Sport, Zusammenhalt und Gemeinschaft. Der Leistungsaspekt soll nicht im Vordergrund stehen. "Es gibt wenig Plätze in Freiburg, umso größer sind die Ansprüche. Und denen entsprechen die meisten Jungs einfach nicht", sagt Heim. "Das sind tolle Jungs, nette Jungs. Aber sportlich nicht immer die Besten. Die meisten Jungs würden ohne uns einfach nicht im Verein Fußball spielen."

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Teilnahme am Regelspielbetrieb

Das Besondere: Obwohl der Verein mit seiner C- und D-Jugend die Voraussetzungen hätte, um in einer Inklusionsliga zu spielen, nehmen die Mannschaften am regulären Spielbetrieb des Südbadischen Fußballverbands teil. "Die wollen genau die Regeln, wie der SC sie spielt, genau die Regeln wie Messi, Ronaldo und Thomas Müller. Und das geht für uns nur im Regelspielbetrieb", erklärt Axel Heim. Sportlich ist das eine Herausforderung - in der vergangenen Hinrunde gab es ein Torverhältnis von 1:83 - aber zuletzt wurde sogar ein Sieg gefeiert und ohnehin zählen andere Werte. "Meine Mannschaft ist sehr freundlich", erzählt Emil beispielsweise, "es ist ein guter Teamgeist. Wir gewinnen nicht oft, aber wir hören niemals auf," sagt Bruno. "Ich finde es toll, dass wir alle so freundlich zueinander sind", findet auch Elias.

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Große Träume ohne Leistungsdruck

Natürlich macht auch bei Blau-Weiß Wiehre gewinnen mehr Spaß als Verlieren. Aber jedes Kind bekommt die Gelegenheit zu spielen. "Emil spielt in einem Spiel vielleicht zehn bis zwölf Minuten, und das reicht ihm", erklärt Trainer Heim. "Der ist verständnisvoll und sagt: 'Ich bin jetzt vielleicht nicht so gut, aber ich habe andere Vorteile und gehöre voll zum Team'". Auf der anderen Seite gibt es Verständnis der Teamkollegen: "Die sind stolz, dass Emil alles für die Mannschaft gibt und freuen sich einfach, dass er auch spielt." Es sind solche Aussagen, die den Verein von vielen anderen unterscheidet. Die fußballerischen Träume der Kinder sind jedoch überall dieselben: "Ich will Fußballprofi werden. Das ist ein Traum für mich", erzählt Asmir. "Mein Vorbild ist Cristiano Ronaldo. Ich will eines Tages besser als er werden."

Auszeichnung mit DFB-Preis

Für seine Arbeit wurde der Verein im vergangenen Jahr mit dem Zukunftspreis der DFB-Stiftungen ausgezeichnet und damit das inklusive Jugendkonzept gewürdigt, das es Kindern ermöglicht, unabhängig von sozialem Status, körperlicher Verfassung oder Herkunft gemeinsam Sport zu treiben. "Es ist einfach schön, wenn Kinder am normalen Leben teilhaben können," erklärt Ex-SC-Spielerin Carmen Höfflin, die Teil der Jury war. "Es kann ja nicht nur Leistungssport geben. Gerade bei den Kids. Die sollen auf dem Platz ihre Freunde finden. Die sollen machen, was ihnen Spaß macht. Und das ist in dem Fall der Fußball." Von den 5.000 Euro Preisgeld wurden Trikots besorgt, das haben die Jungs entschieden, denn auch Mitbestimmung ist ein Wert, auf den bei Blau-Weiß Wiehre großen Wert gelegt wird.

Das Wichtigste aber: Jeder darf dabei sein. Und wie sehr das bei Blau-Weiß Wiehre gelebt wird, zeigt ein Satz des erst elfjährigen Bruno: "Weil es halt einfach viele Unterschiede gibt und wenn alle gleich wären, wäre es ja auch langweilig."

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Anna Klär