Handball | Frauen-Bundesliga

Handball-Star Xenia Smits nach Klub-Insolvenz: "Fassungslos und sprachlos"

Handball-Star Xenia Smits ist nach der Insolvenz ihres Heimatklubs HB Ludwigsburg fassungslos. Darum ist die 31-Jährige trotzdem zuversichtlich.

Teilen

Stand

SWR Sport: Xenia Smits, wir sitzen jetzt zusammen bei Ihnen zu Hause. Es sind schwierige Zeiten bei der HB Ludwigsburg. Wie haben Sie die Situation in den letzten Tagen erlebt?

Xenia Smits: Sehr emotional, sehr traurig, sehr betroffen. Ich hätte das nie für möglich gehalten.

Wie haben Sie erfahren, dass Sie sich einen neuen Verein suchen können, vielleicht sogar müssen?

Smits: Ja, vor zwei Wochen wurde ja dieser Insolvenzantrag gestellt. Da war ja noch nicht ganz klar, wie das Ganze ausgeht. Damals haben wir sofort gesagt: Wir brauchen schnellstmöglich eine klare Aussage, ob es weitergehen kann oder eben nicht. Und das Treffen war dann gestern, am Montag, den 4. August. Da wurde uns dann ziemlich deutlich gesagt, dass es nicht viel Hoffnung gibt und wir dementsprechend wieder frei auf dem Markt sind und nach etwas Neuem suchen müssen.

Wie kann ich mir das vorstellen? Man bekommt so eine Nachricht. Ist es dann so, dass man erstmal gar nicht reagiert? Oder ist man wütend und schreit rum?

Smits: Wir sind ja einige in der Mannschaft, da sind die Reaktionen ganz, ganz unterschiedlich. Aber erst mal war da eine extrem unangenehme Stille. Es war so richtig: 'Okay, irgendjemand muss jetzt etwas sagen.' Aber was soll man sagen? Viele Fragen, die dann aufkommen. Viele Emotionen. Die letzten Jahre waren nicht wirklich unerfolgreich, im Gegenteil sogar. Und dann da zu sitzen und zu überlegen: 'Okay, das war's jetzt', war schon crazy.

Was war Ihre erste Reaktion?

Smits: Sprachlos. Leer. Weit weg von der Realität.

Ludwigsburg

Handball Finanzkrise mit Folgen: Verträge bei der HB Ludwigsburg nicht mehr bindend

Gibt es in der kommenden Saison noch Bundesliga-Handball in Ludwigsburg? Ein schriftliches Statement des Vereins vom Montagabend macht wenig Hoffnung.

SWR Aktuell am Morgen SWR Aktuell

Also schwer zu beschreiben...

Smits: Ich habe es schon ein paar Mal gesagt: Die Mannschaft war schon sehr, sehr, sehr besonders.

Warum?

Smits: Weil jeder Einzelne von uns so menschlich ist, so nah. Es war wie ein Puzzle: Jedes Stückchen hat irgendwie gepasst und das Bild am Ende war perfekt. Auch in den drei Wochen war der Zusammenhalt schon extrem gegeben. Ich würde sagen, jede geht für jede durchs Feuer. Das haben wir auch in der Liga ein paar Mal bewiesen. Rückschläge haben wir immer zusammen abgewehrt.

Sie haben es gerade gesagt: Ihre Mannschaft war extrem erfolgreich in den letzten Spielzeiten. Wie fair fühlen Sie sich behandelt?

Smits: Fair - je nachdem, in welche Richtung man da denkt. Klar sucht man so ein bisschen einen Schuldigen. Und man hat irgendwie Wut auf alle. Wer auch immer da seinen Job nicht gemacht hat. Nicht genau zu wissen, wo genau es schiefgelaufen ist, ist schwierig. Auf der anderen Seite verspürt man auch extreme Dankbarkeit, wenn man zurückdenkt.

Ich war jetzt fünf Jahre hier. Fans, Sponsoren, Familie, Freunde, alle Menschen, die ich so mit dem Verein verbinde und mit denen ich die Erfolge verbinde, zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht. Dass ich jetzt eine Wut habe, bedeutet nicht, dass plötzlich alles scheiße gewesen ist. Ich bin trotzdem einfach sprachlos, fassungslos.

Wie viel Wut ist im Körper?

Smits: Ich habe es eben schon mal gesagt: Wut auf der einen Seite, mega Dankbarkeit, auf der anderen Seite. Meine Wut kommt vor allem, wenn man so die Schadenfreude sieht. Nach dem Motto: 'Wir hatten es ja gesagt, und es war klar, dass das schief läuft.' Da kommt meine Wut. Vor allem, wenn man gegen Menschen schießt, die das Ganze ja möglich gemacht haben, die nicht die Fehler gemacht haben.

Ich finde, "Olymp" ist in dem Fall leider schlecht weggekommen. Völlig unverdient. Die Familie Bezner hat über Jahre hinweg dieses Projekt aufgebaut, mit Leidenschaft, mit sehr viel Herz. Und da muss man einfach mal Danke sagen und nicht schießen. Das haben leider andere verbockt. Also dementsprechend Wut und Trauer, dass so ein Lebensprojekt einfach an die Wand gefahren wurde.

Wie ist aktuell der Austausch der Spielerinnen untereinander?

Smits: Genauso wie vorher. Unsere Gruppe besteht immer noch. Da kommen ganz viele Memes und - was weiß ich - Sachen, die uns zum Lachen bringen sollen. Wir verabreden uns, wir schreiben, wir gucken, dass wir uns irgendwie gegenseitig auffangen. Und wir schauen, dass jetzt jede bestmöglich irgendwo unterkommt. Und mit Umzug und Co. - da werden wir auf jeden Fall noch als Mannschaft anpacken.

Aber trotzdem geht es jetzt ja darum, einen neuen Verein zu finden. Inwieweit wird die Freundin dann vielleicht auch zur Konkurrentin?

Smits: Das wird sicherlich so kommen, weil wir nicht alle zusammen einen neuen Verein finden werden. Es gibt leider nirgendwo Platz für 16 Spielerinnen inklusive Staff. Wir werden Konkurrentinnen werden: Aber einige werde ich in naher Zukunft hoffentlich wieder in einer Mannschaft haben - in der Nationalmannschaft zum Beispiel. Aber ja, ich hoffe, dass jede von uns die bestmögliche Variante für sich findet.

Was meinen Sie mit 'Konkurrentinnen werden'?

Smits: Also die Kaderplanung ist bei den meisten Vereinen schon durch. Klar, es gibt sicherlich in manchen Vereinen schon Verletzungen, da muss man nachverpflichten. Aber es ist nicht in jedem Verein gegeben, einfach mal Budget für noch eine Spielerin zu haben. Da muss jede natürlich für sich gucken, dass sie etwas findet und an sich denken.

Wie sehr wird da miteinander gesprochen? So nach dem Motto: Der Verein, der dich angefragt hat, hat mich auch angefragt?

Smits: Das wird es sicherlich schon geben. Aber ich denke, die Vereine haben auch eine Prioritätenliste. Welche Position, welche Spielerin ist für mich wichtiger? Ich würde lügen, wenn ich sage, wir sind alle gleich gern gewollt.

In der Pressemitteilung von HB Ludwigsburg stand drin, dass man hofft, dass es in kleinerem Rahmen doch weitergehen kann. Wie sehr glauben Sie daran?

Smits: Ja, das wurde geschrieben. Aber sehr viel Hoffnung hat der Insolvenzverwalter auch nicht. Das hat er auch deutlich gesagt. Sonst würde er uns auch nicht freigeben.

Ludwigsburg

Vom Supercup ausgeladen worden Ludwigsburg-Boss Christian Köhle hat Liga-Start noch nicht abgeschrieben

Nach dem Finanzkollaps der HB Ludwigsburg erklärt Vorstandschef Christian Köhle, wie es in den kommenden Tagen weitergehen soll - und welche Hoffnungen dem deutschen Meister bleiben.

SWR Aktuell am Mittag SWR Aktuell

Was hängt da für Sie alles dran?

Smits: Sehr viel. Ich war jetzt fünf Jahre hier. Ziemlich erfolgreich. Mein Partner ist auch in dem Verein tätig, der hat eine Familie. Wir haben gerade ein Häuschen gekauft und ja, ich fühle mich hier eigentlich zu Hause. Ich hätte mir schon vorstellen können, meine Karriere hier zu beenden. Stattdessen gehe ich auf die Suche nach etwas Neuem.

Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Stefan Sander
Onlinefassung
Michael Richmann
Michael Richmann ist Sportredakteur, Podcast- und Feature-Autor für SWR Sport und SWR Kultur.