An diesem Donnerstag ist es genau zehn Jahre her, dass der so genannte Islamische Staat (IS) Paris angreift. 130 Menschen sterben, Hunderte werden verletzt. Anschläge gibt es an mehreren Orten in Frankreichs Hauptstadt, unter anderem auch am Stade de France. Zu dem Zeitpunkt treffen dort die französische und deutsche Fußballnationalmannschaft aufeinander. Der damalige DFB-Physiotherapeut Wolfgang Bunz aus Ulm und SWR-Reporter Tom Bartels erinnern sich.
Terror in Paris - Der bisher verheerendste Anschlag in Frankreich
"Was hast du eigentlich am 11. September 2001 gemacht?" Diese Frage können viele Menschen aus dem Stegreif beantworten, hat sich der Anschlag auf die USA und das einstürzende World Trade Center doch in unsere Köpfe gebrannt. Wie ist das aber mit dem 13. November 2015, dem Tag des wohl verheerendsten Anschlags in Frankreich?
Was Wolfgang Bunz damals gemacht hat, ist für ihn vor allem durch den Jahrestag wieder "sehr präsent." Er ist als DFB-Sportphysiotherapeut im Stade de France in Saint-Denis, einem Vorort von Paris, als sich vor dem größten Stadion Frankreichs drei Selbstmord-Attentäter des IS in die Luft sprengen. "Die Druckwelle hat man gespürt auf der Bank", erzählt Bunz im Gespräch mit dem SWR. "Im ersten Moment denkt man nicht an eine Bombe."
Zunächst spärliche Informationen für Spieler und Betreuer
Spätestens nach der dritten Explosion "wundert man sich dann schon, dass da nichts Normales abläuft", erklärt Bunz. Die Knallgeräusche sind auch Thema auf der Bank der Nationalelf, schnell seien Ersatzspieler und Betreuer aber erstmal wieder im "Spielmodus" gewesen. In der Halbzeitpause gibt es in der Kabine nur wenige Informationen über das, was sich außerhalb des Stadions abspielt.
Wie nah die Bedrohung wirklich ist, erfährt das Team erst nach dem Spiel. "Man weiß gar nicht mehr, was man denken soll, wie man sich verhalten soll", so Bunz. "Es gab schon Spieler, die dann auch mit der Information nicht so gut umgehen konnten, nachdem es von Oliver Bierhoff (Anm. d. Red: damaliger DFB-Teammanager) mitgeteilt wurde."
Explosionen im Fernsehen zu hören
Zwei der drei Explosionen sind auch deutlich in der Fernsehübertragung im Ersten zu hören. Kommentator für die Sportschau damals: Tom Bartels, dessen einprägsame Stimme seitdem nicht nur mit dem berühmten Götze-Schrei im WM-Finale 2014 in Verbindung steht, sondern auch mit den Terroranschlägen in Paris.
Was vor dem Stadion passiert, wird ihm aber erst kurz nach der Pause klar, als François Hollande, der damalige Staatspräsident in Frankreich, nicht mehr auf seinem Platz saß. "Und dann ist das Kopfkino losgegangen", erzählt Bartels im Gespräch mit dem SWR. "Dann habe ich auch wirklich von Minute zu Minute mehr wahr genommen, dass das jetzt ein Alptraum ist, in dem wir uns befinden."
Kommentieren unter Extrem-Bedingungen
Er erhält tröpfchenweise Informationen, kommentiert parallel aber weiter das Spiel. "Das war extrem herausfordernd", erklärt Bartels. "Ich habe das gemerkt an den Beinen, die gezittert haben und die ich irgendwann nicht mehr kontrollieren konnte. Das hatte ich so noch nie und habe ich hoffentlich auch nie wieder."
Tom Bartels hat in der zweiten Halbzeit das Gefühl, dass die meisten Menschen im Stadion noch gar nicht wussten, was sich außerhalb abspielt. "Da zu funktionieren in dieser Rolle, das war für mich fast unmöglich", so Bartels. "Ich habe mich in gewisser Weise auch überfordert gefühlt, muss ich ehrlich sagen. Du bist da wie zwei Persönlichkeiten. Die eine funktionierte und die andere weiß nicht, was sie tun sollte, oder möchte eigentlich weglaufen."
Viele Tote nur ein paar Kilometer weiter
In der Nähe des Stadions sterben ein Passant und drei Selbstmordattentäter. Weiter südlich, in der Innenstadt von Paris, gibt es nahezu gleichzeitig mehrere Angriffe auf Bars und Restaurants. Zahlreiche Menschen werden getötet und verletzt. Gegen Ende des Spiel erfährt auch Bartels, dass nicht nur das Stadion Ziel der Anschläge ist. "Und das sind natürlich ganz furchtbare Momente gewesen, für uns alle."
Am meisten Opfer gibt es bei einem Konzert der Band "Eagles of Death Metal" im Bataclan-Theater. Drei Attentäter dringen in das Gebäude ein und schießen in die Menge. Über mehrere Stunden halten sie Besucher des Konzerts als Geiseln. Fast 90 Menschen verlieren ihr Leben.
Ich glaube, dass manche Angst hatten um ihr Leben.
"Wir haben richtig Glück gehabt", so Bunz. "Todesangst hört sich immer dramatisch an, aber ich glaube, dass manche Angst hatten um ihr Leben", schätzt der ehemalige DFB-Physio die Situation in der Kabine nach dem Spiel ein. "Was mir geholfen hat, war, dass wir alle zusammen waren. Das gibt dir auch Sicherheit, obwohl die Bedrohungslage ja groß war."
Jeder Spieler saß da und war erstmal mit sich selbst beschäftigt, erzählt der ehemalige Physiotherapeut des DFB. Thomas Müller zum Beispiel habe die "Fähigkeit, Dinge sehr rational zu sehen." Antonio Rüdiger hingegen sei als sehr gläubiger Spieler "sehr stark emotional berührt gewesen."
Fahrt durch die leeren Straßen in Paris
Bunz gehört zu einer kleinen Gruppe an Freiwilligen, die noch am Abend ins Mannschaftshotel zurückkehrt, um das Gepäck der Spieler und der Betreuer zu holen. Er fährt mit einem "komischen Gefühl" durch die leeren Straßen in Paris. Im Hotel angekommen packt die Gruppe in dieser Extremsituation das Hab und Gut aus rund 60 Zimmern zusammen und verlädt alles in Koffern und Säcken auf einen Lastwagen. Danach geht es wieder zurück zum Stadion.
Der Alptraum ist erstmal zu Ende gewesen, als wir abgehoben sind mit der Maschine.
Rund acht Stunden nach den Anschlägen tritt die Mannschaft die Rückreise nach Deutschland an, für Bunz eine Art Flucht. "Der Alptraum ist erstmal zu Ende gewesen, als wir abgehoben sind mit der Maschine", erklärt Bunz. "In dem Moment, wenn die Räder vom Boden weg sind, hat man das Gefühl, jetzt bist du sicher."
Rationaler Rückblick auf die Anschläge
Heute blickt er sehr gefasst auf die Terroranschläge in Paris zurück. "Ich bin nicht sehr emotional in meinem ganzen Gefühlsleben. Mich hat das jetzt nicht komplett aus der Bahn geworfen", erklärt Bunz. "Immer im Rückblick, dass man Glück gehabt hat."
Kommentator Tom Bartels ist froh, dass die Anschläge in Paris bei ihm "keine nachhaltige Wirkung hinterlassen haben." Auch er ist sich bewusst, dass sie "wahnsinniges Glück hatten, weil die Mannschaft und die Haupttribüne ja wohl Anschlagsziel waren." Er kann im Nachhinein mit den Erlebnissen gut umgehen, weil "wir funktionieren alle ja auch nur, weil wir verdrängen können, ansonsten wären wir ja gar nicht lebensfähig."
Dokumentation über Terroranschläge in ARD-Mediathek
Wie Spieler und Trainer der damaligen Fußballnationalmannschaft den Terror in Paris erlebt haben, zeigt eine neue Dokumentation in der ARD-Mediathek. Dort erzählen Bastian Schweinsteiger, Kevin Trapp, Joachim Löw und Co. eindrücklich von ihren Emotionen und Gedanken vor, während und nach dem Länderspiel im Stade de France und auch wie es danach weiterging.