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Kein Geld, kein Schwimmbad, keine Schwimmer: Gefahr für Kinder wächst

Sommer, Sonne, Badespaß? Denkste! Schwimmbäder in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg sind dauerhaft geschlossen oder von Schließungen bedroht, weil Gelder fehlen. Eine Bestandsaufnahme.

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Kein Wasser im Becken, keine Gäste im Bad: Im Bad Kreuznacher Stadtteil Bosenheim ist das Freibad zu. Kein Schwimmbad heißt auch: mehr Nichtschwimmer. So einfach ist die Rechnung und so bitter die Bilanz für Rheinland-Pfalz: Jedes dritte Kind kann nicht schwimmen.

Weite Fahrt zum neuen Bad

Das Bosenheimer Freibad ist seit zwei Jahren dicht. Das Becken dagegen nicht. "Wenn das Wasser nicht ständig nachgefüllt wird, ist das Becken leer. Die Stadt hat das zum Anlass genommen, das Schwimmbad komplett zu schließen", erklärt der ehemalige Bosenheimer Ortsvorsteher Volker Hertel, der sich für die Erhaltung des Bades engagiert hatte.

Schon lange wird um das Bad im Stadtteil gestritten. Wie so oft geht es ums Geld. Die Kosten kann die Stadt Bad Kreuznach laut eigener Aussage nicht tragen. Im Salinental wurde zwar ein neues Bad gebaut, doch das ist keine Lösung für die Kinder vor Ort, denn der Weg ist weit, eigentlich zu weit. Die Schüler aus Bosenheim brauchen hin und zurück länger, als eine Schulstunde dauert.

Mehr Geld dringend gebraucht

Das Bosenheimer Schwimmbad ist nur ein Beispiel von vielen. Insgesamt sind in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz 75 Bäder dauerhaft geschlossen. Bei einer Befragung der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen von 2024 gaben 61 Prozent der Teilnehmenden einen nennenswerten oder sogar gravierenden Investititionsrückstand bei ihren Bädern an. Dieser wird sich bei der Mehrzahl in den nächsten Jahren nicht verringern, sondern teils bedrohlich ansteigen: Neun Prozent gaben in der Befragung an, dass es aktuelle Schließungsdiskussionen um ihr Bad gibt.

Bei den Bädern sieht es also genauso schlecht aus wie bei allen anderen Sportstätten auch. Insgesamt beläuft sich der Sanierungsstau auf mehr als 30 Milliarden Euro, wie in einer gemeinsamen Erklärung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), des Deutschen Städtetages, des Deutschen Städte- und Gemeindebundes sowie der IAKS Deutschland (International Association of Sports and Leisure) zu lesen ist.

Immer mehr Nichtschwimmer

Fehlende Bäder führen zu weniger Schwimmern - eine einfache, aber zutreffende Formel. Als das Bosenheimer Bad noch offen war, war die Nichtschwimmerquote geringer. "Wenn wir eine Bosenheimer Klasse im Schwimmen hatten, konnten viel mehr Kinder schon schwimmen. Das hat ein bisschen nachgelassen, seitdem das Schwimmbad zu ist", konnte Andreas Wetterling, Sportlehrer an der Grundschule Bosenheim-Planig feststellen. Insgesamt hat sich die Zahl der Grundschulkinder in Deutschland, die nicht schwimmen können, von 2017 bis 2022 verdoppelt.

Keine Bäder, keine Schwimmkurse

Ein Grund für fehlende Schwimmkenntnisse sind fehlende Bäder. "Ich kann einem Kind schließlich nicht im Rhein das Schwimmen beibringen", sagt Andreas Lerg von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Oppenheim. In Rheinland-Pfalz gibt es nur circa 260 Bäder, in Baden-Württemberg stehen immerhin etwa 910 zur Verfügung. "Je mehr Hallenbäder es gibt oder auch Lehrschwimmbecken, umso mehr kann man auch machen, weil die Wartelisten für Kurse sehr, sehr lang sind", weiß Benjamin Geyer, DLRG-Trainer aus Bietigheim-Bissingen. Wie lang genau die Wartezeiten sind, ist schwer zu sagen, weil viele DLRG-Gruppen gar keine führen. In Rheinland-Pfalz gibt es einige Ortsgruppen mit Dokumentationen. Bei diesen beträgt die Wartezeit im Schnitt rund sechs Monate, bei jeder dritten sogar mehr als ein Jahr.

Schwimmbäder sind Daseinsfürsorge

Als das Bosenheimer Schwimmbad noch offen war, musste wie bei den meisten Bädern Geld dazugeschossen werden. Die DLRG fordert mehr finanzielle Unterstützung von Bund, Ländern und Kommunen. Damit Bäder wie das in Bosenheim nicht auf der Strecke bleiben. Das sieht auch Volker Hertel aus Bosenheim so: "Das ist einfach öffentliche Daseinsfürsorge, die muss eine Gemeinde vorhalten. Es ist wie Straßen, Schulen und Kindergärten - damit wird nirgendwo Gewinn gemacht, zumal ja auch so ein Schwimmbad nicht nur Erholung, sondern eine wichtige Stätte ist, wo Kinder schwimmen lernen."

Fakt ist aber: Ohne neue Zuschüsse wird sich am Sanierungsstau der Schwimmbäder erstmal nichts ändern - und damit auch an der Schwimmfähigkeit der Kinder.

Erstmals publiziert am
Stand
Ein Film von
Marcel Fehr
Michael Bollenbacher
Redakteur/in
Alexandra Waidner