Ein Samstagvormittag - die Sonne brennt auf das Freibad in Renchen im Ortenaukreis. Im Schwimmerbecken zieht der ein oder andere seine Bahnen, Jugendliche versuchen sich an Sprungeinlagen vom 3-Meter-Turm. Die Kleinsten planschen im Babybecken, die Größeren rasen die knallrote Rutsche hinunter. Schwimmmeister Ralf Kittler und sein Team haben alles im Blick. Immer wieder übertönt sein lauter Pfiff den Freibadlärm. "Jungs, nicht so nah aufeinander springen", ermahnt er die Jugendlichen am Sprungturm. Auch auf Französisch - die Grenze ist gerade mal gut 20 Kilometer entfernt.
An diesem Samstag im Juli ist es vergleichsweise ruhig. Die richtig heißen Tage mit über 30 Grad sind für Kittler die Großkampftage. Wenn sich dann viele Menschen im Becken gleichzeitig aufhalten, dann wird es für ihn stressig, weil er alle im Blick haben muss. Und diese Aufgabe ist in seinen rund 20 Jahren als Schwimmmeister nicht leichter geworden.
- Immer mehr Kinder und Erwachsene können nicht gut schwimmen
- Angespannte Stimmung bei Badegästen
- Aufgaben eines Schwimmmeisters
- Bädersterben
- Ehrenamt im Freibad
- Freibad als sozialer Treffpunkt
Immer mehr Kinder und Erwachsene können nicht gut schwimmen
Immer mehr Kinder und Erwachsene können nicht gut oder gar nicht schwimmen. "Als ich angefangen hab, konnte man ungefähr davon ausgehen: ein Kind zwischen 10 und 13 Jahren konnte schwimmen. Heute kann ich bei 10- bis 13-Jährigen nicht mehr davon ausgehen, dass sie schwimmen können." Die Belastung in seinem Job nehme dadurch massiv zu, sagt Kittler.
Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) geht davon aus, dass mehr als die Hälfte der Grundschulkinder nicht sicher schwimmen können. Jedes fünfte sogar gar nicht. Im Freibad in Renchen gehen sie noch mit gutem Beispiel voran: Ralf Kittler gibt einen Schwimmkurs. Der kleine Felix und die anderen Kinder dürfen ihren Eltern zeigen, was sie schon gelernt haben. Ausgestattet mit Schwimmgürtel und -brett präsentiert Felix seinen Beinschlag. "Sehr gut, wow, also ich sehe ein Seepferdchen in spe!", lobt Schwimmmeister Kittler. Dann darf der nächste ins Wasser.
Fünfmal am Tag gibt es hier einen Kurs - aber das Angebot erreiche viele Kinder trotzdem nicht. "Die kommen nicht in Bäder, weil die Eltern vielleicht einen Pool zu Hause haben oder überhaupt nicht daran interessiert sind, vielleicht selber nicht schwimmen können." Aber es liege eben auch an zu wenigen Kursen aufgrund von fehlenden Schwimmbädern. Deswegen sei hier in Renchen, wo sich die Kommune noch ein Freibad leistet, die Nachfrage nach den Kursen immens - es gebe sogar Wartelisten.
"Wir werden ein Bädersterben erleben, wenn wir nicht in Personal investieren."
Freibäder: Angespannte Stimmung bei Badegästen
Kittler selbst liebt seinen Job und den Umgang mit Kindern, Jugendlichen und anderen Gästen. Immer wieder hält er ein kleines Schwätzchen mit ein paar Schwimmern. Dennoch sagt er, die Fähigkeit zu schwimmen sei nicht das Einzige, was sich verändert habe. Die Stimmung im Freibad sei insgesamt angespannter als früher, die Toleranzschwelle der Menschen niedriger. Hier bei ihm im Freibad sei es noch relativ harmlos.
Viele Kollegen in anderen Bädern hätten es immer wieder mit wirklich aggressiven Gästen zu tun. "Das macht den Beruf wahnsinnig anstrengend, weil wir uns oft wie Polizisten verhalten müssen und ständig von allen Seiten hören, setzt mal die Regel um", sagt Kittler, "das ist ein Druck von allen Seiten, der sehr unangenehm ist und für viele abschreckend." Einige schmissen deswegen sogar den Job hin. Dabei werden die Fachkräfte dringend gebraucht.
Badebetriebe schlagen Alarm Trotz Personalmangels in Karlsruhe: Warum Bademeister sein Spaß macht
Pünktlich zu Beginn der heißen Zeit schlagen die Karlsruher Bäderbetriebe Alarm: Es fehlen die "Bademeister". Ein Freibad ist aus diesem Grund bereits teilweise geschlossen.
Schwimmmeister sind mehr als nur der "Klischee-Bademeister"
Ein Schwimmmeister muss sich auch mit der Chemie im Schwimmbad auskennen, muss für die richtige Wasserqualität sorgen und mit Gefahrenstoffen wie Chlorgas arbeiten. Die Ausbildung sei komplex und die Personalsituation angespannt, sagt Ralf Kittler, der den Badebetrieb in Renchen auch leitet. "Wir fahren sozusagen auf der vorletzten Rille." Knapp die Hälfte seiner Angestellten sei bereits im Rentenalter oder nah dran.
"Wir werden ein Bädersterben erleben in Deutschland, wenn wir jetzt nicht wirklich massiv in Personal investieren." Ohne Personal könne man die Bäder nicht betreiben. Dazu brauche es auch ein höheres Gehalt. Für den Job müsse man schließlich bereit sein - gerade in der Sommerzeit, wenn viele Menschen Urlaub machen - zahlreiche Überstunden zu machen und am Wochenende zu arbeiten.
Jedes siebte Schwimmbad könnte bald schließen
Aber es braucht nicht nur mehr Geld für das Personal. Auch die Betriebskosten für die Schwimmbäder sind Kittler zufolge hoch. Und viele Bäder sind in die Jahre gekommen und müssen saniert werden. Alles Gründe, warum manche Kommunen den Betrieb in den Bädern einschränken oder sie ganz schließen. Deutschlandweit gab es laut dem offiziellen Bäderatlas der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen im Jahr 2000 bundesweit noch rund 7.800 Schwimmbäder. Heute sind davon nur noch etwa 6.000 übrig. Wenn die Schwimmbäder nicht bald umfassend saniert werden, gehe das Bädersterben weiter, warnt die DLRG. Dann könnte in den nächsten Jahren jedes siebte Bad schließen.
Die Landesregierung will dagegen etwas tun. Volker Schebesta (CDU), Staatssekretär im Landeskultusministerium, wies zuletzt in der SWR-Sendung "Zur Sache! Baden-Württemberg" darauf hin, wie bedeutend die Schwimmbäder für den Schwimmunterricht sind: "Schwimmflächen sind der wichtigste Punkt und deswegen gehen wir dort auch in die Mitfinanzierung." Das Land wolle jährlich 30 Millionen Euro für Sanierungen zur Verfügung stellen, "um Kommunen bei einer Investition unter die Arme zu greifen". "Dringend nötig" findet das zwar auch Betriebsleiter Ralf Kittler. Aber ob das Geld vom Land reichen wird? Allein die Sanierung eines Schwimmbads könne manchmal bis zu 40 Millionen Euro kosten, so Kittler.
Die ganze Sendung von "Zur Sache! Baden-Württemberg" vom 10.7.25 gibts hier:
250 Ehrenamtliche halten ein kleines Freibad am Leben
Wie es auch ohne zusätzliche Millionen gehen kann, zeigt das Waldfreibad in Öschingen, einem Stadtteil von Mössingen (Kreis Tübingen) direkt am Fuße der Schwäbischen Alb. Das Bad hier hätte eigentlich auch schon lange geschlossen sein sollen, die Stadt wollte es schon vor gut 20 Jahren nicht mehr finanzieren. Dann haben hier Ehrenamtliche das Ruder übernommen. Rolf Seif, Frührentner und Vorstand der Freibadfreunde Öschingen, ist während der Saison fast immer in Bereitschaft. "Meine Telefonnummer hängt in der Kasse. Also wenn es da Probleme gibt, dann klingelt bei mir daheim halt das Telefon."
Über 250 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer halten das Freibad mit ihrem Einsatz am Leben. Für alles gibt es eine Arbeitsgruppe: Kassendienst, Badeaufsichten, Putzen, Müll aufsammeln, Reparaturen und Gartenarbeiten - rund 3.500 Arbeitsstunden kommen so im Jahr zusammen. "Weil uns das Bädle einfach am Herzen liegt", Seif lächelt stolz, "ich lebe jetzt 42 Jahre in Öschingen und bin schon als junger Mensch zum Baden gekommen."
Die Stadt schießt jährlich bis zu 50.000 Euro zu für Wasser und eine Schwimmmeisterschicht. Den Rest machen die Freibadfreunde in Eigenregie. Dass viele Kommunen an den Bädern sparen, dafür hat Seif wenig Verständnis: "Deutschland ist ja so ein reiches Land, wir haben ohne Ende Geld, und dann schließt man diese Freibäder wegen ein paar Millionen Euro im Jahr." In Öschingen sammeln sie Spenden, wenn es darauf ankommt. Als kürzlich die Folie im Becken ausgetauscht werden musste, haben die Freibadfreunde überall im Ort Flyer verteilt. Am Ende kamen rund 120.000 Euro zusammen.
Sozialer Treffpunkt: Im Freibad kommen alle zusammen
Für die Freibadfreunde ist es wichtig, das kleine Freibad zu erhalten. Mehrmals die Woche sind Schulklassen da, damit die Schülerinnen und Schüler hier schwimmen lernen können. Außerdem komme der Ort im Freibad zusammen. Hier treffe man sich, sagt Vorstand Rolf Seif: "Das ist der schönste Moment, wenn man hier am Kiosk sitzt, gemütlich was miteinander trinkt. Irgendjemand ist immer da, zum Schwätzen gibt es immer viel." Er verbringt im Sommer 30 bis 40 Stunden die Woche in dem Bad. Zum Arbeiten, um seinen Enkelkindern das Schwimmen beizubringen und um sich selbst im Wasser abzukühlen.
Auch das deutlich größere Freibad in Renchen ist aus der Sicht von Schwimmmeister Ralf Kittler ein wichtiger sozialer Treffpunkt: "Ich sage immer: Jung und Alt, die Kleinsten gerade geboren, die Ältesten weit über 90 - wo hast du das?" Arm und Reich, Stadt und Land, Einheimische und Gäste aus anderen Regionen und dem Nachbarland Frankreich, alle kämen hier zusammen. Auch deswegen dürften Schwimmbäder nicht einfach geschlossen werden. "Das ist eine Kultur in Deutschland, um die wird man von vielen anderen Ländern beneidet und die werden wir erhalten", ist sich Kittler sicher. Aber dafür müssten alle mithelfen: die Badegäste, die freiwilligen Helferinnen und Helfer - und die Politik, die dafür das Geld in die Hand nehmen müsse.
Ralf Kittler hat auch im SWR Video-Podcast "Zur Sache! intensiv" (Folge vom 16.7.2025) mit Alexandra Gondorf über die große Verantwortung als Schwimmmeister gesprochen - welche Herausforderungen es am Beckenrand gibt und wann er das letzte Mal jemanden retten musste: