Fußball-EM | Nach Verletzung von Giulia Gwinn

Wie Eltern ihre Kinder im Leistungssport unterstützen können

Als sich Giulia Gwinn bei der Fußball-EM verletzte, waren viele geschockt. Auch die Familien von Profisportlern sind stets betroffen. Das weiß Achim Frommann aus eigener Erfahrung - und gibt sein Wissen jetzt weiter.

Teilen

Stand

Von Autor/in Johannes Seemüller

Achim Frommanns Sohn Constantin (27) ist der Lebensgefährte von Giulia Gwinn. Constantin Frommann galt als eines der größten deutschen Torwarttalente in Deutschland. Er durchlief das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des SC Freiburg, spielte in verschiedenen DFB-Junioren-Nationalteams und sollte bei den SC-Profis die Nachfolge von Alexander Schwolow antreten - bis ihn Verletzungen stoppten und er 2023 seine Karriere wegen irreparabler Hüftprobleme vorzeitig beenden musste. Seine Sportkarriere bestimmte über viele Jahre den Takt im Leben der fünfköpfigen Familie Frommann aus dem badischen Sasbach. Achim Frommann (56) gibt nun mit der Agentur "Deutsche Sporteltern" seine Erfahrungen an andere Familien und sportliche Organisationen weiter.

SWR Sport: Herr Frommann, Ihr Sohn Constantin ist seit vielen Jahren mit DFB-Kapitänin Giulia Gwinn liiert. Sie kennen Giulia schon lange. Wie sehr hat Sie die Verletzung Giulias im ersten EM-Spiel gegen Polen geschockt?

Achim Frommann: Meine Frau Susanne und ich saßen vor dem Fernseher und waren sehr betroffen. Wir hatten durch Giulias Beziehung mit unserem Sohn Constantin schon ihre beiden Kreuzbandrisse miterlebt. Sofort war der Gedanke da: 'Bitte jetzt nicht noch mal so eine schwere Verletzung für Giulia.' Wir haben einen Gruß ans Universum geschickt. Es hat offenbar ein bisschen geholfen. Wir waren froh, als wir hörten, dass die Verletzung nicht ganz so schlimm ist.

Welche Rolle kommt in einer solchen Situation der Familie zu?

Wir wissen, dass Giulia bei ihrer Familie, ihren Eltern und auch bei unserem Sohn sehr gut aufgehoben ist. Ich glaube, Constantin war der Erste, der nach Giulias Verletzung die Tribüne runtergestürmt ist und der versucht hat, zu ihr zu kommen. Wir haben es selbst bei Constantin miterlebt, dass er seine Karriere wegen irreparabler Hüftprobleme bereits mit 25 beenden musste.

Es fasst dich als Eltern am meisten an, wenn deinen Kindern Dinge passieren, bei denen du machtlos bist.

Das ist noch mal viel emotionaler, als wenn es dir selbst passiert. Insofern drücken wir Giulia die Daumen und hoffen, dass sie zum Bundesliga-Start wieder fit sein kann.

Constantin Frommann und Partnerin Giulia Gwinn (2023)
Constantin Frommann und Partnerin Giulia Gwinn (2023) ActionPictures

Giulia Gwinn steht als Kapitänin des DFB-Teams permanent im Rampenlicht, sie ist gefragt bei Medien und Sponsoren. Dazu wollen ihre fast 700.000 Instagram-Follower mit News gefüttert werden. Wie kann bei einer solchen Popularität die Familie unterstützen?

Giulia ist eine erwachsene Frau, die schon viel erlebt hat. Da kannst du als Eltern gar nicht mehr viel tun. Die Öffentlichkeit ist Teil des Berufs. Sie ist gefordert, damit bestmöglich umzugehen. Aber als Mutter oder Vater kannst du deinem Kind immer sagen: Wenn was ist, dann komm zu uns – im Falle von Giulia - an den Bodensee. Aber Giulia hat einen tollen Freundeskreis. Kim Fellhauer, eine ehemalige Teamkollegin beim SC Freiburg, ist da ganz wichtig. Kim hatte selbst mehrere Kreuzbandrisse und musste ihre Karriere mit 26 beenden. Diese Menschen sind jetzt für sie da und geben ihr Rückhalt im außersportlichen Bereich. Da müssen Eltern dann vielleicht auch mal einen halben Schritt zurücktreten. Aber Gabi und Florian, Giulias Eltern, werden immer für sie da sein.

Achim Frommann, Gründer Deutsche Sporteltern
Achim Frommann, Gründer Deutsche Sporteltern privat

Sie haben drei Kinder: Maximilian, Constantin und Emma. Constantin, der Mittlere, hat als Torwart den Weg zum Fußballprofi geschafft: Training, Lehrgänge, Spiele, NLZ - immer verbunden mit Erfolgsdruck. Wie sehr dreht sich das Familiengeschehen um dieses eine Kind, das in den Profisport drängt?

Es dreht sich fast alles um dieses Kind. Du betrittst diese Welt im Leistungssport in dem Moment, wo dein Kind gescoutet oder über Trainer angefragt wird. In dem Moment, in dem das Familiensystem ein Kind in den Leistungssport gibt, kommt dieses System komplett aus dem Gleichgewicht. An diesem Punkt müssen Eltern bereits mit der Arbeit beginnen. Es gilt, den Alltag zu organisieren. Dabei geht es auch um die Frage, wie man das finanziell gestemmt bekommt. Das ist sehr herausfordernd, und die meisten Eltern sind darauf nicht vorbereitet. Ganz zu schweigen vom eigenen Leben. Du hast als Erwachsener auch ein Privatleben und einen Beruf. Du musst schauen, wie du das alles zusammenbringst.

Es gibt ja auch noch die Geschwister des großen Talents. Die wollen von ihren Eltern auch gesehen werden...

Genau. Die anderen Kinder haben auch Schule und Hobbies, auch sie benötigen Fahrdienste. Unsere Tochter Emma war damals ziemlich klein, als es bei Constantin anfing. Sie musste immer mit auf die Fußballplätze - ob unter der Woche oder am Wochenende. Sie ist inzwischen 18 und hat uns verziehen. Für Constantins zwei Jahre älteren Bruder Maximilian war es dagegen eine echte Herausforderung. Er war damals auch Fußballer, wenn auch nicht so höherklassig. Da war ich als Vater beim Spiel des einen, meine Frau beim Spiel des anderen. Maximilian war aber nie neidisch.

Hatte er nie den großen Profi-Traum wie sein Bruder?

Als er 15 war, boten wir ihm an, hier in der Region zu einem ambitionierten Amateurverein zu wechseln. Er sagte dann: 'Danke, dass ihr das vorschlagt, aber ich sehe ja, was ihr alles für Constantin leisten müsst. Wenn ich da jetzt auch noch mit drei oder vier Mal Training pro Woche einsteige, packen wir das nicht.' Dann hat er verzichtet.

 

Constantin Frommann als Spieler des SV Meppen (2022)
Constantin Frommann als Spieler des SV Meppen (2022) Werner Scholz

Das klingt so, als ob die Eltern durch die Ambitionen des Kinds und die Vorgaben des Leistungssportsystems fremdbestimmt sind...

Ja, du bist komplett fremdbestimmt. Der Leistungssport macht die Vorgaben. Du bekommst Trainingspläne, und die sind einzuhalten. Da gibt es keine Spielräume. Das Gleiche gilt für Turniere. Du musst lernen, alles um diese Termine herumzubauen. Auch die Schule. Hierzu haben wir Gespräche mit dem Rektor geführt. Teilweise musste Constantin die Klasse wechseln, um den Stoff mitverfolgen zu können.

Wie sehr leiden die sozialen Kontakte der Familie, wenn die Wochenenden dem Sport gehören?

Die Wochenenden sind in der Tat für Jahre ausgebucht, wenn du dein Kind auf dem Weg in den Leistungssport begleitest. Wer dazu - aus welchen Gründen auch immer - nicht bereit oder nicht in der Lage ist, der sollte sich das gut überlegen. Ein Kind hat in aller Regel keine Chance, den langen und teilweise beschwerlichen Weg des Leistungssports zu durchlaufen, wenn die Eltern und letztlich auch die Geschwister nicht dahinterstehen. Für uns hat es genau das bedeutet. Im Nachgang gab es Freunde, die uns auch mal gespiegelt haben: Schade, irgendwie habt ihr nicht mehr Zeit für uns gehabt.

In welche Fallen können Eltern tappen?

Der Klassiker ist die Übermotivation. Also Eltern, die sich zu engagiert zeigen und gar nicht merken, dass sie aus dem Weg, den ihr Kind geht, ihren eigenen machen. Sie sehen sich selbst im eigenen Kind erfüllt. Wie der Papa, der früher selbst Fußball gespielt hat, es aber nicht zum Profi gebracht hat. Dann soll es jetzt der Sohn packen oder vielleicht auch die Tochter.

Ein anderes Thema ist es, überengagiert zu sein. Eltern sollten ihren Kindern das abnehmen, was ihren Alltag erschwert. Aber die Kinder müssen trotzdem lernen, im normalen Leben zurechtzukommen. Auch wenn die Talente im Schnitt eine 60-Stunden-Woche haben, sollten Mama oder Papa ihrem Kind nicht die Sporttasche packen. Das muss es schon selbst machen. Das Kind oder der Jugendliche sollte so in die alltäglichen Dinge des Lebens hineinwachsen, damit es später ein selbstbestimmter Mensch sein kann. Denn der Leistungssport endet irgendwann.

Und dann gibt es auch Eltern, die mit dem Thema Fußball gar nicht so viel anfangen können. Die sagen: 'Okay, wenn du so gut bist, dann mach das mal. Schau halt, wie du das hinbekommst.' Aber so geht das nicht. Es ist unmöglich, dass ein Kind das Thema Leistungssport allein ohne die Unterstützung der Eltern schafft.

Ihr Sohn Constantin wechselte mit 15 Jahren ins Internat des SC Freiburg. Wie waren Ihre Erfahrungen als Eltern mit dem NLZ?

Constantin war damals einer von 16 Spielern im Internat. Der pädagogische Leiter war mit uns immer im Austausch. Es muss auch mal sein, dass junge Männer gewisse Grenzen außerhalb des Fußballs austesten. Wir haben das dann geregelt. Das hat also gut funktioniert. Uns war damals allerdings nicht bewusst, dass Constantin zu den sogenannten Zielspielern, also den besonders geförderten Spielern gehörte. Er sollte beim Sportclub die Nachfolge von Profi-Torwart Alexander Schwolow antreten. Insofern waren wir vielleicht etwas privilegiert. Heute höre ich von vielen Eltern den Appell an die Verantwortlichen in den NLZ: 'Kümmert euch nicht nur um eure Rohdiamanten. Eine Fußballmannschaft besteht aus 20 oder 25 Jungs, da müsst ihr euch um alle kümmern.'

Constantin Frommann unterschreibt Profivertrag beim SC Freiburg

Seit 2023 sind Profivereine verpflichtet, an ihren Nachwuchsleistungszentren ein Elternmanagement zu betreiben. Funktioniert das?

Leider ist es sehr schwammig formuliert, was Elternmanagement tatsächlich meint. Der DFB möchte den NLZ überlassen, wie das umgesetzt wird. In der Realität wirkt das allerdings noch nicht ausgereift. Da soll der Pädagoge oder der Sportpsychologe jetzt auch noch Elternmanagement machen. Das kann aber nicht funktionieren, wenn du in einem NLZ etwa 350 Elternteile hast. Hinzu kommt, dass diese Funktion unabhängig sein sollte. Letztlich ist die Haltung und Kultur, die in einem NLZ gepflegt wird, entscheidend. Also: Geht es neben der sportlichen auch um die persönliche Entwicklung des jungen Menschen? Und dazu gehört immer die Familie. Du bekommst in der Talentförderung kein Kind ohne Familie.

Sie haben Ende 2023 die Agentur "Deutsche Sporteltern" gegründet. Sie wollen Eltern unterstützen, um ihre Kinder auf dem Weg in den Leistungssport gut begleiten können. Was bieten Sie an?

Wir werden noch im Juli den "Deutsche Sporteltern-Club" gründen. Das ist eine unabhängige Plattform, ein geschützter Raum, in den Eltern von Kindern im Leistungssport beitreten können. Hier bekommen sie die Informationen, die sie für die Begleitung ihrer Kinder brauchen. Wir wollen ein Forum installieren, wo sich Eltern gegenseitig informieren können. Nicht nur, was den Fußball angeht, es kann auch gern sportartübergreifend passieren. Eltern können Hilfe finden und sich mit anderen Eltern vernetzen und austauschen. Außerdem wollen wir die Vereine, NLZ, Olympiastützpunkte oder Landesverbände unterstützen. Es ist wichtig, dass deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Elternseite verstehen. Wir haben die Expertise.

Ihre Arbeit bekommt prominente Unterstützung aus dem Profisport. Wer ist alles dabei?

Aktuell unterstützen uns Giulia Gwinn, Almuth Schult, Keven Schlotterbeck und Handball-Weltmeister Henning Fritz. Sie haben alle selbst erlebt, wie wertvoll die Unterstützung durch das Elternhaus während ihrer sportlichen Karriere ist oder war. Wir sind sehr dankbar, dass sie unsere Arbeit als wichtig ansehen und sie unterstützen.