Mitten im Pfälzer Wald in Oberschlettenbach wohnt einer der besten Speerwurftrainer der Welt. Klaus Bartonietz hat sich einen Großteil seines Lebens mit den Wurfgeschossen beschäftigt. Kaum jemand weiß so gut wie er, wie man einen Speer zum Fliegen bringt. Mit seinem Wissen und seiner Erfahrung hat er unter anderem den Speerwurf-Olympiasieger und Weltmeister aus Indien, Neeraj Chopra, und auch den aktuellen Weltmeister Keshorn Walcott trainiert. Dabei setzt die 77-jährige Trainer-Ikone auf eine gesunde Mischung aus Physik, Trainingswissenschaft und Freude am Leistungssport.
Bartonietz kommt von der DDR über den Pfälzer Wald nach Indien
Klaus Bartonietz ist in der DDR aufgewachsen, hat in Halle studiert und in Moskau in Biomechanik promoviert. Sein Spezialgebiet sind Bewegungsabläufe und biomechanische Prinzipien in der Leichtathletik. Nach der Wende arbeitet er unter anderem am Olympiastützpunkt Rheinland-Pfalz/Saar und trainiert den Speerwerfer Boris Henry, mit dem er erste internationale Erfolge feiern kann. Mittlerweile heißt Boris Henry Boris Obergföll und betreut als Bundestrainer die Deutschen Speerwerfer.
Klaus Bartonietz zieht es später ins Ausland, unter anderem nach Indien. Dort startet er als Assistent und wird später Trainer von Neeraj Chopra, dem besten Speerwerfer des Landes. Seine Erfahrungen als Speerwurftrainer und sein Spezialwissen in der Biomechanik und der Trainingswissenschaft sind international gefragt. Bei verschiedenen Trainerkongressen gibt Bartonietz sein Wissen weiter und ist Co-Autor in sportwissenschaftlichen Lehrbüchern.
Mit Fachwissen und Begeisterung zum Ziel
Klaus Bartonietz hat mit seinem Studium und seiner Arbeit als Sportwissenschaftler viel Wissen übers Speerwerfen angesammelt. Als Referent auf Trainingstagungen oder Autor von Fachbüchern hat er seine Kenntnisse immer weiter entwickelt. Aber all das ist nur eine Komponente seines Erfolgs. "Eine Vertrauensbasis ist wichtig, nur Anweisungen und Ausführen, das funktioniert nicht. Meine Maxime ist, dass man nur gut sein kann, wann das gerne macht", verrät der Wahl-Pfälzer.
Angesprochen auf die technischen Feinheiten des Speerwurfs wird die Leidenschaft des 77-Jährigen deutlich. Er zeigt mit einem selbstgebastelten Pfeil und Bogen, welche Spannung er bei seinen Athleten im Speerwurf erreichen möchte. Mehrfach schießt Klaus Bartonietz seinen Pfeil über eine Wiese oberhalb seines Heimatortes Oberschlettenbach. Wenn Kraft, Spannung und Technik perfekt ineinandergreifen, dann sei es möglich, dass in der Zukunft ein Speerwerfer sogar einmal die 100-Meter-Marke knacken könnte, erklärt er begeistert.
Bartonietz macht Chopra zum Superstar
Die Ironie des Schicksals bringt Klaus Bartonietz und seinen ehemaligen Schützling Boris Obergföll bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 wieder zusammen. Obergföll ist Bundestrainer der deutschen Speerwerfer Julian Weber (USC Mainz) und Johannes Vetter (LG Offenburg), die als Medaillenfavoriten gelten. Bartonietz betreut den indischen Speerwerfer Neeraj Chopra, dem höchsten Außenseiterchancen zugesprochen wurden.
Klaus Bartonietz Schützling schreibt Geschichte: Er wird der erste indische Olympiasieger in der Leichtathletik. Die beiden Deutschen gehen leer aus. Der deutsche Speerwuftrainer Bartonietz schnappt den deutschen Athleten die Medaille weg. Und in Indien werden Chopra und Bartonietz im ganzen Land berühmt. "Die haben da schon am Rad gedreht, uns mit Blumen überhäuft, getanzt wie verrückt. Im Hotel habe ich eine extra große Portion bekommen, weil sie mich erkannt haben", schmunzelt Bartonietz, als er sich an die Zeit zurück erinnert. In Indien nennen sie ihn liebevoll "Dr. Klaus". Chopra hat mittlerweile über neun Millionen Follower auf Instagram.
Zwei Weltmeister, ein Trainer: Bartonietz
2023 wird der Olympiasieger Neeraj Chopra bei den Weltmeisterschaften in Budapest Weltmeister im Speerwurf. Er ist erneut der erste indische Athlet, der überhaupt einen Weltmeistertitel gewinnt. Für Klaus Bartonietz war es ein ganz besonderer Moment, denn bei den Meisterschaften in Ungarn gibt es auch für die Trainer eine Medaille: "Soweit ich weiß, hat es das nur einmal gegeben, dass die Trainer eine Medaille bekommen, das hat niemand gewusst vorher, das war völlig unerwartet."
Dass Bartonietz ein gutes Gespür fürs Training hat, beweist er bereits zwei Jahre später mit einem neuen Athleten. Eigentlich wollte er sich längst zur Ruhe setzen, das Coaching des Inders Choprah hatte er Ende 2024 abgegeben. Dann hat er sich aber doch noch für ein Ferncoaching von Keshorn Walcott aus Trinidad und Tobago entschieden. Ab und zu sehen sich die beiden in Trainingslagern oder auf Wettkämpfen, der Rest wird per Telefon und Internet geklärt.
Bei den Weltmeisterschaften in Tokio in diesem Jahr wird Walcott Weltmeister. Der deutsche Topfavorit Julian Weber geht als Fünfter erneut ohne Medaille nach Hause. "Es ist schade für Julian, er hatte gesundheitliches Pech, ich bin mir sicher, er wird sich seine Medaille noch holen", erklärt Bartonietz. Er ist keiner, der anderen nichts gönnt. Aber Bartonietz ist einer, der weiß, wie man die anderen schlagen kann.
Nach 2028 möchte Bartonietz in den Ruhestand
Bis 2028 möchte Klaus Bartonietz mit Keshorn Walcott noch weiter machen. Danach soll aber endgültig Schluss sein. "Dann dient der Speer vielleicht noch als Stütze", schmunzelt der 77-Jährige. Während der Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles wird er seinen 80. Geburtstag feiern. Nicht unwahrscheinlich, dass er mit einer weiteren olympischen Medaille beschenkt wird.