"Das war ein aufregender Moment. Diesen Muskel des Lebens, der hunderttausende Male am Tag schlägt und sechs bis acht Tonnen Blut am Tag transportiert, in der Hand zu halten." So schildert der Herzchirurg und Autor Dr. Reinhard Friedl, die Situation als er zum ersten Mal bei einer OP ein Herz in seinen Händen hielt. Er war damals ärztlicher Assistent bei einer Herz-OP. "Der muss das Herz halten, damit der Operateur an die Seite oder an die Rückseite des Herzens kann.
In seinen Büchern ("Der Takt des Lebens") beschreibt Reinhard Friedl das Herz als das wichtigste Sinnesorgan. Der Arzt und Autor hat sich in den vergangenen 20 Jahren mit Bewusstseinsarbeit und Meditation beschäftigt. "In allen Bewusstseinsschulen der Welt, ob das der Buddhismus ist oder das Christentum oder andere, wird man immer aufgefordert, mit dem Herzen zu fühlen und mit dem Herzen zu denken", sagt Friedl.
Herz und Gefühl
Für Friedl ist das Herz ein Bauteil des Bewusstseins, genauso wie das Gehirn. "Das Herz hat sehr viele anatomische und funktionelle Ähnlichkeiten mit dem Gehirn." Beide Organe hätten Schrittmacherzellen und könnten sich Zeit ihres Lebens selbst erregen.
Entscheidungen des Herzens
"Die Organe bilden Stromkurven, wo wir sehen können, wie es einem Patienten geht. Beim Herzen ist das das EKG, beim Gehirn ist das das EEG, das Elektroenzephalogramm." Das Herz habe sogar ein eigenes Nervensystem, mit dem es Entscheidungen treffen könne, unabhängig vom Gehirn. "Und wenn ich das alles zusammenfasse, dann sehe ich keinen Grund, wieso nicht auch das Herz ein Organ von Bewusstsein sein kann. Und diese Eigenschaften, die man dem Herzen zuschreibt, nämlich Liebe oder Mitgefühl oder Mut, nicht auch im Herzen bewusst werden sollten."
Dem Herzen folgen
Friedl hat sich gefragt, ob das Herz nicht viel, viel komplexer sei als nur eine Pumpe. Un er hat sich gefragt, was er tun würde, wenn er seinem Herzen folgen würde. "Die Antwort war, ich würde gerne darüber Bücher schreiben, ich würde gerne Autor werden und ich würde gerne zu See fahren." Heute ist Friedl Autor und Schiffsarzt und Flottenarzt für eine Reederei.
Das Herz als Tor zu Gott
Durch das Herz, so sagen die Religionen der Welt, bekommt man Zugang zu Gott. "Einige Mystiker sprechen auch davon, dass Gott in den Herzen der Menschen wohnt", erklärt Ulrich Pick, Theologe und SWR-Fachredakteur für Religion. "Das Herz ist Schlüsselorgan, das die tragende Mitte in allen Religionen ist." Buddhismus, Hinduismus, Islam und Christentum, in allen Religionen finden sich Belege für diese These.
Gott mit dem Herzen erfassen
Gott ist nicht mit dem Verstand zu erfassen, sagt Ulrich Pick. "Weil Gott und die Liebe widersprüchlich sind. Der Verstand will Einheitlichkeit, will Klarheit." Das Herz habe die Möglichkeit, die Widersprüche festzuhalten und auszuhalten.
"Der Philosoph Blaise Pascal sagt, das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt." Dies zeige deutlich, dass Blaise Pascal ein "innerer Mensch" sei, der mit dem Herzen denke. "Wer einmal verliebt war, der kann das vielleicht bestätigen. Man verliebt sich nicht immer in diejenigen, die der Verstand auch gut findet. Das Herz hat seine eigene Sprache und ja, das ist die Weisheit des Herzens."
Weisheit des Herzens schulen
Alle Religionen kennen Wege durch Meditation und Übungen die Weisheit des Herzens zu schulen, sagt Ulrich Pick. Bei den Christen sei im Mittelpunkt das sogenannte Herzensgebet. Da formuliere man einen Satz immer wieder aufs Neue. 'Herr Jesus Christus erbarme dich meiner', laute zum Beispiel ein Satz. "Da kommt man in Kontakt mit seinem eigenen Herzen.
Herz als Universalorgan
Bei den Sufis sei das auch so, bei den tanzenden Derwischen. "Wenn die sich drehen, dann drehen die sich um die eigene Mitte. Und was ist die eigene Mitte? Das Herz." Wie in allen Religionen und Kulturen würden auch Qigong und Tai Chi entsprechende Übungen kennen. Das Herz sei das Universalorgan, erklärt Ulrich Pick.