Forscher: "Antisemitische Stimmen in der Linken sind lauter geworden"

Die Linke ist aus der Berlin-Wahl als stärkste Kraft hervorgegangen. Einige Beobachter sorgen sich, beispielsweise wegen des Umgangs innerhalb der Linken mit dem Nahost-Konflikt.

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Tom Uhlig, Antisemitismusforscher an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden, sieht grundsätzlich Anlass zur Sorge. In SWR Aktuell sagt er, es lasse sich schwer sagen, wie weit Antisemitismus in der Linken verbreitet ist. Die Stimmen dagegen seien "etwas leiser" geworden oder "etwas mehr an den Rand gedrängt" geworden.

"Antisemitische Stimmen nach dem 7. Oktober lauter geworden"

Diese Gegenstimmen gebe es noch, sagt Uhlig und nennt als Beispiel die Landesarbeitsgemeinschaft Shalom in Berlin, die innerhalb der Linkspartei Antisemitismus kritisiere. Es seien jedoch einige Kritiker ausgetreten, wie beispielsweise Klaus Lederer, der viel gegen Antisemitismus gearbeitet habe. Seit dem 7. Oktober seien die antisemitischen Stimmen in der Linkspartei jedoch besonders in Berlin lauter geworden.

Wurzeln reichen zurück bis in den Sechs-Tage-Krieg

Die Wurzeln von Antisemitismus in der Linken lassen sich nach Ansicht von Uhlig über die gesamte Geschichte der Partei nachverfolgen: "Es gibt sie manchmal als laute Einzelstimmen, manchmal als Grundrauschen im Hintergrund und manchmal im Mittelpunkt der Politik." Besonders virulent sei zur Zeit der israelbezogene Antisemitismus. Dieser sei in der deutschen Linken seit dem Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 "manchmal vorherrschend geworden".

Seit dem 7. Oktober und dem nachfolgenden Krieg in Gaza hat sich der israelbezogene Antisemitismus mit einer brachialen Lautstärke Bahn gebrochen.

"Forderung des Zentralrats gegen Koalition mit den Linken ernst nehmen"

Für die jüdischen Gemeinden sei es "eine bedrückende Situation, dass es eine so geringe Rolle zu spielen scheint, wie mit ihnen umgesprungen wird und wie wenig ihre Haltung dazu zählt. Es gibt jetzt auch vom Zentralrat der Juden die Empfehlung nicht in die Koalition [mit der Linken] zu gehen. Das macht der Zentralrat sehr selten. Das muss man sehr ernst nehmen", so Uhlig.

"In der Linkspartei gibt es noch selbstkritische Stimmen"

Im Gegensatz zu Antisemitismus in der AfD gebe es aber in der Linkspartei immer noch selbstkritische Stimmen und Versuche, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und darüber zu sprechen. Diese Selbstkritik gebe es in der AfD nicht. "Das gibt es auch bei Konservativen relativ wenig", meint der Antisemitismusforscher.

Wenn Merz, wie vor kurzem, Antisemitismus als eine Form der Ausländerfeindlichkeit bezeichnet hat, ist das klassischer nationaler Antisemitismus, den er da bedient - weil er damit sozusagen Jüdinnen und Juden aus dem Staat ausschließt. Und da gibt es keine selbstkritische Thematisierung.

Den Antisemitismus in den eigenen Reihen benennen

Die CDU sollte nach Uhligs Meinung mit den Aussagen des Bundeskanzlers "hart ins Gericht gehen". Den Antisemitismus könne man nur bekämpfen, wenn man sich selber befrage und den eigenen Antisemitismus reflektiere. "Den Antisemitismus in den eigenen Reihen zu benennen, ist natürlich am schwierigsten, aber notwendig, um ihn glaubwürdig und ernsthaft bei anderen kritisieren zu können."

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Erstmals publiziert am
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Das Interview führte
Gerhard Leitner
Gerhard Leitner steht im Gang eines SWR-Gebäudes
Onlinefassung
Michael Paufler