Die Sommerferien gehen dahin, doch ich verharre in Wehmut: Die Grundschulzeit meiner Tochter ist vorbei und mit ihr die gefühlt letzte Phase halbwegs unbeschwerter Kindheit. Weiterführende, das klingt nach Klausur, Berufsvorbereitung und Prüfungsstress. Ich hasse diese Art des Abschieds. Das Unwiederbringliche daran, wenn ein Lebensabschnitt endet, etwas Schönes geht und nie, nie wiederkommt. Wie die knuffige Tapsigkeit der eigenen Kleinkinder, der vertraute Weg zur - genau - Grundschule, aber auch die Möglichkeit, groß zu werden ohne Social-Media-Mobbing und Deep-Fakes.
Viel einfacher sind Abschiede auszuhalten, die vermeintlich vorübergehend sind. Dass sie am Ende doch für immer sind, weiß man zum Zeitpunkt des Abschiednehmens zum Glück noch nicht. Und so warten wir tapfer ohne Tränen auf ein Wiedersehen: Mit einer Fußball-WM, die nicht nur der reinste Kommerz ist. Mit einer Pisa-Studie, für die wir uns nicht schämen. Mit einem echten, herrlich langweiligen Sommerloch, ohne Waldbrände, Anschläge und anderen Katastrophen. Wir warten auf die Rückkehr bezahlbarer Immobilien und einer Weltlage, die nicht komplett aussichtslos scheint.
Doch anstelle dieser allseits geschätzten Erscheinungen kommen andere zuverlässig wieder, deren Abschied niemanden grämen dürfte: Unwetter und Stellenabbau, Putins Bomben und Trumps Lügen, Tamagotchi und Diddl.
Abschied und Wiedersehen - in der Schule, und in der Politik
Warum halten sich Wunsch und Realität in Sachen Abschied und Wiedersehen so selten die Waage? So wie, wenn Jens Spahn nach all den Unverschämtheiten, die seiner Karriere nichts anhaben konnten, über diese eine endlich fällt - und sich aus der Politik verabschiedet. Oder wenn Markus Söder aufhört, Bratwurst zu posten. Wenn Krankheiten als ausgerottet gelten oder Konflikte als gelöst.
Dass gefühlt so oft das Falsche wiederkommt, liegt auch an unserer Katastrophen-Demenz. Die sorgt dafür, dass nach schlimmen Ereignissen die akute Erinnerung und das dazugehörige Bewusstsein samt guter Vorsätze zuverlässig nachlassen. Und wir doch einfach weitermachen wie bisher und schwupps, passiert wieder, was vielleicht vermeidbar gewesen wäre.
Was bei all dem doch ein wenig tröstet: Fast jeder Abschied von etwas Schönem bringt auch etwas neues Schönes, eine neue Schule nicht nur Stress, sondern auch Spaß. Und mit dieser Aussicht darf sich die Wehmut jetzt doch noch in die Sommerferien verabschieden.