Julian Christ (SPD) wurde gerade erst in Gernsbach (Kreis Rastatt) zum Bürgermeister wiedergewählt. Eigentlich liebt er seinen Job und das, obwohl er wegen seines Amtes bereits gestalkt, bedroht und seine Familie öffentlich beschimpft wurde. Manchen Anfeindungen kann er mit Humor begegnen, doch nicht alle lassen ihn kalt.
Der Bürgermeister berichtet von einem Ereignis, das ihn bis heute beschäftigt: Als er abends das Rathaus verlässt, wird er von einem aufgebrachten Paar bedrängt, das sich über den Lärm in der Innenstadt beschwert. Die beiden verfolgen ihn schreiend, bis Christ selbst laut wird, um die Situation zu beenden. Es sei eine Ausnahme, dass Menschen derart übergriffig werden.
Wenn es wirklich dann ins Persönliche geht, einem Vorwürfe gemacht werden, man sei korrupt oder man wolle hier irgendwie der Stadt bewusst schaden, obwohl man auf das Wohl der Stadt einen Amtseid abgelegt hat, dann ist ein Punkt erreicht, wo ich dann eben auch sage, jetzt ist Schluss.
Julian Christ erfährt immer wieder Anfeindungen, ob im Netz, per Mail, Post oder im echten Leben: Sogar seine Frau wurde bereits beim Bäcker in der Stadt angeschrien, verantwortlich gemacht für Themen, die ihr Mann mit dem Gemeinderat beschließt. Dazu kommt: Die Blumen vor dem Haus seiner Familie wurden zerstört. Der Bürgermeister befürchtet bisher nicht, körperlich bedroht zu werden, dennoch plagen ihn Sorgen.
Aber ich habe schon zumindest die Schritte dann auch ins Private hineinbemerkt, wo eine verwirrte Bürgerin angefangen hat, Pflanzen vor unserem Haus auszugraben, mehrfach auch sturmgeklingelt hat bei uns zu Hause für Entscheidungen, mit denen sie nicht einverstanden war, vom Landratsamt oder anderen Behörden.
Immer mehr Straftaten gegenüber Amts- und Mandatsträgern
Allein in Baden-Württemberg wurden vom Landeskriminalamt (LKA) im vergangenen Jahr 737 Straftaten gegenüber Amts- und Mandatsträgern registriert. Die Zahl ist alarmierend: 2020 waren es nur halb so viele. Und auch die gesellschaftliche Spaltung wird in keinem Land so stark empfunden wie in Deutschland. Das zeigt der aktuelle IPSOS Populism Report 2025. Mehr als drei Viertel der Befragten sehen die Gesellschaft als zerrüttet. Das sind 10 Prozentpunkte mehr als 2023 und sogar 16 mehr als 2021.
Dass sich traditionelle Parteien und Politiker nicht um die Nöte der einfachen Bevölkerung kümmern, glaubt in Deutschland eine Mehrheit von 61 Prozent. Auch hier ein deutlicher Zuwachs in den vergangenen Jahren. Dazu kommt: Zwei Drittel der Deutschen sehen eine Kluft in der Gesellschaft zwischen den Normalbürgern auf der einen Seite und den politischen und wirtschaftlichen Eliten auf der anderen Seite.
Auf den vergangenen Wahlkampf blickt Julian Christ relativ gelassen zurück. Das gelingt ihm auch, weil er manche Dinge mit Humor nehmen kann: Wenn seine Frau die Haarfarbe wechselt und Julian Christ dann eine weitere Ehefrau angedichtet wird, muss er selbst lachen. Das müsse zwar nicht sein, aber für ihn sei es auch nichts Dramatisches, "wenn Leute unbedingt über sein Privatleben berichten wollen oder sich Dinge zusammenreimen."