Bosch streicht weitere Stellen, Mahle reduziert Personal, Dürr will hunderte Jobs abbauen: Aus Sicht der Beschäftigten häufen sich in diesen Tagen die Schreckensnachrichten aus den Unternehmen.
Bosch trifft es besonders hart
Beim Technologiekonzern Bosch stehen den jüngsten Ankündigungen zufolge an den Standorten in Reutlingen und Abstatt etwa 1.500 Stellen auf dem Spiel. Die Beschäftigten sind schockiert, die Stimmung sei total schlecht, niemand habe mit einem Stellenabbau in dieser Höhe gerechnet, berichten Mitarbeitende am Rande einer Betriebsversammlung dieser Woche. Zählt man alle Ankündigungen zum Jobabbau bei Bosch zusammen, kommt man auf fast 15.000 Stellen, die gestrichen werden sollen. Ein großer Teil davon wird im Autozulieferbereich in Deutschland wegfallen, aber auch bei den Haushaltsgeräten und in der Werkzeugsparte soll Personal eingespart werden.
Auch andere Automobil-Zulieferer arg gebeutelt
Schlechte Nachrichten kommen auch von anderen Autozulieferern in Baden-Württemberg: Bei Dürr sollen 250 Stellen in Deutschland wegfallen, bei Mahle sind in den letzten zwölf Monaten bereits 600 Jobs gestrichen worden, weitere sollen folgen, heißt es. Besonders groß wird der Kahlschlag bei ZF in Friedrichshafen ausfallen: Der Autozulieferer will bis Ende 2028 bis zu 14.000 Stellen in Deutschland reduzieren.
Automobil-Hersteller bauen Kapazitäten ab
Auch die großen Hersteller wie Mercedes, Porsche oder Audi stehen unter Druck und wollen Personal abbauen. So sorgte kürzlich Porsche-Chef Oliver Blume für Entsetzen bei den Mitarbeitenden, als er ein zweites Sparprogramm ankündigte: Der Autohersteller hatte bereits Anfang des Jahres informiert, bis Ende 2029 insgesamt 1.900 Stellen streichen zu wollen. In einem Schreiben an die Beschäftigten erklärte Blume jetzt, dass das nicht reichen werde. In dem Brief, der dem SWR in Auszügen vorliegt, heißt es, die Lage für Porsche bleibe ernst, Vorstand und Betriebsrat wollten deshalb im zweiten Halbjahr über weitere Strukturmaßnahmen verhandeln.
Auch bei Audi sollen 6.000 Stellen bis 2027 wegfallen, weitere 1.500 bis Ende 2029. Bei Mercedes, mutmaßen Insider, könnten insgesamt bis zu 20.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen - der Hersteller bestätigt diese Zahl offiziell nicht und nennt keine konkreten Zahlen zu einem möglichen Jobabbau, bis 2027 sollen allerdings insgesamt fünf Milliarden Euro eingespart werden.
Die Krise kommt auf dem Arbeitsmarkt an
Daten der baden-württembergischen Arbeitsagentur zeigen: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Autoindustrie im Dezember 2024 ist im Vergleich zu Dezember 2023 um 2,5 Prozent gesunken. "Damit hat sich Beschäftigung in der Autoindustrie vom allgemeinen Trend auf dem Arbeitsmarkt entkoppelt", erklärt ein Agentursprecher. Denn insgesamt werde in Baden-Württemberg nach wie vor Beschäftigung aufgebaut.
Allein im Juni 2025 haben fast 300 Menschen ihren sozialversicherungspflichtigen Job in der Autoindustrie verloren und sind arbeitslos geworden - und die Statistik zeigt laut Arbeitsagentur auch, dass es sehr schwer für sie ist, einen neuen Job in dieser Branche zu finden.
Experten sehen anhaltenden Abwärtstrend in der Autoindustrie
Enzo Weber, Experte beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ist überzeugt, dass sich der Abwärtstrend fortsetzen wird und Zehntausende Stellen in der Autoindustrie wegfallen werden. Dabei gehe es aber nicht um massenhafte Entlassungen, sondern auch die demografische Entwicklung, Abfindungs- und Frühverrentungsprogramme und weniger Neubesetzungen führten dazu, dass die Zahl der Beschäftigten insgesamt sinken werde.
Tatsächlich müssen die Mitarbeitenden bei den großen Unternehmen nicht fürchten, dass sie betriebsbedingt gekündigt werden. In Konzernen wie Bosch, Mercedes oder Porsche gilt eine Beschäftigungsgarantie - bei Bosch bis Ende 2027, bei Porsche bis Mitte 2030 und Mercedes bis 2034. Die Firmen setzen deshalb auf Abfindungsprogramme, mit denen sie Beschäftigte motivieren wollen, freiwillig zu gehen. Wie erfolgversprechend das ist, ist im Moment allerdings schwer zu sagen, Mercedes will sich auf SWR-Nachfrage nicht dazu äußern, wie viele Mitarbeitende ein Abfindungsangebot angenommen haben.
Die Krise in der Automobilindustrie hat mehrere Ursachen
Für die Krise in der Autoindustrie gibt es viele Gründe. Manche sind hausgemacht, zum Beispiel, dass sich die Hersteller nach wie vor schwertun mit der Umstellung auf die E-Mobilität. Dazu kommen aber immer mehr äußere Umstände, die die Unternehmen belasten: die Zollauseinandersetzung mit den USA oder der schwächelnde chinesische Markt, auf dem grade Luxusmarken wie Porsche oder Mercedes weniger Fahrzeuge verkaufen.
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten treffen die Hersteller und in der Folge dann auch die Zulieferer. Viele setzen deshalb auf Sparprogramme und Personalabbau, um sich weiterhin im weltweiten Wettbewerb behaupten zu können. Ein Ende des Stellenabbaus in der Autoindustrie? Ist erstmal wohl nicht in Sicht.
SWR1 Arbeitsplatz Autobranche: "Wir haben Angst um unsere Jobs!"
"Automobilindustrie in der Krise: Gründe, Auswege und Tarifverhandlungen", ein Interview mit Birgit Priemer, Chefredakteurin von Auto Motor und Sport +++ Zu wenige Postfilialen auf dem Land: Will keiner den Job als Partnerfiliale? +++ Frag den Karriere-Coach Martin Wehrle: "Wie komme ich mit der Nachrichtenflut klar?"
Experte: Neue Aufgaben für Beschäftigte aus Autobranche
Experte Weber sagt aber auch: Wer seinen Job in der Autoindustrie verliert, habe gute Chancen in anderen Branchen. "Die Expertise der Beschäftigen wird für eine erfolgreiche Transformation dringend gebraucht", ist er überzeugt. Aus seiner Sicht ist die aktuelle Entwicklung in der Autoindustrie eben nicht notwendigerweise der Beginn der Deindustrialisierung Deutschlands.
Er sieht großes Potenzial in Technologien, die zum Beispiel für die Energiewende gebraucht werden. Es gehe darum, Beschäftigte aus der Autobranche für neue Aufgaben zu motivieren und zu qualifizieren. Und die Politik müsse dafür die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.
Psychologische Aspekte der Automobil-Krise
Die Meldungen zum Jobabbau haben eine große Bedeutung für die Beschäftigten. Professorin Monika A. Rieger, die Ärztliche Direktorin des Instituts für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung an der Uniklinik Tübingen, sagt "Arbeitsplatzunsicherheit ist ein psychischer Stressor insbesondere dann, wenn die Beschäftigten selbst sich nicht mit dem Gedanken tragen, ihre Tätigkeit zu beenden oder zu ändern."
Doch auch ein grundsätzlich vorhandener Wunsch, bald in Rente zu gehen oder bald die Tätigkeit zu wechseln, schütze letztlich nicht davor, dass es zu körperlichen oder psychischen Reaktionen durch den (drohenden) Arbeitsplatzverlust komme, so Rieger. "Denn Arbeit ist in vielerlei Hinsicht eine wichtige Ressource für Menschen und das nicht nur mit Blick auf den Verdienst."
So vermittele gute Arbeit Menschen das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, und ermöglicht zum Beispiel vielfältige soziale Beziehungen und vieles mehr. "Wenn all das wegfällt oder wegzufallen droht, kann das ein Stressor sein und zu Fehlbeanspruchungen führen, insbesondere, wenn das unfreiwillig geschieht."
Licht am Ende des Tunnels: Wann ist die Krise in der Autoindustrie vorbei?
Die aktuellen Geschäftszahlen der Hersteller sind nicht gut, keine Frage. Aber es gibt Hoffnung. Der E-Auto-Markt zieht endlich an. Es gibt mehr Ladesäulen und das Image der E-Autos verbessert sich. Es könnte eine Einigung im Zoll-Streit mit den USA geben, und wenn diese Unsicherheit wegfällt, hilft das der Industrie, auch in Baden-Württemberg. Wann es wirklich wieder aufwärts geht und die Unternehmen in der Automobilbranche wieder Beschäftigung aufbauen, vermag keiner zu sagen.
Die jüngsten Zahlen des ifo Instituts von Ende Juli 2025 zeigen, dass niedrigere Zinsen und die geplanten Milliardeninvestitionen der Bundesregierung die Stimmung in der deutschen Wirtschaft weiter verbessert haben. Allerdings ist nach Einschätzung des ifo Instituts derzeit nicht mit einem stärkeren Aufschwung zu rechnen.