Der Bio-Markt boomt: Nach Zahlen des Spitzenverbandes der Biobranche, dem Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), greifen in der sogenannten Generation Z etwa 90 Prozent zu Bio-Produkten. Was deutschlandweit der Fall ist, gilt für Baden-Württemberg in besonderem Maße. Die Baden-Württembergerinnen und Baden-Württemberger konsumieren rund 17 Prozent mehr Bio als die Deutschen im Durchschnitt.
Auch der landwirtschaftliche Anteil an Biofläche liegt in Baden-Württemberg etwas über dem deutschen Durchschnitt - er wächst leicht: 2023 waren es 14,8 Prozent und 2024 etwa 15,3 Prozent. Vom Ziel der Landesregierung, bis 2030 insgesamt 30 bis 40 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch zu bewirtschaften, ist Baden-Württemberg aber noch weit entfernt.
Zum Start der Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau, der Grünen Woche in Berlin, haben wir über Bio-Lebensmittel im Trend berichtet:
Warum nimmt der Bio-Anbau nicht stärker zu?
"Die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln ist nach wie vor ein relativ starker Wachstumsmarkt. Aber die Produktionsflächen, also das Angebot, das man in Baden-Württemberg erzeugt, kommt dieser Entwicklung nicht nach", fasst Christoph Schramm, Referent für Landwirtschaft beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), zusammen.
Die Ziele in Baden-Württemberg decken sich mit denen der Bundesregierung: 30 Prozent bis 2030. "Wir bräuchten jährlich in Baden-Württemberg etwa 40.000 Hektar, aber im Schnitt sind es 5.000", so Schramm. Er fordert eine bessere Förderung, denn in den letzten Jahren sei der Preisunterschied zwischen Öko und konventionell geschrumpft. Mit Blick auf den Preis sei die Umstellung daher gerade nicht so attraktiv. Eine stärkere Förderung hält er für dringend notwendig.
Der Blick geht nach Brüssel
Es wäre bereits gut, wenn bestehende Förderungen nicht gestrichen würden, so Michelle Lumpe, Referentin für ökologischen Landbau beim Landesbauernverband. Die aktuelle Öko-Prämie würde etwa von der EU derzeit grundsätzlich in Frage gestellt.
Der Bio-Sektor in Baden-Württemberg hat auf jeden Fall das Potenzial weiter zu wachsen, wenn die Produktionsbedingungen für die Erzeuger passen.
Was könnte Landwirten den Umstieg auf Bio erleichtern?
Ihre Hauptforderungen: Es brauche eine deutliche Verbesserung des aktuell sehr komplizierten EU-Tierrechts und bessere Preise im Öko-Ackerbau. Denn geringe Erzeugerpreise - also Preise, die bei den Erzeugern direkt ankommen - machen es den Betrieben schwer, wirtschaftlicher zu arbeiten.
Und was die EU-Gesetzgebung angeht, gibt sie ein konkretes Beispiel: Die nun in Kraft getretene Weidepflicht. Zehn Prozent der deutschen Öko-Milchviehbetriebe hätten aufgrund dieser neuen Weidevorschrift ab 2025 ihre Zertifizierung aufgegeben. Dies schreibt vor, dass alle Tiergruppen zu 100 Prozent auf die Weide müssen. "Das konnten nicht alle Betriebe umsetzen. Das waren teilweise Bio-Betriebe der ersten Stunde." Besonders aufgrund der strukturellen Begebenheiten in Süddeutschland, mit kleineren Bauernhöfen, weniger zusammenhängenden Flächen und weniger hofnahen Flächen sei diese Richtlinie ein großes Problem.
Wer bezahlt fürs Gemeinwohl?
Die EU spielt eine zentrale Rolle, bestätigt auch Christoph Zimmer, Geschäftsführer von Bioland Baden-Württemberg und Sprecher für die Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau. Er ist gelernter Landwirt. "Eine Herausforderung für Landwirte, die nach ökologischer Wirtschaftsweise arbeiten, ist, dass sie Dinge tun, die eigentlich selbstverständlich sind: die Biodiversität schützen, für weniger Nitrateintrag im Grundwasser sorgen, Pflanzenschutzmittel reduzieren." Das sind aber Dinge, die sie in der Wettbewerbsfähigkeit schlechter stellten. Deswegen brauche es einen Ausgleich über eine Förderung.
Er gibt ein Beispiel: "Die Nitratbereinigung des Grundwassers kostet die Gesellschaft eine Menge Geld." Der Unterschied sei, dass im konventionellen Bereich manche Folgekosten von der Allgemeinheit getragen würden.
Die Hektarprämie für den Ökolandbau sei zu niedrig - "da liegen wir im Vergleich der Bundesländer im hinteren Drittel", so Schramm. Auch eine Entbürokratisierung koste nichts. Bei einigen Umweltauflagen sei die EU in diese Richtung gegangen und habe für den Ökolandbau Erleichterungen geschaffen.
Welche Rolle spielen Verbraucher und der Einzelhandel?
Michelle Lumpe vom Landesbauernverband erinnert daran, dass konsumierte Bio-Produkte nicht unbedingt auch in Baden-Württemberg erzeugte Lebensmittel seien - sondern etwa immer mehr auch verarbeitete Produkte aus dem Drogeriemarkt.
"Der Handel ist auch gefragt, heimische regionale Produkte vorrangig anzubieten", so Lumpe. Die stünden auch unter der starken Importkonkurrenz, etwa aus dem europäischen Ausland ohne Mindestlohn. Denn nur weil Menschen Wert auf Bio legten, schauten sie nicht unbedingt auf regionale Produkte: "Einzelne Discounter etwa haben hauptsächlich holländische Eier im Angebot", so Lumpe.
Bio-Eier und Haltungsformen Bio bei Aldi: Wie der Discounter bei Eiern, Fleisch und Lebensmitteln vorankommt
Bio-Produkte spielen eine immer größere Rolle, auch bei Supermärkten und Discountern. Ständig kommen neue dazu. Wie es bei Bio-Eiern und Tierhaltung bei Aldi-Lieferanten aussieht.
Zu wenig Bio für zu viel Nachfrage
Die Nachfrage nach heimischen Bio-Erzeugnissen überschreitet nahezu im gesamten Sortiment das Angebot: In Baden-Württemberg ist der Getreide- und Gemüsebereich nur zur Hälfte aus regionaler Erzeugung gedeckt. Bei Eiern ist die Nachfrage ungefähr drei Mal so hoch wie das Angebot. Bei Fleisch und Milch liegt die Nachfrage 50 Prozent über dem Angebot. Nur bei Äpfeln gibt es eine Übererzeugung wegen des Anbaugebiets am Bodensee.
Es wäre ein guter Zeitpunkt, um zu sagen: Jetzt muss mehr Umstellung passieren. Weil die Sachen werden nachgefragt und das Angebot kommt nicht hinterher.
Wie geht es weiter?
Die geforderte Erhöhung der Hektarprämie werde derzeit geprüft, heißt es aus dem Landwirtschaftsministerium. In den nächsten Wochen sollen außerdem Gespräche mit den Öko-Verbänden stattfinden, wie Hürden für den Umstieg abgebaut werden können. Förderung sei das eine, so das Ministerium, Landwirte müssten letzten Endes ihr Geld aber am Markt erwirtschaften können.
Für die Konsumenten von morgen läuft derzeit an 30 beruflichen Schulen in Baden-Württemberg ein Pilotprojekt, das landwirtschaftliche Themen ganz praktisch am Aufbau eines Burgers behandelt: Was ist dessen Wertschöpfungskette - vom Salatblatt bis zum Käse? Das Projekt soll im nächsten Schuljahr ausgebaut werden.