Vor wenigen Wochen ging der Tod der Zwillinge Alice und Ellen Kessler durch die Medien. Die beiden Schwestern starben im Alter von 89 Jahren, nachdem sie den assistierten Suizid in Anspruch genommen hatten. Dafür arbeiteten sie mit der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. (DGHS) zusammen.
Wir sind froh, dass es die DGHS gibt und wir mit Würde unser Leben beenden können.
Kritik von kirchlichen Verbänden - Sterbehilfegesellschaft wehrt sich
Der Tod der Kessler-Zwillinge hat in Deutschland die Diskussion um Sterbehilfe neu angefacht. Kirchliche Verbände wie die Diakonie Württemberg und die Caritas kritisierten die öffentliche Berichterstattung als "Romantisierung des assistierten Suizids". Ein Vorwurf, den Dustin Schubert von der Sterbehilfegesellschaft Linus in Stuttgart nicht nachvollziehen kann.
Es gehe bei der assistierten Sterbebegleitung vor allem um kranke Menschen, die keine Aussicht auf Heilung oder erträgliche Lebensqualität hätten, so Schubert im Interview mit dem SWR. "Die moralisch entscheidende Frage ist daher nicht, ob man solche Menschen begleitet - sondern wie man es rechtssicher, würdevoll und verantwortungsvoll tut."
Feature | ARD Radiofeature Black Box Sterbehilfe – Doku über Suizidhilfe-Organisationen
Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2020 boomt die Suizidhilfe in Deutschland. Experten warnen vor Lücken bei Begutachtung, Transparenz und Aufklärung über Alternativen.
Von Martina Keller | Produktion: WDR 2025
Ethik-Expertin: Große Verantwortung für Pflegepersonal
Die moralischen und ethischen Fragen zum assistierten Suizid kennt Annette Riedel sehr gut. Sie selbst ist ausgebildete Pflegerin, Professorin für Pflegewissenschaft und Ethik an der Hochschule Esslingen und Mitglied im Deutschen Ethikrat.
Im Gespräch mit dem SWR sagt sie, es dürfe keinerlei äußeren Druck geben, der Suizidwünsche begünstigt. Gleichwohl seien Teams, Pflegepersonal wie auch Institutionen gefordert, sich mit ihrer Haltung zum Thema Sterbehilfe auseinanderzusetzen.
Der Wunsch nach assistiertem Suizid bedeute für das Personal ein hohes Maß an Verantwortung, das einen umfassenden Prozess der Begleitung, Kommunikation und auch Intervention erfordere, so Riedel. Jetzt gehe es darum, eine Kultur der Selbstreflexion zu etablieren, die auch das Personal bei moralischen Belastungen unterstütze.
Wie sieht der Weg der assistierten Sterbebegleitung aus?
Das Unternehmen Linus hat einen solchen Prozess bereits entwickelt. Laut Geschäftsführer Schubert darf sich grundsätzlich jeder erwachsene Mensch für eine assistierte Sterbebegleitung "bewerben". Zwischen Anfrage und tatsächlicher Begleitung liege aber ein hoher Prüfmaßstab.
Es gebe ärztliche Vorgespräche, Befunde würden gesichtet sowie gegebenenfalls psychiatrische oder neurologische Gutachten. Grundvoraussetzung sei immer, dass die Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit der bewerbenden Person gegeben sei, was ebenfalls wiederholt geprüft werde, und dass alle Alternativen ausgeschöpft wurden.
Ein erheblicher Teil der Anfragen mündet nicht in eine Begleitung, sondern in Hinweise auf Therapie, Palliativversorgung oder Krisenintervention.
Gesetzlicher Rahmen für Sterbehilfe: Wunsch nach Standards
Laut einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2020 ist die Tätigkeit von Sterbehilfe-Organisationen wie Linus oder der DGHS grundsätzlich legal. Allerdings legten die Karlsruher Richterinnen und Richter dem Gesetzgeber schon damals nahe, einen juristischen Rahmen zu schaffen, um Missbrauch zu verhindern. Mehrere Gesetzentwürfe scheiterten bislang an einer Mehrheit im Bundestag.
Auch Dustin Schubert von Linus wünscht sich Rahmenbedingungen - sowohl für Personal als auch für Betroffene und Angehörige. "Wir begrüßen transparente Standards, zum Beispiel zur Beratung, Dokumentation und zur Prüfung der Entscheidungsfähigeit", so Schubert. Diese dürften aber keine verdeckten Hürden sein, die das Grundrecht auf Sterben ins Leere laufen ließen.
Eine Begleitung muss ergebnisoffen sein: Sie muss sowohl ein Ja als auch ein Nein zur Freitodbegleitung respektieren.
Pflegeeinrichtungen rät Ethikerin Annette Riedel, die moralischen Fragen jetzt zu klären und nicht erst, wenn ein Gesetz verabschiedet wird. Das sei die Verantwortung gegenüber den Menschen in ihrer individuellen Not sowie dem Fachpersonal und dessen ethischen Herausforderungen im Alltag.