Händler enttäuscht von Politik

Einzelhandel in BW klagt: Kunden wollen reisen statt shoppen

Der Handelsverband Deutschland rechnet mit kaum steigenden Umsätzen in diesem Jahr. Auch die Einzelhändler in Baden-Württemberg spüren das geringere Kaufinteresse vieler Kunden.

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Von Autor/in Martin Rottach, Sven Marcinkowski

Der Handelsverband Deutschland (HDE) rechnet in diesem Jahr mit einem eher mauen Geschäft. Preisbereinigt werde der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr voraussichtlich um 0,5 Prozent wachsen, teilte der HDE mit. Mehr als die Hälfte der Einzelhändler befürchtet sogar, dass die Umsätze im Gesamtjahr 2025 unter dem Vorjahresniveau liegen könnten, das zeigt eine HDE-Umfrage unter rund 650 Handelsunternehmen.

Sorgen macht sich auch Ingo Hänel. Er ist Geschäftsführer von Schuh-Beck, einer Kette mit 14 Filialen in Baden-Württemberg. Das Geschäft im ersten Halbjahr beschreibt er als "anspruchsvoll".

Wir spüren im Laden die Unsicherheit der Kunden.

Viele Kunden müssten sparen und das merke der Handel. Wenn Kunden sich nicht zwischen dem blauen und dem weißen Schuh entscheiden konnten, hätten sie früher oft beide genommen, erzählt Hänel. Das komme zwar auch heute noch ab und zu vor, aber seltener.

Handelsverband BW: Urlaub hat Priorität

Die Kaufzurückhaltung bezieht sich jedoch nicht allein auf Schuhe. Für fast den gesamten Handel im Land sei das erste Halbjahr schlechter gelaufen, berichtet Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverband Baden-Württemberg. Der Lebensmittelhandel halte sich momentan noch, sagt Hagmann, doch die Kunden sparten an allem, was nicht unbedingt nötig sei. Zu den Sorgenkindern gehören laut Hagmann Möbelgeschäfte, Modegeschäfte und sogar Baumärkte.

Neben der allgemeinen Unsicherheit gebe es aber noch einen weiteren Grund für die Konsumflaute: Momentan werde sehr viel in Urlaub investiert, erklärt Hagmann. Fürs Shoppen bleibt dann häufig nicht mehr viel übrig.

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Händler enttäuscht von der Politik

Dabei sollte dieses Jahr eigentlich alles besser werden. Das Konsumklima hatte sich im Frühjahr aufgehellt, die Wirtschaft erhoffte sich von der neuen Bundesregierung Entlastungen. Dass diese nicht kommen, enttäuscht Einzelhändler wie Ingo Hänel. Er hätte sich beispielsweise Entlastung bei der Stromsteuer gewünscht. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD war vereinbart, dass alle Stromkunden entlastet werden sollen. Ende Juni wurde dann jedoch nur eine Senkung der Stromsteuer für die Industrie in den Haushaltsentwurf eingebracht.

Bei Schuhhändler Hänel stößt das auf Unverständnis. "Ich habe 14 Läden, die habe ich zwölf Stunden am Tag offen", klagt er. Da schlügen die Stromkosten schon durch. Auch die Verbraucher müssten weiterhin höhere Stromkosten zahlen. Dass nur die große Industrie entlastet werden soll und der Handel ausgenommen werde, sei eine Enttäuschung, so Hänel.

Handel fühlt sich nicht gesehen

Die Politik müsse den Handel viel mehr im Fokus haben, fordert Ingo Hänel.

Wir sind der drittgrößte Arbeitgeber im Land, wir schaffen unheimlich viele Ausbildungsstellen. Und wir werden oft nicht gesehen. Wir sind immer das kleine Licht hinter der großen Industrie.

Ohne den Einzelhandel gehe in den Innenstädten im wahrsten Sinne des Wortes das Licht aus. Hänel wünscht sich deshalb Entlastung für die Branche. Neben der Senkung der Stromsteuer gehöre auch dazu, dass bei den Beschäftigten mehr Netto vom Brutto ankomme. Ein Wunsch, der auch vom HDE Deutschland geteilt wird. Dieser fordert eine Deckelung der Sozialversicherungsbeiträge bei 40 Prozent. Komme diese nicht, dann seien "massenweise Stellenstreichungen unvermeidbar", warnt der Handelsverband Deutschland.

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Martin Rottach
Reporter Martin Rottach
Sven Marcinkowski
Onlinefassung
Tamara Land
Tamara Land, SWR Wirtschaftsredaktion