Ralf Schumann ist Geigenbaumeister aus Leidenschaft. Für ihn ist es genauso faszinierend, neue Instrumente zu schaffen wie alten "Problemkindern" ihren verlorenen Klang zurückzugeben. Mit feinen Nadelstichen behandelt er genau diese Instrumente, damit sie wieder ihren perfekten Klang entfalten können.
Schumann sucht den Klangfehler
Ganz vertieft in ihr Geigenspiel steht die Stuttgarter Gesangs- und Geigenlehrerin Rike Kohlhepp in der Werkstatt von Schumann in Münstertal im Schwarzwald. Schumann sitzt in einiger Entfernung und lauscht. Was ist los mit der Geige? Irgendwas mit der A-Seite, meint Kohlhepp. Ein Fall für Ralf Schumann, der unter Musikern auch schon mal "Geigenflüsterer" genannt wird.
Schumann klopft jetzt Kohlhepps Violine genau ab. Auf der linken Instrumentenseite sollte der Klopf-Klang tiefer sein als rechts. "Ist verdreht!", sagt Schumann. Dass da tatsächlich ein Unterschied ist, hört auch der Laie.
Mit einem Pieks zum perfekten Klang
Schumann greift zur Nadel und piekst an ausgewählten Stellen ins Instrument. Kaum sichtbar, aber vom Klang scheint sich etwas zu ändern. "Klangabstimmung" nennt Schumann seine Methode offiziell.
Der Nadelstich bewirkt, dass sich die Struktur im Resonanzkörper verändert und damit auch die Schallwellen. Das ist der hohle Teil des Instruments, meist aus Holz, der den Ton verstärkt und ihm den schönen Klang gibt. Die feinen Piekser setzt der Geigenbauer an die unterschiedlichsten Stellen des Instruments, zum Beispiel in das Griffbrett, den Saitenhalter oder die Schnecke.
Musiker aus ganz Deutschland reisen zu Schumann
Renommierte Musiker aus ganz Deutschland kommen zu ihm und sind von der Methode überzeugt. Schumann selbst hat seine Klangabstimmung sogar von Wissenschaftlern der Uni Hamburg untersuchen lassen. Bei den Experimenten vor und nach dem Pieksen konnten Veränderungen hör- und sichtbar gemacht werden.
Wunderbar! Die A-Seite ist viel besser. Es ist jetzt kräftiger, direkter, also mehr Kraft drin!
Auch Bläser kommen zu Schumann ins Münstertal. Ob Fagott oder Kontrafagott. Denn nicht nur Holz lässt sich mit seiner Methode behandeln - auch Metall. In das Mundstück des Fagotts von Paul-Gerhard Leihenseder setzt er gezielt Nadelstiche. Für Schumann sind alle Instrumente potenzielle „Patienten“.
Seine Methode ist in Deutschland einzigartig. Aber er ist möglicherweise nicht der Erste, der sie anwendet. Denn die Idee mit dem Pieksen ist ihm beim Durchblättern von Bildbänden über alte wertvolle Geigen gekommen.
Bei alten Instrumenten, bei Stradivari und Guadagnini gibt es oft Einstiche an der Schnecke. Dann habe ich einfach gedacht: Macht das was mit dem Klang?
Wenn ein kleiner Pieks große Töne macht
Auch wenn die Methode ungewöhnlich wirkt, scheint sie logisch. Denn ähnlich wie beim Menschen gilt: Schmerzt ein Körperteil, kann der ganze Körper darunter leiden.
Ein Pieks an der richtigen Stelle bewirkt für die Musiker ein echtes Klangwunder. Und Schumann selbst freut sich, wenn er mit den feinen Nadelstichen seinen speziellen Patienten helfen kann.