Wer durch deutsche Innenstädte schlendert, merkt schnell: Das Sie ist auf dem absteigenden Ast. Ob im Café, bei der Bäckerei oder auf Werbetafeln – überall wird man geduzt, meistens ungefragt. Und auch in der Arbeitswelt ist das Du längst angekommen. Was hat es damit auf sich?
Bei JobRad sind alle per Du
Besuch bei JobRad, am Freiburger Firmensitz. Großraumbüro, Konferenzräume, Kaffeeküche: Modern sehen sie aus, die Räumlichkeiten des deutschen Marktführers im Dienstrad-Leasing. 800 Mitarbeitende hat das Unternehmen, und alle duzen sich, egal ob CEO oder Reinigungskraft. Das Duzen sei keine zwanghafte Vorgabe, erklärt Sonja Sturm, Personalleiterin bei JobRad. Als Tech-Unternehmen, das modern sein will, gehöre das mit dazu.
Auch in vielen anderen Unternehmen ist das Duzen längst die Norm. Bei JobRad wolle man dadurch Nähe erzeugen. Außerdem sei es so einfacher, auf die Themen zu kommen. Man könne "sich nicht erst hinter irgendwelchen Hierarchien verstecken", sagt Sturm. So komme man schneller auf den Punkt.
Knigge-Expertin: Duzen erzeugt Nähe
Jemanden zu duzen sei immer auch ein Zeichen von Sympathie, sagt Betül Hanisch. Sie leitet eine Knigge-Schule in Freiburg und berät Unternehmen im Umgang mit Kundschaft. "Jemand, der jemand anderem das Du anbietet, zeigt: Ich finde dich so sympathisch, ich will ein bisschen mehr Nähe zu dir haben", so Hanisch.
IKEA als Vorbild: Immer mehr Firmen duzen die Kundschaft
Freundschaftliche Nähe durch ein unscheinbares Du: Manch einer versucht genau das auszunutzen. Zum Beispiel Unternehmen, die uns etwas verkaufen wollen. Ob auf Plakaten, in Schaufenstern oder TV-Spots – das Du verdrängt immer mehr das Sie. Einer der Vorreiter ist das Möbelhaus IKEA. Schon Anfang der 2000er begann man dort, seine Kundschaft zu duzen.
Diese Strategie kommt bei einigen potenziellen Kundinnen und Kunden in Freiburg nicht gut an. "Ich finde, das gehört sich nicht", sagt eine Passantin. Anbiederung sei das. Ihr Partner ergänzt: "Wenn man im Internet angeschrieben wird, um irgendeinen Mist zu kaufen, wird man geduzt. Das kaufe ich dann bestimmt nicht."
Das Freiburger Café Schmidt: Siezen ist gut, der Kuchen noch besser
Aber es gibt auch Orte, an denen das Sie noch seinen festen Platz hat. Etwa im Freiburger Café Schmidt. Hinter der mit allerlei Torten, Pralinen und Kuchen bestückten Theke begrüßt Konditormeisterin Eva Hauber ihre Kundschaft mit einem freundlichen: "Was darf es heute sein für Sie?"
Das Sie passe zum Ambiente des Café-Hauses, sagt Hauber. Es sei ein Zeichen der Wertschätzung und des Respekts der Kundschaft gegenüber. Und auch die Kundschaft findet: Das Sie passt hier.
Wann duzen und wann lieber siezen?
Aber was ist denn nun wann angebracht? Ein Pauschalrezept gebe es nicht, sagt Knigge-Expertin Hanisch. In der Wirtschaft sei die Frage nach dem Duzen oder Siezen etwa abhängig von der Branche, in der man tätig ist. Würde eine Bank beispielsweise ihre Kundschaft duzen, würde das wohl manchem negativ aufstoßen, meint Hanisch.
Wer darf wem das Du anbieten?
Wo ein Du angebracht ist und wo ein Sie, das ist heute gar nicht mehr so einfach zu beantworten. Wer aber wem das Du anbieten darf, dazu gibt es Benimmregeln. Grundsätzlich gilt der Knigge-Expertin zufolge ein Leitsatz, der manchem oder mancher altmodisch anmuten könnte: Weil die Frau "muskelschwächer" sei als der Mann, habe sie das Vorrecht. Die Frau entscheidet also, ob sie mit einem Mann mehr Nähe möchte oder nicht.
Ist keine oder sind zwei Frauen beteiligt, entscheide das Alter. Wer älter sei, dürfe das Du anbieten. Innerhalb eines Unternehmens gelten demnach aber ganz andere Regeln. Hier kommt es Hanisch zufolge allein auf die Hierarchie an. Auch wenn die neue Chefin vielleicht die Jüngste im Team ist: Sie darf das Du anbieten.
Wertschätzung geht per Du und Sie
Betül Hanisch empfiehlt aber grundsätzlich Gelassenheit beim Thema. Und im Zweifel solle man offen darüber reden. Weder das Duzen noch das Siezen sei grundsätzlich besser. Eigentlich gehe es ja darum, seinem Gegenüber Wertschätzung entgegenzubringen. "Und die Wertschätzung kann ich über Sie und Du ausdrücken", sagt Hanisch.