Bei dem Aquarell "La Montagne Sainte-Victoire" von Paul Cézanne soll es sich um Raub- oder Fluchtkunst handeln. So lautet der Vorwurf, den der renommierte deutsche Herkunftsforscher Willi Korte im Schweizer Fernsehen (SRF) erhoben hat. Denn die Dokumentation zeigt, dass das 1888 entstandene Werk in den 1930er-Jahren dem jüdischen Kunstsammler Gustav Schweitzer gehört hat. Zuletzt war es in der Cézanne-Ausstellung der Fondation Beyeler in Riehen (Basel-Stadt) zu sehen.
Kunstsammler flüchtete während der NS-Zeit aus Deutschland
Die Geschichte hinter dem Kunstwerk ist problematisch, so der Herkunftsforscher. Sie sei bis ins Frühjahr 1939, also zur Zeit der Nationalsozialisten, dokumentiert. "Aus dieser Geschichte kann man eindeutig entnehmen, dass es sich mindestens um Fluchtgut handelt. Möglicherweise eben aber auch um Raubgut in Verbindung mit der deutschen Besetzung von Paris", so die Schlussfolgerung des Experten. Gustav Schweitzer musste während des Nationalsozialismus aus Deutschland flüchten. Von seinen Nachfahren lebt heute nur noch ein Enkel in Kalifornien (USA).
Enkel möchte mehr über die Sammlung der Großeltern erfahren
Peter Schweitzer, der Enkel des Kunstsammlers hatte den Experten Willi Korte für die Nachforschungen beauftragt. "Es ist für mich berührend, dass das Bild nun auftaucht. Es wäre ein Akt der Gerechtigkeit für meine Großeltern, wenn wir mehr über ihre Sammlung erfahren und sie wieder zusammenführen könnten. Eine Art Wiedergutmachung für meine Familie, für alles, was sie im Zweiten Weltkrieg verloren hat." Darum fordert er gemeinsam mit dem Experten, dass die Fondation Beyeler das Bild erstmal nicht wieder an den derzeitigen Besitzer zurückgibt.
Museum: "Es lag kein Hinweis auf Raub- oder Fluchtkunst vor"
In einer Stellungnahme äußerte sich die Fondation Beyeler zu den Vorwürfen, Raub- oder Fluchtkunst ausgestellt zu haben: "In dem vorliegenden Fall verfügte die Fondation Beyeler über die Provenienzangaben, aber es lagen keine konkreten Hinweise auf Raub- oder Fluchtkunst vor." Bei der Planung der vergangenen Cézanne-Ausstellung habe man die Herkunft geprüft und die Liste mit allen Werken für die Ausstellung zur Prüfung an externe Experten gegeben. Darüber hinaus taucht das Bild nicht in der Lost-Art-Datenbank abhandengekommener Kunstwerke auf.
Das Museum habe sich fachlich korrekt verhalten und halte sich an die ethischen Richtlinien für Museen des internationalen Museumsrats (ICOM) und die Washingtoner Prinzipien von 1998, sowie der Folgeerklärung von Terezin von 2009 betreffend NS-verfolgungsbedingt entzogener Kunstwerke, heißt es weiter. Dabei handelt es sich um selbstverpflichtende Richtlinien im Umgang mit Raubkunst und auch Werken, die unter dem Druck der Bedingungen während der NS-Zeit verkauft werden mussten.
Herkunftsforschung: Die Stationen des Cézanne-Aquarells in der Dokumentation
Es sei der Fondation Beyeler zwar nicht möglich, die Herkunft der Leihgaben bei zeitlich begrenzten Ausstellungen in dem Umfang zu prüfen, wie etwa bei Bildern im eigenen Bestand. Dennoch enthält die Stellungnahme eine genaue Dokumentation der Stationen des Bildes seit seiner Entstehung.
"La Montagne Sainte-Victoire" war 1936 noch Teil einer Cézanne-Ausstellung in der Kunsthalle Basel, bevor es im Jahr darauf (1937) als Leihgabe von Gustav Schweitzer in San Francisco ausgestellt wurde. "Soweit bekannt, emigrierte zur gleichen Zeit (1938) die Frau von Gustav Schweitzer nach New York und weiter nach Kalifornien, wo sie fortan lebte", zeichnet das Museum die Geschichte nach. "Gustav Schweitzer war zuvor, soweit bekannt, 1934 oder 1935 nach Frankreich und 1938 nach Manila emigriert, wo er 1939 verstarb."
Bild ist heute Teil einer Privatsammlung
Wem das Cézanne-Aquarell heute gehört, ist unbekannt. Es ist Teil einer Privatsammlung in den USA. Den Forderungen von Peter Schweitzer und Willi Korte, das Bild erstmal in ihrem Bestand zu behalten, kann das Museum allerdings nicht nachkommen. Die Leihverträge schließen das aus. Der Eigentümer werde aber über den Verdacht informiert, so die Fondation.