Die Schweiz ist auf dem Weg zum Bau eines Atommüllendlagers deutlich weiter als Deutschland. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) hat bereits 2022 entschieden, wo das Lager gebaut werden soll. Der Standort liegt nur drei Kilometer von der deutschen Grenze bei Hohentengen (Kreis Waldshut) entfernt: in einem Gebiet namens Nördlich Längern im Kanton Zürich. Der Bauantrag, das sogenannte Rahmenbewillungsgesuch, läuft. Die Bauarbeiten sollen 2045 starten.
Bis 2027 wird geprüft: Ist der Standort für ein Endlager geeignet?
Die Schweizer Bundesbehörde, die Eidgenössische Kommission für nukleare Sicherheit (ENSI), prüft die Unterlagen der Nagra. Das Gesuch der Nagra umfasst etwa 200 wissenschaftliche Berichte, die belegen sollen, dass sich das Tongestein im Grenzgebiet am Hochrhein für ein unterirdisches Atommüllendlager eignet. Diese Prüfung soll bis 2027 abgeschlossen sein. Auch die deutschen Behörden bekommen Einsicht und können zu den Gutachten Stellung nehmen.
Dieser Austausch ist sehr intensiv und wichtig. Wir stehen teilweise in direktem Kontakt mit den Gemeinden, die da sehr nahe sind.
Atommüll vor der Haustür: Herausforderungen für die betroffenen Gemeinden
Die Mitsprache vor Ort erfolgt über sogenannte Regionalkonferenzen. Darin sind Vertreter der Gemeinderäte, regionaler Behörden, von Organisationen sowie Privatpersonen. Sie sollen das Verfahren begleiten.
Ein Beispiel für die Mitsprachemöglichkeit: In Nördlich Lägern bei Hohentengen (Kreis Waldshut) haben die deutschen Betroffenen in der Regionalkonferenz erreicht, dass der oberirdische Eingang zum Bau des Endlagers weiter außer Sichtweite rückt. Ziel ist eine möglichst frühzeitige Diskussionen darüber, wie sich der Bau eines Atommüllendlagers auf Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft in den betroffenen Gemeinden auswirkt. Eines der Kernthemen im Jahr 2026 wird die Frage von Entschädigungszahlungen sein. Die deutschen Kommunen fordern von der Schweiz eine finanzielle Gleichbehandlung.
Deutsche Rheinseite für unterirdisches Endlager ungeeignet
Die angrenzende deutsche Rheinseite ist aus Sicht der Experten für den Bau eines Endlagers ungeeignet. Das teilte der Vorsitzende des Regionalverbandes Hochrhein-Bodensee, der Waldshuter Landrat Martin Kistler mit. Im Zuge der bundesweiten Suche nach einem Endlager für deutschen Atommüll war das Gebiet dort ebenfalls überprüft worden. Doch die Untersuchung hätten gezeigt, dass das Tongestein auf der deutschen Seite weniger mächtig und weniger stabil sei, erklärt Martin Kistler.
Volksabstimmung über Endlager in den 2030er-Jahren
Die endgültige Entscheidung über den Bau des Endlagers nahe der Grenze wird beim Schweizer Volk liegen. Nach der Prüfung durch die Behörden und einem Beschluss des Parlaments könnte es 2031 zu einer Volksabstimmung kommen.
Kein Plan B für Atommüll am Hochrhein
Eine Alternative zum Standort an der Grenze gibt es nicht. Die Nagra hat sich auf den Standort bei Hohentengen fokussiert und untersucht keinen weiteren Standort mehr. Sollte der Standort bei Hohentengen keine Zustimmung finden, würde das Verfahren von Vorne beginnen. Allerdings würde sich am Standort an der Grenze kaum etwas ändern, so die Einschätzung von Nagra-Sprecher Patrick Studer. Alle drei Standorte, die in der Schweiz bei der Endlagersuche in der engeren Auswahl waren, liegen im Grenzgebiet am Hochrhein.