Nach 738 Tagen in Gefangenschaft wurden alle 20 lebenden Geiseln von der islamistischen Terrororganisation Hamas freigelassen. In zwei Gruppen wurden sie am Montagvormittag dem internationalen Komitee des Roten Kreuz übergeben. Darunter sind auch vier Deutsch-Israelis. Tausende Menschen haben im Zentrum der israelischen Stadt Tel Aviv die Geiselübergabe mit großem Jubel gefeiert. Auch in Baden-Württemberg herrscht Erleichterung.
Jugendorganisation: Kampf gegen Antisemitismus ist noch nicht vorbei
Victor Marki spricht jetzt von einem Gefühl des Aufatmens. Er ist der Vorsitzende des Jungen Forums, der Jugendorganisation der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Rhein-Neckar. "Es besteht keine Gefahr mehr für die Geiseln - ich spüre heute eine unfassbare Freude", sagte Marki am Montag. Noch vor einer Woche hat die Jugendorganisation die Demo "Run for their Lives" in Heidelberg mitinitiiert. Die Forderung: die sofortige Freilassung aller lebenden israelischen Geiseln durch die Terrororganisation Hamas.
Trotzdem ist Marki skeptisch. Er glaube nicht daran, dass die Hamas ohne Druck von außen zu einem Frieden bereit gewesen wäre. Außerdem sei der Kampf gegen Antisemitismus nicht gewonnen: "Wir werden deswegen weiter auf die Straße gehen." Zudem wolle man weiterhin zeigen, dass junge Menschen an der Seite Israels stehen.
Erleichterung bei der Deutsch-Israelischen Gesellschaft am Bodensee
Auch für Sven Hansen ist es "ein Tag der Freude und Erleichterung". Er ist ehrenamtliches Vorstandsmitglied bei der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in der Bodensee-Region. Auf diesen Tag haben die Angehörigen der Geiseln hingefiebert: "In den letzten Tagen hat Israel im Grunde in einem Ausnahmezustand gelebt, weil immer noch nicht ganz sicher war, ob der Waffenstillstand hält und die Geiseln wirklich freikommen. Und heute Morgen war es dann endlich so weit", sagte er am Montag.
Die Geiselübergabe sei seiner Meinung nach ein wichtiger Schritt in Richtung Frieden. Dennoch sei es schwierig, abzuschätzen, wie sich die Situation weiterentwickelt. "Wir können hoffen, dass der Waffenstillstand hält. Es hängt aber auch maßgeblich davon ab, wie es im Gazastreifen weitergeht und wie sich die Hamas und andere Terrororganisationen in den nächsten Wochen und Monaten verhalten werden", sagte Hansen.
Vorstand der IRGW glaubt nicht an ein Ende des Nahost-Konflikts
Michael Kashi von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) war sehr froh, dass nach zwei Jahren endlich alle Geiseln wieder frei sind. "Als ich heute Morgen aufgestanden bin, habe ich sofort meinen Fernseher angemacht und konnte direkt sehen, was in Israel passiert. Das war eine richtige Freude für mich", sagte Kashi. Israel sei ein sehr kleines Land. In den vergangenen zwei Jahren habe jeder Verwandte gehabt, die entweder entführt wurden oder im Krieg gefallen oder verletzt wurden. "Man ist so verbunden miteinander. Solche Sachen betreffen alle Menschen", sagte er am Montag.
Seine Schwester lebe in der Nähe des Gaza-Streifens. Er selbst ist in Israel geboren und aufgewachsen. Zwar ist die Freude über den Tag der Geiselübergabe groß, Hoffnung auf Frieden habe er aber nicht. "Ich glaube nicht, dass es Frieden geben wird. Ich glaube nicht, dass die Hamas verschwinden wird", so das Vorstandsmitglied der IRGW. Es gebe keinen Plan für "danach". "Ich hoffe, dass man irgendetwas in Gaza ändert, dass die Menschen dort auch in Frieden mit Israel leben können", sagt Kashi. Aber solange es die Hamas gebe und sie in Gaza regiere, glaube er nicht, dass sich etwas an der Situation ändere.
Palästinakomitee Stuttgart: Schritt in die richtige Richtung
Attia Rajab und Verena Rajab vom Palästinakomitee Stuttgart haben mit Erleichterung auf die Freilassungen in Gaza und Israel geblickt. "Es hat mich sehr gefreut, dass die Menschen auf beiden Seiten gefeiert haben. Besonders auch für uns Palästinenser", sagte Attia Rajab. Dieser Tag sei aber ohne die Standhaftigkeit der Bevölkerung im Gazastreifen, die sich nicht vertreiben lasse, nicht möglich gewesen. Er sei jedoch skeptisch, ob der Waffenstillstand hält. "Wir haben Angst, dass der Krieg nach der zweiten Phase der Verhandlungen wieder von vorne beginnt. Das macht uns Sorgen", sagte das Vorstandsmitglied.
Auch Attias Frau Verena Rajab sagt, die Übergabe sei ein Schritt in die richtige Richtung gewesen. "Wir haben dadurch eine Chance bekommen, aber wir müssen weitermachen, sonst wird dieser Tage eine halbe Sache bleiben. Sonst kann dieser Tag kein Start werden in eine bessere Zukunft", sagte Verena Rajab am Montag.
Steinmeier schreibt freigelassenen deutschen Geiseln
Auch Politiker in Deutschland haben erleichtert auf die Freilassung der Hamas-Geiseln reagiert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat den freigelassenen Geiseln mit deutscher Staatsangehörigkeit persönlich geschrieben. Er hoffe, dass sie die Folgen der Gewalt, die sie erleiden mussten, rasch hinter sich lassen könnten. Außenminister Johann Wadephul (CDU) sprach von einem Moment der Freude, aber auch der Beklommenheit - weil manche Geiseln die Gefangenschaft nicht überlebt haben.
Im Rahmen der Vereinbarung zur Waffenruhe hat Israel laut eigenen Angaben im Gegenzug mehr als 1.900 palästinensische Häftlinge aus Gefängnissen entlassen. Darunter auch solche, die zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Insgesamt seien am Montag 1.968 palästinensische "Terroristen" aus mehreren Gefängnissen entlassen und ins Westjordanland sowie in den Gazastreifen gebracht worden, erklärte die Strafvollzugsbehörde.
Die Hamas hat die Übergabe von vier in Geiselhaft umgekommenen Israelis noch für Montag angekündigt. Die Übergabe der ersten Leichen begann nach Angaben der israelischen Armee am Montagnachmittag. Insgesamt soll es noch 28 tote Geiseln im Gazastreifen geben.