Als in oberschwäbischen Schulen auch mal Fäuste flogen

Pädagogische Hochschule Weingarten arbeitet Nachkriegspädagogik auf

Die PH Weingarten beschäftigt sich mit der "Schwarzen Pädagogik" der Nachkriegszeit. Sie möchte ab dem kommenden Semester die Folgen der einst gängigen Erziehungspraxis aufarbeiten.

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Von Autor/in Johannes Riedel

Die Arbeitsstelle Schulgeschichte der Pädagogischen Hochschule Weingarten beschäftigt sich mit der autoritären "Schwarzen Pädagogik" der 1950er- und 1960er-Jahre. Sie möchte im kommenden Semester die Folgen der einst gängigen Erziehungspraxis aufarbeiten. Körperliche Strafen in der Schule sind seit Mitte der 1970er-Jahre offiziell verboten, verpönt waren sie bereits früher. Aktuell sucht die Hochschule Zeitzeugen, die als Schülerinnen und Schüler körperliche Züchtigung oder auch psychische Gewalt durch Lehrerinnen und Lehrer erlebt haben.

Ausgang des Projektes war eine Feier zu 50 Jahre Abitur im Jahr 2024 in Biberach. Zum Schützenfest hatte sich der Jahrgang getroffen. Walter Uhl (Jahrgang 1955) erinnert sich: "Es kamen nach einer halben Stunde fast unglaubliche Horror-Geschichten von schlagenden, brüllenden und psychoterrorisierenden Lehrern und Lehrerinnen hervor." Mit zwei Psychologinnen aus seinem Jahrgang habe er beschlossen, diese Geschichten zu Papier zu bringen.

PH Weingarten will dokumentieren und sichtbar machen

Professorin Claudia Bergmüller ist Leiterin der Arbeitsstelle Schulgeschichte an der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Im Rahmen eines Studienprojekts will sie mit ihrem Team autoritäre wie gewaltförmige Erziehung an Schulen in der Region Bodensee-Oberschwaben in ihren historischen, sozialen und psychologischen Zusammenhängen dokumentieren und aufarbeiten. Dazu dienen anonymisierte Interviews mit Betroffenen und Zeitzeugen zum Erlebten, um die Geschehnisse einzuschätzen und zu verarbeiten.

Das Thema ist sensibel zu behandeln und ohne anzuklagen. Einschüchterungen, Demütigungen und körperliche Züchtigung waren autoritäre Erziehungspraktiken der damaligen Zeit und müssen daher auch in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext verstanden werden.

Geschichten von Gewalt, Einschüchterung und Demütigung

Bei den jährlichen Klassen- und Jahrgangstreffen rund ums Biberacher Schützenfest kommen neben all den schönen Erinnerungen also auch immer wieder traumatische Schulerlebnisse mit brüllenden, schlagenden und einschüchternden Lehrkräften zur Sprache. Oder Erlebnisse, wo Lehrkräfte nach Herkunft der Schülerinnen und Schüler und Stand der Familie selektierten. Diese entwürdigenden Geschichten klängen für heutige Ohren fast unglaublich, doch sie seien wahr und es habe sie bei Weitem nicht nur in Biberach gegeben, so Uhl.

Adi Kull und Walter Uhl erinnern sich auch mehr als 50 Jahre nach ihrem Abitur an "Schwarze Pädagogik" in ihrer Schule in Biberach
Adi Kull und Walter Uhl erinnern sich auch mehr als 50 Jahre nach ihrem Abitur an "Schwarze Pädagogik" in ihrer Schule in Biberach

Schläge waren Teil der "Schwarzen Pädagogik"

Die Rede ist von Schlägen auf Hände und Rücken durch eine Lehrerin mit einem "Tatzenstock" in der Grundschule, von Backpfeifen im Gymnasium bei fehlenden Hausaufgaben oder von Schlägen ins Gesicht durch einen Schulrektor, dem ein Schüler an einem Wintertag "Guten Morgen" gewünscht hatte, ohne die Mütze abzunehmen. Und ein "pädagogischer Haudegen" soll in den 1960ern sogar einen Sympathisanten der Außerparlamentarischen Opposition (APO) mit den Worten "Bürschchen, wehr‘ Dich!" zu einer Schlägerei aufgefordert haben, die er dann verlieren sollte.

Herkunft hat eine Rolle im Schulzimmer gespielt

Auch Uhls Klassenkamerad Adi Kull sieht das so: "Es war damals an der Tagesordnung, dass Lehrer sich mit Schlägen durchgesetzt haben." Der heute 70-Jährige berichtet auch, dass Kinder vom Land schlechter im Gymnasium dran gewesen seien als Stadtkinder oder Kinder, deren Eltern einen Laden hatten oder selbst Lehrkräfte waren: "Ein Lehrer, mit dem ich gut auskam, hat drei Kinder aus Bauernfamilien regelrecht mit Schlägen gequält." Er selbst sei nur einmal geschlagen worden, so Kull. "Im Affekt" habe er zurückgeschlagen und sei zwei Wochen von der Schule ausgeschlossen worden. Die Strafe sei dann verkürzt, der Lehrer später versetzt worden.

Neben körperlichen Strafen gab es auch psychische Einschüchterungen. Uhls Mitschüler Gerd Horseling erinnert sich, wie ein Lehrer in der ersten Stunde fragte: "Wie groß ist die Klasse?" Er denkt, sie seien damals so 37 oder 38 Schüler gewesen. Für den Lehrer sieben zu viel. Sein pädagogisches Ziel sei ausschließlich darauf ausgerichtet gewesen, die Klassengröße zu verkleinern, was ihm auch gelungen sei. Zornesausbrüche oder die Missachtung von bestimmten Schülerinnen und Schülern gehörten zum Alltag.

Nachkriegspädagogik: Geschichte soll festgehalten werden

Viele der damaligen Lehrer hätten Probleme mit sich gehabt, mit Kriegserlebnissen oder ihrer eigenen Vergangenheit, sagt Uhl. Und weil in den eigenen Familien mitunter ebensolche rauen Umgangs- und Erziehungsformen herrschten, hätten sich viele Schülerinnen und Schüler nicht ihren Eltern anvertraut – aus Angst vor einer Antwort wie "Du wirst es schon verdient haben".

Die Täter waren auch Opfer ihrer Zeit – traumatisiert vom Krieg, teilweise schnell entnazifiziert und umgehend auf die Schüler losgelassen worden: Auch das gilt es aufzuarbeiten.

Es gehe darum, diese Geschichten als Zeitzeugen einfach festzuhalten und das in den historischen Kontext zu setzen. Es gehe ihm gar nicht darum, eine Schule oder einen Lehrer "anzuschwärzen" sagt Uhl. Er glaube, diese Methoden gab es an vielen anderen Schulen auch.

Forscht zu "Schwarzer Pädagogik": Professorin Claudia Bergmüller von der Pädagogischen Hochschule Weingarten
Forscht zu "Schwarzer Pädagogik": Professorin Claudia Bergmüller von der Pädagogischen Hochschule Weingarten.

Arbeit der PH Weingarten soll historisches Verständnis schaffen

Diese Zeitzeugen-Dokumente sollen für ein besseres historisches Verständnis der Pädagogik der Nachkriegszeit sorgen, so Bergmüller, und helfen zu verstehen, wie Schule geworden ist, wie sie jetzt ist. Betroffene und Ortsbezüge bleiben anonym. Ziel des Projekts "Schwarze Pädagogik in der Nachkriegszeit" sei es, angehende Lehrerinnen und Lehrer dafür zu sensibilisieren, dass Erziehung nicht immer kindzentriert oder entwicklungsfördernd war.

Das Wissen darum hilft zu verstehen, warum bestimmte heutige Prinzipien wie Kinderrechte oder positive Bestärkung wichtig sind. Lehrkräfte müssten sich ihrer eigenen Verantwortung im Job bewusstwerden, sagt Claudia Bergmüller. Zudem könnten viele der psychischen Belastungen, Verhaltensauffälligkeiten und Bildungsprobleme, die wir bei Schülerinnen und Schülern sehen, indirekt mit den Auswirkungen autoritärer Erziehungsmethoden zusammenhängen. Ein Verständnis der historischen "Schwarzen Pädagogik" hilft daher auch, die Langzeitfolgen solcher Methoden zu erkennen.

Thomas Wiedenhorn von der Weingartener Arbeitsstelle Schulgeschichte sucht weitere Zeitzeugen, die "Schwarze Pädagogik" erlebt haben.
Thomas Wiedenhorn von der Weingartener Arbeitsstelle Schulgeschichte sucht weitere Zeitzeugen, die "Schwarze Pädagogik" erlebt haben.

PH Weingarten sucht Betroffene und Zeitzeugen aus Oberschwaben

Wer diese "Schwarze Pädagogik" persönlich erlebt hat, kann sich bei der Pädagogischen Hochschule Weingarten melden und über Geschehnisse, Empfindungen, Reaktionen oder Prägungen und Folgen berichten. Die Interviews würden in vertraulichem Rahmen und anonymisiert geführt und ausgewertet, erläutert Dr. Thomas Wiedenhorn von der Weingartener Arbeitsstelle Schulgeschichte.

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