Andrea Göhring bringt im Mengener Teilort Rulfingen (Kreis Sigmaringen) seit Jahren Bauernhoftiere mit Menschen mit Beeinträchtigung zusammen. Die tiergestützte Therapie ist eine alternativmedizinische Behandlungsmethode, die bei körperlichen und geistigen Einschränkungen unterstützen kann.
Jede Woche ist eine fünfköpfige Gruppe aus dem Zentrum für Psychiatrie auf dem Hof der Familie Göhring. Und die Männer aus dem Maßregelvollzug können es kaum erwarten, auf ihre Patentiere zu treffen: die Esel.
ZfP-Patienten lernen Empathie
Mit geübten Handgriffen legen sie ihnen ein Geschirr um den Kopf. Dann geht es schon los zum Spaziergang durch den kleinen Ort. Keine Freizeitbeschäftigung - die Patienten sollen dadurch etwas lernen, erzählt Landwirtin Andrea Göhring.
Denn die Wahl fiel nicht zufällig auf die Esel. "Die Esel sind sehr charakterstark und brauchen gute Führung. Die Männer sollen Empathie lernen, soziales Bewusstsein für ihre Patenesel. Da geht es um andere Lösungsstrategien, als die, die sie vielleicht vorher angewendet haben. Da geht mit Druck, Gewalt oder Geschrei gar nichts."
Entwicklungssprünge durch Kontakt zu Eseln
Das haben die Patienten bereits verinnerlicht. Mit sanfter Führung begleiten die Männer die Esel durch Wohngebiete und über Feldwege. Auch Betreuerin Daniela Banzer sieht bereits große Entwicklungssprünge: "Die ganze Mimik und Gestik verändert sich. Es gibt ein Lachen, die Haltung ist aufrecht. Sie freuen sich sehr, wenn sie mit den Tieren in Kontakt gehen können. Diese Zuwendung, die sie sich sonst nicht trauen zu geben, bekommen sie von den Tieren zurück."
Seit zwei Jahren arbeitet Andrea Göhring als Fachkraft für tiergestützte Therapie mit dem Zentrum für Psychiatrie zusammen. Bis dahin waren hauptsächlich Kinder mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen ihr Klientel. Aber auch ältere Menschen mit Demenz kommen auf den Hof.
Tiergestützte Therapie für verschiedene Beeinträchtigungen
Die Therapieziele sind entsprechend unterschiedlich. Bei den Patienten des ZfP steht die Wiedereingliederung in die Gesellschaft im Vordergrund. Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen werden beispielsweise durch den Umgang mit den Ziegen zur Bewegung animiert. Ältere Patienten mit Demenz, von denen manche auch auf dem Bauernhof groß geworden sind, können sich an ihre Kindheit und Jugend zurückerinnern.
Aber egal ob Kinder oder Erwachsene - wie Therapie soll sich der Besuch auf dem Hof nicht anfühlen, sagt Andrea Göhring. "Sie haben einfach das Gefühl gebraucht zu werden, wichtig zu sein. Sie sind motiviert, sozusagen intrinsisch, über die Tiere und geben ihr Maximales." Die Krankenkassen fördern die tiergestützte Therapie mit Bauernhoftieren bislang nicht. Ein Förderverein und Spenden decken die Kosten.
Bauernhoftiere mit wunderbaren Talenten
Dabei sind die von ihr selbst ausgebildeten Esel, Schafe, Schweine, Hühner, Ziegen und Kühe aus Sicht von Andrea Göhring die idealen Therapeuten. "Bauernhoftiere sind hier einfach beheimatete. Das heißt, ich kann sie artgerecht oder wesensgerecht halten, und hab trotzdem die Möglichkeit Menschen zu fördern. Auch Bauernhoftiere haben wunderbare Talente und ich kann Menschen entsprechend ihres Krankheitsbilds fördern."