In Bad Friedrichshall (Kreis Heilbronn) erschießt ein Mann zwei Arbeitskollegen und verletzt einen dritten schwer. In Lauda-Königshofen (Main-Tauber-Kreis) schlagen unbekannte männliche Täter eine Frau fast tot. Und ein psychisch kranker Mann tötet in Aschaffenburg einen Mann und ein Kind.
Dass es sich bei all diesen Delikten um Männer handelt, kommt nicht von ungefähr: Die aktuelle Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts mit Zahlen des Jahres 2023 macht deutlich: 83 Prozent der Tatverdächtigen bei Gewaltdelikten sind Männer. Den Heilbronner Psychotherapeuten Günther R. Hammer wundert dies nicht.
Gewalt, bestätigt Hammer, ist für manche Männer ein Ausdruck ihrer Männlichkeit. Eine Ursache dafür seien gesellschaftliche Normen. Und zwar unabhängig davon, aus welcher Kultur die Normen stammen.
Die Gesellschaft, gleichgültig welche, bewertet männliches, körperliches, aggressives Verhalten positiv. Oder sie bestraft es nicht ausreichend oder zeitnah.
Experiment zu Gewalt und Männern: "Haare flechten ist unmännlich"
Wissenschaftler forschen seit Jahren zur Bedeutung des Männlichkeitsbildes. 2009 führten die US-Amerikaner Jennifer Bosson und Joseph Vandello von der University of South Florida ein in der Fachwelt viel beachtetes Experiment durch.
Junge Männer sollten entweder einer Schaufensterpuppe die Haare oder ein Seil flechten. Angeblich ging es darum zu schauen, wie sie die neuen Aufgaben lernen. In Wirklichkeit wollten die Forscher aber herausfinden, wie es sich bei den Probanten auswirkt, wenn sie das Gefühl haben, an Männlichkeit einzubüßen.
Experiment in den USA: "Männlichkeitsverlust mündet häufiger in Gewalt"
Nach der Flechtaufgabe durften die Studienteilnehmer entweder ein Puzzle machen oder auf einen Boxsack einschlagen. Während nur jeder fünfte Mann aus der Seilgruppe sich fürs Zuschlagen entschied, war es aus der Gruppe derer, die die Haare geflochten hatten, jeder zweite. Für Bosson und Vandello ein Indiz dafür, dass die Bedrohung des männlichen Selbstbilds häufiger in Gewalt münden kann.
Psychiater: "Ein Indianer kennt keinen Schmerz"
Für den Hamburger Psychiater und Buchautor Josef Aldenhoff beginnt die Prägung eines Männlichkeitsbildes bereits in jungen Jahren. Etwa mit Sprüchen wie "ein Indianer kennt keinen Schmerz" oder auch "stell dich nicht so an".
Heilbronner Psychotherapeut: "Ideologie kann aggressives Verhalten erhöhen"
Eine besondere Bedeutung haben für den Heilbronner Psychotherapeuten Günther R. Hammer Ideologien. Sie können, so sagt er, "unter dem Aspekt der Männlichkeit" aggressives Verhalten erhöhen. Das Bundesinnenministerium warnt in einer Publikation vor einer Radikalisierung zum Islamismus.
Für Hammer hat es allerdings keine Bedeutung, welche Religion oder welche Ideologie die Menschen radikalisiert.
Hammer: "Die Gesellschaft verroht"
Für den Heilbronner Psychologe steht fest: "Die Gesellschaft verroht". Je häufiger aggressives Verhalten zu sehen ist, desto mehr gewöhne sich der Mensch daran, "solange er nicht selbst betroffen ist". Dies sei ein Teufelskreis.
Wunsch des Heilbronners: "An die eigene Nase fassen"
Statt auf andere "Gesellschaftsbilder" - wie sich Hammer ausdrückt - zu schauen und dort die Ursachen für Gewalt zu suchen, ruft er dazu auf "sich an die eigene Nase zu fassen". Seine Vision: Männer und Frauen entwickeln Verhaltensweisen, mit denen sie sich und ihre Interessen durchsetzen können, ohne andere zu verletzen oder zu kränken.