Die genauen Zahlen zur Jugendkriminalität kommen zwar erst Ende März, aber bereits jetzt ist klar: Zwischen 2021 und 2024 hat sich die Zahl in Heilbronn fast verdoppelt. Im "Haus des Jugendrechts" in Heilbronn, einem interbehördlichen Zentrum, in dem Polizei, Staatsanwaltschaft und Jugendbehörden an diesen Fällen arbeiten, ist dieser Trend täglich spürbar, berichtet Michael Dzillak, der das Zentrum leitet.
Im "Haus des Jugendrechts" laufen alle relevanten Fäden jugendlicher Straffälle zusammen. Dort sitzen Vertreter der einzelnen Behörden Tür an Tür. Auf den Schreibtischen stapeln sich Akten von Kindern und Jugendlichen.
Zunahme der Fälle bereitet Sorgen
Michael Dzillak ist seit über vier Jahrzehnten bei der Polizei, davon dreißig Jahre in der Kriminalpolizei, unter anderem auch in der Mordkommission. Der massive Anstieg krimineller Kinder und Jugendlicher bereitet selbst dem erfahrenen Kriminalhauptkommissar zunehmend Sorgen. In den letzten vier Jahren sei die Zahl der Straftaten massiv gestiegen. "Die Anzahl der kindlichen Straftaten hat sich von 2021 bis 2024 nahezu verdoppelt", sagt Dzillak.
Stabile Familien als Schutz vor Jugendkriminalität
"Die Gründe für den Anstieg sind vielfältig", erklärt Dzillak. Familiäre Probleme, eine schwierige soziale und kulturelle Umgebung oder auch geistige Defizite können Einfluss haben. Manche der jungen Täter und Täterinnen haben zu Hause Gewalt, Misshandlungen oder auch sexuelle Übergriffe erlebt. Ein stabiles Familienleben sei der wichtigste präventive Faktor.
Fehlt ein schützendes Elternhaus, haben äußere Einflüsse plötzlich viel mehr Sogwirkung auf die Kinder. "Diese Jungs und Mädchen suchen sich dann andere Vorbilder, nicht den Vater oder die Mutter", so Dzillak. "Sondern dann ist es der Dealer oder derjenige, der sich körperlich draußen behauptet."
Auch Jugendliche selbst bestätigen den Trend
Eine nicht repräsentative Umfrage unter Jugendlichen in Heilbronn zeigt, dass viele einen Anstieg an Straftaten unter Gleichaltrigen beobachten. Besonders an Brennpunkten wie dem Rathaus oder dem Marktplatz hätten Schlägereien und Messerstechereien mittlerweile Normalität erreicht. Selbst auf dem Schulhof werde es immer gefährlicher.
Bei mir in der Klasse sind bereits zwei in den Knast gegangen dieses Jahr.
"Erst letztens habe ich gesehen, wie die sich hier mit Messern beworfen haben", sagt etwa der 18-jährige Dimitar. Auch der 17-jährige Felix beobachtet einen Anstieg an kriminellen Jugendlichen: "Bei mir in der Klasse sind bereits zwei in den Knast gegangen dieses Jahr".
Als Gründe für das Abrutschen in die Straffälligkeit nennen die Befragten vielfach ein falsches Umfeld. "Ich glaube, vielen passiert es aus Langeweile und einem falschen Freundeskreis. Die Jungen sehen das bei Älteren und finden es cool", meint die 19-jährige Yanis in der Umfrage.
Täter werden glorifiziert
Auch Kriminalhauptkommissar Michael Dzillak beobachtet eine zunehmende Glorifizierung von Straftäterinnen und Straftätern, die von den Jugendlichen teilweise schon fast "vergöttert werden". Da müsse man frühzeitig gegensteuern und klar machen, dass Straftaten immer auf Kosten anderer Menschen gehen. "Mit jeder Tat bleibt auch ein Opfer auf der Straße liegen", sagt Dzillak.