Wenn sich an Pfingsten laut biblischer Überlieferung plötzlich alle Apostel in ihrer eigenen Sprache verstehen, steckt darin vielleicht eine Idee, die bis heute fasziniert: Echte Verständigung über Sprachgrenzen hinweg. Doch wie funktioniert das in der Realität - jenseits des "Pfingstwunders"? Genau darüber haben wir mit einer Expertin gesprochen, die täglich zwischen Sprachen vermittelt: Regina Seelos aus Flein (Kreis Heilbronn) ist Englisch-Übersetzerin und Dolmetscherin bei Gericht.
Richtig übersetzen: "Inhaltlich korrekt und der richtige Ton"
Ein ganz normaler Satz, wenn auch mit vielen unterschiedlichen, vielleicht sogar speziellen technischen Begriffen - kein Problem. Aber wie lassen sich Humor, kulturelle Eigenheiten oder sogar Ironie wirklich treffend in eine andere Sprache übertragen?
Nicht jede sprachliche Nuance lässt sich direkt übertragen, stellt Regina Seelos klar. Besonders das Thema Kultur spiele eine große Rolle. Im schriftlichen Übersetzen könne man mit Erklärungen oder Fußnoten arbeiten. In ihrer Arbeit - etwa im Jugendamts- oder Rechtskontext - gehe es oft auch darum, Missverständnisse aktiv aufzulösen und beide Seiten zu unterstützen.
SWR1 Sonntagmorgen/Feiertagmorgen am 24. und 25. Mai 2026 Pfingstwunder im Alltag: Wie Übersetzer Sprachbarrieren knacken
An Pfingsten feiern Christen das Sprachenwunder: 50 Tage nach Ostern kamen der Überlieferung nach die Jünger Jesu zusammen und konnten In ganz verschiedenen Sprachen sprechen.
Ein Beispiel aus ihrer Praxis zeigt, wie schnell kulturelle Unterschiede zu Fehlinterpretationen führen können - etwa bei Begriffen wie "Public School", die je nach Herkunft ganz unterschiedlich verstanden werden. "Beim Jugendamt meinte mal eine Mutter, wir wollten das Kind jetzt auf eine Privatschule schicken", beschreibt Seelos die Situation.
Dann dachte ich, nein, die Frau kommt ja aus England. Die meint ja jetzt, das ist eine Privatschule und sie muss dafür jetzt bezahlen.
Übersetzen ist Handwerk: Gut Englisch zu können reicht nicht
Regina Seelos ist im Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer aktiv und arbeitet vor allem in sensiblen Kontexten wie Gerichtsverhandlungen und bei Urkundenübersetzungen. Für sie ist das Übersetzen weit mehr als das Ersetzen von Wörtern. Zwei Grundprinzipien stehen im Zentrum ihrer Arbeit: Inhaltliche Genauigkeit und die passende Ansprache der Zielgruppe.
Zudem verlangt das berufliche Übersetzen ein extrem hohes Sprachniveau, sagt sie. Und zwar in beiden Sprachen. Dabei gehe es nicht nur um Sprachkenntnisse, sondern um ein echtes "Handwerk". Sprache müsse sicher beherrscht werden.
Spezialisierung anstatt Allround-Wissen
Seelos übersetzt sowohl ins Deutsche als auch ins Englische. Auch, wenn sie als professionelle Übersetzerin die Sprachen auf dem Effeff beherrscht, so hat sie dennoch Schwerpunkte gesetzt: Ihre Fachgebiete sind Wirtschaft und Recht. Das sei wichtig, sagt sie, denn mit reinem Allround-Wissen hätte man es schwer. Medizinische Texte übersetzt sie beispielsweise bewusst nicht.
Ein Vergleich macht das laut Seelos greifbar: Wer in einer Autowerkstatt steht und Fachbegriffe hört, versteht oft nur "Bahnhof". Genau so sei es auch bei Sprache ohne Fachkenntnis.
Und dann kommt KI dazwischen - warum Maschinen Übersetzer nicht ersetzen
Ihre Arbeit habe sich stark verändert, beschreibt Regina Seelos die vergangenen Jahre. Viele Menschen greifen eben heute zu Übersetzungs-Apps oder KI-Tools. Und sogar sie selbst nutzt sie gelegentlich im Alltag. Die Grenzen sind aus ihrer Sicht allerdings klar: Die Ergebnisse der Künstlichen Intelligenz seien oft nicht präzise genug.
Translate-Apps können einfache Inhalte zwar abdecken, aber in komplexen oder rechtlichen Kontexten reicht das nicht aus.
Regina Seelos: "Im KI-Zeitalter muss man immer besser werden"
KI habe den Beruf aber schon verändert, sagt sie. Überflüssig habe er ihn noch lange nicht gemacht. Aber: Als Übersetzerin oder Übersetzer muss man heute besser sein. Denn während einfache Übersetzungen heute leicht per KI übersetzt werden, "bleibt der schwierige und anspruchsvolle Rest eben an uns hängen", so Seelos.