"Wenn wir kommen, ist es schon fünf vor zwölf"

Mehr Insolvenzen in BW: Wie Insolvenzverwalter arbeiten

Insolvenzverwalter sollen zurzeit in immer mehr Betrieben retten, was zu retten ist. Trotz klarem Auftrag sitzen sie dabei nicht selten zwischen allen Stühlen.

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Von Autor/in Raphael Moos

Renald Metoja ist Geschäftsführer einer Kanzlei in Lauda-Königshofen (Main-Tauber-Kreis), die mit ihren 70 Beschäftigten bundesweit rund 200 Insolvenzen betreut. "In der Region Heilbronn-Franken bemerken wir seit einem halben Jahr einen Anstieg der Fälle", sagte der 48-Jährige dem SWR. Besonders Zulieferer der Automobilindustrie mit einfachen Teilen, die im Ausland bei gleicher Qualität günstiger hergestellt werden können, seien zunehmend nicht mehr wettbewerbsfähig, so Metoja. Auch die Baubranche stecke in massiven Schwierigkeiten.

Handel und Kliniken unter Druck

Das Branchenmagazin "INDat Report" weist in seinem Barometer von Januar bis Mai dieses Jahres 514 Insolvenzen für Baden-Württemberg aus. Das sind 51 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die europaweit tätige Kanzlei PLUTA mit Standort in Heilbronn sieht neben Zulieferern und Baubranche auch Handel, Kliniken und Altenheime unter starkem Druck. Michael Pluta geht davon aus, dass die Zahl der Insolvenzen in den kommenden Monaten bundesweit weiter steigen wird. Von den Zahlen der Wirtschaftskrise 2009 sei man aber weit entfernt.

Klischee vom abwickelnden Rausschmeißer ist oft falsch

Meldet ein Betrieb Insolvenz an, beauftragt das zuständige Gericht einen Insolvenzverwalter. Der ist meist Steuerberater oder Anwalt und kann sich für diese Aufgaben bewerben. Er soll für die Gläubiger retten, was zu retten ist. Das sind häufig Banken, Finanzämter, Krankenkassen, aber auch Lieferanten, Handwerksbetriebe oder Beschäftigte, die noch Geld vom Unternehmen bekommen.

Die Mission erfordert vom Insolvenzverwalter klare Kante, aber auch Verhandlungsgeschick und Empathie. Renald Metoja versucht beispielsweise Unternehmen, wenn irgendwie möglich, zu sanieren und einen Investor oder eine Investorin zu finden. Mal hat er selbst welche im Portfolio, mal schreibt er in der betroffenen Branche gezielt Unternehmen als mögliche Käufer an. Kommt es nach Verhandlungen zu einer Übernahme, müssen die Gläubiger dem "Deal" noch zustimmen.

Mitgefühl bei Entlassungen

Manchmal müssen Insolvenzverwalter harte Einschnitte vermitteln. Wenn zum Beispiel ein Teil der Belegschaft seinen Arbeitsplatz verliert, damit die Jobs der anderen erhalten bleiben können. "Natürlich habe ich Mitgefühl, aber bei solchen Entscheidungen darf ich mich nicht davon leiten lassen", sagt Metoja.

Neben Beschäftigten und Betriebsrat ist auch im Umgang mit der "entmachteten" Geschäftsführung Fingerspitzengefühl gefragt. Wer einen Betrieb über viele Jahre geführt hat und jetzt plötzlich "gescheitert" abgeben muss, empfängt den Insolvenzverwalter nicht zwingend mit offenen Armen. Dabei kann eine gute Zusammenarbeit helfen, Lösungen für den Betrieb zu finden.

Schätzungen: 40 Prozent mehr Insolvenzen

Laut Statistischem Landesamt stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen von 2022 auf 2023 in Heilbronn-Franken um 25 Prozent. Renald Metoja schätzt für das erste Halbjahr 2024 einen Anstieg um 30 bis 40 Prozent. Diese Zahlen sagten am Ende aber ohnehin wenig aus, da eine Dönerbude genauso darin enthalten sein könne wie ein Unternehmen mit tausend Beschäftigten, so Metoja.

Aussagekräftiger ist da die Zahl der betroffenen Beschäftigten. Die lag im Jahr 2023 bei 855. Neue Zahlen will das Statistische Landesamt am 1. September veröffentlichen. Vorab gibt man dazu keine Auskunft, so ein Sprecher gegenüber dem SWR.

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