Internationaler Safe Abortion Day

Weite Wege, veraltete Methoden - so schwierig ist eine Abtreibung für Frauen in BW

Der Zugang zu Abtreibungen in Baden-Württemberg ist schlecht: Wer einen Eingriff braucht, muss oft lange fahren und Stigmatisierung ertragen. Die Methoden sind teils veraltet.

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Von Autor/in Sophie Rebmann

Am Sonntag (28. September) ist Internationaler Safe Abortion Day, der darauf aufmerksam machen soll, dass noch immer nicht alle Frauen Zugang zu sicheren Abtreibungen haben. Auch in Baden-Württemberg ist die Versorgungslage vor allem in einigen ländlichen Regionen schlecht: In neun Landkreisen in Baden-Württemberg gibt es gar kein Angebot. Das geht aus einer vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegebenen Studie, der ELSA-Studie hervor, die im September 2025 veröffentlicht wurde.

Auf einen Arzt, der Abbrüche durchführt, kommen in Baden-Württemberg rund 24.000 Frauen. Zum Vergleich: In Mecklenburg-Vorpommern sind es 6.000 Frauen pro Arzt.

Weite Wege für eine Abtreibung auch in BW

Eine Betroffene aus Baden-Württemberg ist Paula (Name geändert). Sie hatte jedoch Glück und musste nicht lange fahren. Die Patientin ist Anfang 20 und in der achten Woche schwanger. Mit einem kleinen Koffer sitzt sie im Wartezimmer der Frauenarztpraxis von Wiebke Herter in Balingen (Zollernalbkreis). Andere Patientinnen legen aber bis zu 120 Kilometer zurück - in eine Richtung. Dabei legt die ELSA-Studie 40 Minuten Fahrt bis zur nächsten Praxis als angemessene Fahrtzeit fest.

Paula ist unerwartet schwanger geworden. "Anfangs hatte ich mich gefreut", sagt sie über die ersten Tage, nachdem sie einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt. Dann aber habe sie immer mehr Zweifel bekommen: Ihr Ex-Freund wohnte im Ausland, sie ist selbstständig. "Es hätte nicht gepasst."

Schwangerschaftsabbrüche sind eine Straftat

Wiebke Herter will Frauen auch in dieser Situation beistehen, neben Kinderwunschbehandlungen und der Betreuung in der Schwangerschaft auch ungewollt schwangere Patientinnen versorgen. Dabei falle ihr das nicht immer leicht, sagt sie: In der achten Woche sei bei einem Schwangerschaftsabbruch noch nicht viel zu sehen. Aber Abtreibungen sind bis zur zwölften Woche möglich. "Dann ist das schon eine Belastung, wenn man das sieht, dass man bewusst was kaputt macht", so Herter.

Sie ärgert sich über die rechtliche Lage: Abtreibungen sind in Deutschland noch immer eine Straftat. Sie bleiben nur straffrei, wenn sie innerhalb der ersten zwölf Wochen und nach einer verpflichtenden Beratung stattfinden. "Rein juristisch ist es ja so, dass nicht die Frau die Straftat begeht, sondern der Arzt. Also: Wir begehen hier ständig Straftaten. Und da muss ich sagen: Das finde ich nicht in Ordnung. Da wird jemandem die Schuld in die Schuhe gelegt für etwas, was ein geregelter Prozess ist, und wir alle gesetzlichen Regelungen einhalten - und warum ist das dann eine Straftat", sagt Herter.

Abtreibung ohne bleibende Schäden

Neben medikamentösen Abtreibungen, bei denen Frauen zuhause Tabletten nehmen, die eine Fehlgeburt auslösen, bietet Herter auch operative Abtreibungen an. Auch da bekommen die Patientinnen vorher eine Tablette. "Der Körper will ja die Schwangerschaft nicht hergeben. Und das ist eigentlich die medizinische Kunst, das so zu machen, dass die Patientin nie wieder ein Problem damit hat. Und da gibt man Medikamente, die den Muttermund vorbereiten."

Paula ist daher schon mit Krämpfen in die Arztpraxis gekommen. Nachdem sie den OP-Saal betritt, dauert der Eingriff keine zehn Minuten: Paula bekommt eine Vollnarkose, anschließend fährt Frauenärztin Wiebke Herter mit einem Sauger durch Paulas Gebärmutter und kontrolliert mit einem Ultraschallgerät, ob sie alles entfernt hat.

Jede zehnte Abtreibung mit veralteten Methoden

Wiebke Herter hält sich damit an die neuesten Standards, die in der medizinischen Leitlinie festgehalten werden. So könne gewährleistet werden, dass die Frauen danach keine Beschwerden haben. Jede zehnte Abtreibung finde jedoch noch mit der veralteten Methode der Ausschabung statt, kritisiert Alicia Baier vom Verband Doctors for Choice. "Man schabt da mit einem Metalllöffel auf der Gebärmutterschleimhaut herum", dabei bestehe ein Verletzungsrisiko, so Baier. "Das kann zu Vernarbungen führen und im schlimmsten Fall zur Unfruchtbarkeit."

Die Tabuisierung des Eingriffs wirkt sich auf die Qualität der medizinischen Versorgung aus.

Dass Ärzte sich dennoch nicht an die neuste Methode halten, führt sie auf die rechtliche Regelung zurück. Da Schwangerschaftsabbrüche im Strafgesetzbuch geregelt sind, werde der Eingriff in der Medizin tabuisiert. "Und das äußert sich so, dass er in der medizinischen Aus- und Weiterbildung häufig nicht vorkommt, auf Kongressen wenig darüber gesprochen wird, es wenig Fortbildungsmöglichkeiten dazu gibt, wenig Forschung. Und all das wirkt sich natürlich auf die Qualität der medizinischen Versorgung aus." Dem widerspricht der Bundesverband der Frauenärzte (BVF): Auf dem alljährlichen Fortbildungskongress des Verbands finde immer eine Einheit zu Schwangerschaftsabbrüchen statt, bei der Facharztausbildung werde der Eingriff besprochen.

Zwei Frauen mit Rollerskates haben ein Plakat bei sich, auf dem "Weg mit 218" steht.
Schwangerschaftsabbrüche sind laut Paragraf 218 eine Straftat. Sie bleiben nur straffrei, wenn der Abbruch innerhalb der ersten 12 Wochen und nach einer Beratung stattfindet.

Vier von fünf Frauen fühlen sich bei Abbruch stigmatisiert

Als Paula nach dem Eingriff auf der Liege wach wird, zittert sie am ganzen Körper. "Das ist der Stress, der raus geht. Das ist aber gut", sagt der Narkosearzt, während die OP-Assistentinnen Paula in eine Decke wickeln. Sie helfen ihr von der Liege und bringen sie in den Aufwachraum. Dort bekommt Paula einen Traubenzucker-Lolli. "Das ist kein einfacher Prozess", sagt sie. Sie fühle sich noch schwach und zittrig und habe etwas Schmerzen. Aber insgesamt fühlt sie sich gut aufgehoben.

Einem Großteil der Frauen ergeht es anders: 83 Prozent der Befragten gaben in der ELSA-Studie an, dass sie sich im Laufe des Prozesses stigmatisiert fühlten. So erging es Myri, die ihren Nachnamen nicht veröffentlichen will. Sie wurde von ihrer Frauenärztin abgewiesen, als sie ihr signalisierte, dass sie die Schwangerschaft nicht behalten wolle. Und dann nach der OP, als sie zu einem Gespräch mit dem Arzt gerufen wurde, in dem er sie nochmals über Verhütungsmittel aufklären wollte: "Ich wollte einfach nur heim, dass es vorbei ist. Und sich da noch reinzusetzen mit dem Arzt und eine Moralpredigt anzuhören, das war nicht so schön. War unangenehm." Laut Leitlinie ist den Frauen ein solches Gespräch anzubieten - es soll allerdings nicht moralisierend sein und nicht gegen den Willen der Patientin geführt werden.

Verhütungsmittel wie Pillen und Kondome
Ein Gespräch über Verhütungsmittel sollte nach einer Abtreibung angeboten werden. Die Frauen müssen es jedoch nicht annehmen.

Fehlender Zugang zur Abtreibung: Keine Besserung in Sicht?

Der Arbeitstag von Wiebke Herter endet nach elf Stunden Arbeit. Und auch danach ist sie für ihre Patientinnen noch unter einer Notfallnummer erreichbar. Sie mache das aus Leidenschaft, sagt sie. Aber sie weiß: "Das will nicht jeder machen. Ich glaube auch nicht, dass ich einen Nachfolger finden werde." Dann müssten Frauen auf der Suche nach Abtreibungen noch weiter fahren.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Sophie Rebmann
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