In der Stuttgarter Synagoge sieht es noch festlicher aus als sonst: Der imposante Toraschrein an der Wand unter dem gläsernen Davidstern oder auch das Lesepult im großen Betsaal ist mit weißem Tuch bedeckt. Alles ist auf Jom Kippur ausgerichtet, und schon am Vortag macht sich nachdenkliche, aber vorfreudige Stimmung breit. "Es gibt schwerere, und es gibt leichtere Jahre", sagt Rabbiner Yehuda Pushkin. "Letztes Jahr fühlte ich mich wirklich wie im Garten Eden an Jom Kippur. Wir hoffen, dass es dieses Jahr ungefähr genauso wird."
Jom Kippur: Zu Besuch in Stuttgarter Synagoge
Das höchste jüdische Fest ist ein Feiertag des Fastens und der Einkehr. Schon seit Rosch haSchana, dem jüdischen Neujahrsfest wenige Tage zuvor, setzen sich jüdische Gläubige mit ihren Sünden auseinander und reinigen sich davon, um in das "Buch des Lebens" eingeschrieben zu werden. Der Höhepunkt ist dann eben Jom Kippur mit seiner spirituellen Bedeutung: "Das heißt, man geht raus aus dieser Welt. Man sondert sich von den Gewohnheiten seines Lebens für einen Tag ab", erklärt Ortsrabbiner Pushkin.
Später schließt sich Sukkot an, das Laubhüttenfest, etwa vergleichbar mit dem Erntedankfest. Auch dafür laufen schon die Vorbereitungen: Im Innenhof der Synagoge in Stuttgart wird eine Holzhütte mit Reisigmatten bedeckt. Die provisorische, vorübergehende Hütte erinnert an die Unterkünfte des Volkes Israel beim Auszug aus Ägypten.
Immer wieder Angriffe oder Anschläge auf Juden
Immer wieder war dieses strenge, stille Fest Anlass für Angriffe oder Anschläge durch Feinde des Staates Israel oder für antisemitisch motivierte Gewalttäter. So begann der Jom-Kippur-Krieg Syriens und Ägyptens gegen Israel im Jahr 1973 an diesem Feiertag. Oder der Anschlag von Halle im Jahr 2019: Ein mutmaßlich rechtsextremer Deutscher, angetrieben durch seinen Juden- und Frauenhass, wollte möglichst viele Gläubige in der Synagoge von Halle ermorden. Sein Plan scheiterte, aber der Täter erschoss zwei Unbeteiligte. Und schließlich fast genau 50 Jahre nach Beginn des Jom-Kippur-Krieges dann das Massaker der palästinensischen Terrororganisation Hamas in Israel am 7. Oktober 2023, auf das der aktuelle Krieg Israels in Gaza folgte.
Die gesellschaftlich aufgeheizte Lage rund um die Situation in Gaza macht sich auch für jüdische Menschen in Stuttgart bemerkbar. "Ich werde für das verantwortlich gemacht, was in Israel passiert," sagt beispielsweise Dmitrij Lejb Velkin, der das Morgengebet am Vortag von Jom Kippur besucht. Deshalb fühlt er sich unverstanden, und zunehmend unsicher in Deutschland. Das zeigt sich beispielhaft an der Frage der sichtbaren Kopfbedeckung in der Öffentlichkeit: "Vor dem 7. Oktober habe ich offen Kippa getragen, jetzt traue ich mich das nicht mehr. Vielleicht passiert nichts, in Stuttgart ist es schon recht sicher, aber dennoch traue ich mich das nicht." Bei dem Gottesdienst fällt tatsächlich auf, dass viele Männer beim Verlassen der Synagoge einen Hut oder eine Basecap über ihre Kippa ziehen. Velkin beschreibt das lakonisch so: "Ich ziehe den Unsichtbarkeitshut an."
Jüdinnen und Juden sehen sich in Deutschland massiv bedroht
Angesichts steigender antisemitischer Vorfälle sehen sich Jüdinnen und Juden in Deutschland massiv bedroht, angefeindet und diskriminiert. Das zeigt eine aktuelle Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, durchgeführt durch das Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Potsdam. Immer wieder beklagen auch Politikerinnen und Politiker, dass jüdische Einrichtungen rund um die Uhr bewacht werden müssen.
Für die Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, Barbara Traub, ist das ein Zwiespalt. Einerseits sieht sie die Gemeinde durch die Sicherheitsbehörden gut geschützt, und auch an Bekenntnissen und Zusagen der Politik und gesellschaftlicher Institutionen mangelt es ihr nicht. Doch was ihr fehlt, ist eine deutlich sichtbare, aktive Unterstützung durch die Gesellschaft: "Wir erleben eine gewisse Gleichgültigkeit der Mehrheitsbevölkerung," sagt Traub. Das sei beunruhigend.
Baden-Württembergs Beauftragter gegen Antisemitismus, Michael Blume, hat deshalb aufgerufen, am 7. Oktober jüdische Einrichtungen zu besuchen - um das Zeichen zu setzen: "Ihr seid nicht allein!" Damit will er Jüdinnen und Juden im Land seine Unterstützung signalisieren.