Bus der Habseligkeiten in Baden-Baden

"Nicht ohne meine Bücher!" Ausstellung zeigt Geschichten von Flucht und Neuanfang

Was nehmen Menschen mit, die ihr Heimatland verlassen? Der "Bus der Habseligkeiten" in Baden-Baden zeigt Fluchtgeschichten anhand persönlicher Gegenstände und lädt zum Austausch ein.

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Von Autor/in Hannah Radgen

Was nehmen Menschen mit, wenn sie alles zurücklassen? Das zeigt die mobile Ausstellung "Bus der Habseligkeiten" in Baden-Baden. Für Tanja aus Sibirien waren es ihre Bücher, für Kira aus Kasachstan eine Lederflasche und für Olena aus der Ukraine eine Schachtel Beruhigungstabletten.

Ausstellung im Bus lässt Zeitzeugen von ihrem Weg nach Deutschland erzählen

Mit diesen persönlichen Gegenständen erzählen verschiedene Menschen aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion und ukrainische Geflüchtete von ihrem Weg nach Deutschland. So können Besucherinnen und Besucher mit den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ins Gespräch kommen. Außerdem besonders: Das Museum kommt mit dem Bus zu den Menschen - und nicht die Menschen ins Museum. Organisiert wird das Projekt vom Arbeitskreis Stolpersteine Baden-Baden und dem Stadtmuseum Baden-Baden.

Für zwei Wochen tourt in Baden-Baden eine Ausstellung zum Thema Flucht und Migration in einem Bus.
Ein Blick in den Museumsbus in Baden-Baden: Zwischen den Sitzen sind gläserne Schaukästen.

"Uns war es wichtig, nicht über die Geflüchteten zu erzählen, sondern mit ihnen zusammen", erzählt Angelika Schindler, eine der Kuratorinnen der mobilen Ausstellung und Projektleiterin. Spätaussiedlerinnen aus der ehemaligen Sowjetunion, jüdische Kontingentflüchtlinge und ukrainische Geflüchtete berichten deshalb selbst von ihren Lebenswegen und Erinnerungen. Das Teilen von Erinnerungen würde die Menschen dazu bringen, miteinander ins Gespräch zu kommen, meint Schindler.

Tanja Kasper ist eine der Zeitzeuginnen, die ihre Geschichten im Bus mit den Besucherinnen und Besuchern teilen. Sie hat auch Gegenstände zur Ausstellung beigesteuert: ihre Reisetasche, ein Foto ihres Großvaters, eine Teekanne und ein Buch mit russischen Gedichten, das schon seit Generationen in ihrer Familie weitergegeben wird. Ohne ihre Bücher hätte sie Sibirien damals nicht verlassen wollen, erzählt sie.

Tanja Kasper blickt auf das Foto ihres Großvaters und seine deutsch-russische Geburtsurkunde in einem Schaukasten im Museumsbus in Baden-Baden.
Tanja Kasper blickt auf das Foto ihres Großvaters und seine deutsch-russische Geburtsurkunde in einem Schaukasten.

Fremd im eigenen Land? "Russlanddeutsche" erzählen ihre Geschichte

Tanja Kasper kommt aus einem deutschen Dorf in Sibirien. Dort hätten eigentlich nur Deutsche gelebt. "Bis zu meinem fünften Lebensjahr habe ich auch nur Deutsch gesprochen und dann erst Russisch gelernt", erzählt die Spätaussiedlerin. Die 90er-Jahre seien wirklich schwierige Jahre gewesen, weil die Sowjetunion gefallen war. Ihre ganze Familie sei ausgewandert. Auf dem Flug nach Deutschland durften sie eine Tasche mit maximal 30 Kilogramm packen. Natürlich überlege man sich da ganz genau, was mitgenommen würde.

Sogenannte "Russlanddeutsche" sind Nachfahren deutscher Auswanderer, die ab dem 18. Jahrhundert, vor allem auf Einladung von Katharina II., in das Russische Reich ausgewandert waren. Über Generationen lebten sie als eigenständige ethnische Gruppe, oft mit deutscher Sprache und Kultur, in Russland, der Ukraine und später der Sowjetunion. Bei dem Begriff handle es sich nach Aussage des Kuratorinnen-Teams um eine Selbstbezeichnung.

In Russland waren wir immer Deutsche und das war für mich ganz normal, weil wir Deutsche sind. Aber als ich nach Deutschland kam und das erste Mal gehört habe, du bist Russe - das hat so wehgetan.

Ein Fotoalbum, ein Tuch und eine Puppe: Die Ausstellung "Bus der Habseligkeiten" zeigt Dinge, die Menschen auf ihrer Reise nach Deutschland mitgenommen haben.
Ein Fotoalbum, ein Tuch und eine Puppe. Die Ausstellung "Bus der Habseligkeiten" zeigt Dinge, die Menschen auf ihrer Reise nach Deutschland mitgenommen haben.

Bus in Baden-Baden als Symbol für die Reise

"Wenn man mit seinen Habseligkeiten nach Deutschland kommt, sitzt man ja auch irgendwann im Bus", meint Schindler. Als sie sich im Kuratorinnen-Team über das Thema der Ausstellung Gedanken gemacht hatten, sei ihnen die Idee gekommen. Bei einer Ausstellung im Bus könne man auch besser als in einem Museum nachempfinden, was es bedeute, sein Land zu verlassen.

Zum einen symbolisiere der Bus die Reise an sich. Sei aber auch eine gute Möglichkeit, um eine Ausstellung und Auseinandersetzung mit einem Thema zu den Menschen zu bringen. So würde auch der Austausch von verschiedenen Zugewanderten und Geflüchteten untereinander möglich sein. Seitdem der Museumsbus toure, hätten sich zum Beispiel einige ukrainische Geflüchtete auch dort hineingetraut. Es würde vielen leichter fallen, in einen Bus zu gehen, als in ein Museum.

Wir sind ein Museum to go, um ZU den Menschen zu gehen.

Der Bus macht bis zum 27. Mai 2026 an verschiedenen Orten in Baden-Baden und im Landkreis Rastatt Station. Begleitet wird die Ausstellung von Lesungen, Workshops und Gesprächsformaten. Der Eintritt ist frei.

Museum im Bus: Zeitzeugen und Jugendliche arbeiten mit

Die Ausstellung entstand gemeinsam mit Zeitzeuginnen, aber auch mit Jugendlichen aus Baden-Baden. "Wir sind mit den Zeitzeuginnen und ihren Objekten in die Schulen gegangen und wollten die Jugendlichen auf eine lebendige Form miteinbeziehen", erklärt Angelika Schindler.

Auch Schülerinnen und Schüler, die aus der Ukraine geflohen sind, haben sich beteiligt. In Workshops wurden Trickfilme, Collagen und kleine Theaterszenen entwickelt, die den persönlichen Erinnerungen eine kreative Form geben sollten. Ein daraus entstandener Trickfilm ist auch im Museumsbus zu sehen.

Der Museumsbus vor dem Stadtmuseum in Baden-Baden
Der Museumsbus vor dem Stadtmuseum in Baden-Baden: Eine Buslänge voll mit Erinnerungen.

Geschichte und politische Themen ins Museum bringen

Der "Bus der Habseligkeiten" zeigt, dass ein Museum heute mehr sein kann als ein fester Ort mit Vitrinen, da sind sich die Kuratorinnen einig. Das Museum fährt zu den Menschen und könne dadurch Begegnungen schaffen und zum Austausch einladen.

Man versuche, immer mehr wichtige Themen der Gegenwart ins Museum zu holen, so Franziska Dunkel vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg, eine der Kuratorinnen. "Wir versuchen, Museen zu politischen Orten zu machen, wo man wichtige Fragen in der Beschäftigung mit der Ausstellung diskutieren kann", sagt sie. "Gerade bei der Migration und wie sie politisch als Argument missbraucht wird, müssen wir etwas dagegensetzen."

Das Projekt offenbart persönliche Erinnerungen und das persönliche Verständnis von Geschichte. Aber vor allem wolle es Menschen miteinander ins Gespräch bringen und mit kleinen Gegenständen als Symbolen menschlicher Erfahrungen eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlagen.

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