Der Gefangene Sandor wartet geduldig in einem kleinen vergitterten Warteraum in der JVA Heimsheim im Enzkreis. "Ich muss schon manchmal mit den Tränen kämpfen", erzählt er. Gleich ist er an der Reihe und darf Kinderbücher für seinen zwei Jahre alten Sohn aufnehmen. "Es ist schon schwer beim Vorlesen, weil er halt nicht da ist. Und ich das mache, weil ich nicht da bin", erzählt er nachdenklich.
Studierende nehmen Gefangene beim Lesen auf
Er hat sich für seinen Sohn eine Gute-Nacht-Geschichte herausgesucht, bei der ein Kind einfach nicht einschlafen will. "Die passt genau zu ihm, weil es bei ihm aktuell genauso ist", schmunzelt Sandor, der zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Ein paar Räume weiter testen Max Degraf und Leonid Schmidt ein letztes Mal Mikrofon und Aufnahmegerät. "Die Motivation ist groß, es gut zu machen. Weil wir wissen, wie wichtig das für die Kinder ist", sagt Leonid. Er studiert an der Hochschule für Medien in Stuttgart. Im Rahmen des Projektes "Papa liest für mich" ermöglichen Studierende es Vätern und Müttern im Gefängnis, mit ihrer Stimme im Alltag ihrer Kinder zu sein.
Besuchsräume werden zum Tonstudio für Gefangene
Mehrere Väter der JVA Heimsheim nutzen an diesem Morgen die Möglichkeit des Vorlesens. Nacheinander verschwinden sie mit zwei, manchmal drei Büchern unterm Arm in die Räume für die Aufnahmen. Sie haben fürs Vorlesen jeweils 30 Minuten Zeit.
Vater Yilmaz beginnt seine Aufnahme mit den Worten: "Ich liebe euch, meine Kinder" - dann fährt er nahezu ohne Punkt und Komma mit seiner Geschichte für seine drei schon älteren Kinder fort. Er ist aufgeregt, wie er anschließend sagt. Und auch ein bisschen stolz, dass er es für seine Kinder gemacht hat: "Die werden sagen 'Boah, Papa hat was für uns hingekriegt'", ist er sich sicher.
Papa liest: Emotionale Botschaften für die Kinder
Die Studenten Max und Leonid sind von den Begegnungen mit den Gefangenen beeindruckt: "Vor allem die Botschaften am Anfang. Das ist ein emotionaler Aspekt, bei dem man spüren kann, welche Beziehung zwischen Vater und Kind herrscht", sagt Max. Sie werden die Aufnahmen hinterher mit einem Team für die Kinder aufbereiten.
"Die Stimme des Vaters in gewohnter Umgebung zu Hause zu hören ist enorm wichtig. Das ist bis dahin weggebrochen", sagt Sozialarbeiterin Fränze Lindner. Sie arbeitet seit 20 Jahren in der JVA: "In dem Moment, wo ein Elternteil durch die Haft wegfällt, hat das erhebliche Auswirkungen auf die emotionale und entwicklungsbezogene Entwicklung von Kindern." Mit Projekten wie "Papa liest für mich" könne die Vater-Kind-Beziehung gestärkt werden.
Vater-Kind-Projekte sollen im Gefängnis Nähe schaffen
Wie viele der rund 600 Insassen in der JVA Heimsheim Väter sind, wird statistisch nicht erfasst. Lindner schätzt, dass es rund ein Drittel sind. Aber nur 25 Väter nehmen an den angebotenen Vater-Kind-Projekten teil. Bei diesen sei das Interesse auch seitens ihrer Frauen da, die Kind-Beziehung der Väter über Gefängnismauern hinweg aufrechtzuerhalten. Bei den anderen sei der Kontakt aus verschiedenen Gründen abgebrochen. "Vielleicht weil sie das ihren Kindern nicht antun wollen", so Lindner.
Zwei Bücher hat sich Sandor an diesem Morgen vorgenommen und nimmt Platz vorm Mikrofon. Die Studenten Max und Leonid leiten ihn dabei an, beruhigen, schaffen eine angenehme Atmosphäre in dem kleinen Raum.
Ich habe erst durch das Projekt gemerkt, wie wichtig das Vorlesen fürs Kind ist.
Lesen, auch nach der Zeit im Gefängnis
Mit ruhiger Stimme spricht Sandor ins Mikrofon. Seite für Seite blättert er um. "Die Hoffnung ist, dass ich ihm Freude bereite. Er sich darauf freut, abends die Stimme von mir zu hören und dabei einzuschlafen", sagt der Gefangene. "Das macht mich stolz und zufrieden."
Wenn Sandor voraussichtlich in einem Jahr entlassen wird, will er ein festes Ritual einführen: seinem Sohn regelmäßig Bücher vorlesen.