Die Klasse 2a der Nordschule in Karlsruhe sitzt in einem Stuhlkreis zusammen. Mittendrin sind die ehemalige Kriminalbeamtin Tina Rastätter und Polizeikollegin Nadine Walter. Auf dem Stundenplan steht heute ausnahmsweise nicht Mathe oder Deutsch, sondern der "Werkzeugkasten für alle Fälle". Damit sollen Kinder "Werkzeuge" an die Hand bekommen, um sich in schwierigen Situationen richtig zu verhalten und sich damit selbst bestmöglich zu schützen.
Aufklärungsarbeit vor Ort: Team besucht Grundschulen
Es ist der nette Nachbar von nebenan, die Trainerin im Sportverein oder ein Angehöriger aus der eigenen Familie - sexualisierte Gewalt an Kindern passiert am häufigsten im nahen sozialen Umfeld der Betroffenen, sagen Experten. Tina Rastätter und Nadine Walter haben es sich zur Aufgabe gemacht genau darüber aufzuklären. In Workshops an Grundschulen versuchen sie Kinder für potenziell gefährliche Situationen starkzumachen.
Wenn ein sexueller Missbrauch geschieht, dann ist das Mord an der Kinderseele.
"Ich bin der Meinung, es muss Prävention gemacht werden. Denn wenn ein sexueller Missbrauch geschieht, dann ist das Mord an der Kinderseele. [Den sexuellen Missbrauch] trägt der Mensch Jahrzehnte in sich. Und das gilt es zu vermeiden", sagt Tina Rastätter. Dabei soll der "Werkzeugkasten für alle Fälle" den Kindern bestimmte Regeln und Verhaltensweisen beibringen.
An der Tafel wird der Werkzeugkasten auch für die Augen sichtbar. Dort hängen Bilder von einer Säge, einem Schraubenschlüssel, einer Zange und einem Hammer. Sie stehen symbolisch für die Dinge, die die Kinder verinnerlichen sollen. Der Hammer steht beispielsweise für "Bescheid sagen". Die Säge für "weglaufen". Die Zange für "Hilfe rufen" und "Sie sagen". Ein Schraubenschlüssel für mehrere Fragen, die sich die Kinder selbst in der Situation stellen sollen. Zum Beispiel: "Habe ich ein gutes Gefühl oder ein schlechtes Gefühl?" oder "Wissen Mama, Papa oder die Schule Bescheid, wo ich bin?"
Man könne nicht jedes Kind schützen, sagt Tina Rastätter. Ein Kleinkind sei einem Missbrauch meistens ausgeliefert und könne instrumentalisiert werden. Kinder in der zweiten Klasse könne man dagegen schon gut stärken. Sodass sie sich auch gegenüber Erwachsenen etwas trauen, sagt sie. Und das gelte nicht nur bei Fremden, sondern auch im familiären Umfeld. "Kindern muss übermittelt werden[...], dass man Nein sagen darf", so Rastätter. "Auch bei Menschen, die man lieb hat."
Rollenspiele sollen Szenen aus dem Alltag verdeutlichen
Auch interaktive Rollenspiele sind neben den Werkzeugen Teil des Konzepts von Tina Rastätter und ihrem Team. Das Gelernte soll so bei den Kindern besonders gut hängen bleiben. Aber: Die Praxis schlägt die Theorie. "Es ist wie bei Erwachsenen auch. In der Theorie sind wir alle perfekt und wenn wir es dann umsetzen müssen, scheitert man", sagt Tina Rastätter. Daher sei es wichtig, mit den Kindern aktiv zu üben.
Deswegen gibt es die Rollenspiele. Hier werden möglichst realistische Szenen aus dem Alltag trainiert. So sollen die Kinder zum Beispiel lernen, nicht mit fremden Personen mitzugehen. Eine der Regeln heißt "Nur vor Ort!". Das bedeutet: Sie bleiben dort, wo sie sind. Und gehen nicht mit einer Person einfach mit.
Präventionsprojekte gegen sexuelle Übergriffe: "Schulen sind der richtige Ort dafür"
Um über sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen aufzuklären, seien Schulen ein wichtiger Ort, sagt Fachreferentin für Sexualpädagogik Silke Grasmann vom Verein Aktion Jugendschutz Baden-Württemberg. Sie arbeitet in der Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen. "Alle, die die Möglichkeit haben, eine Gewaltpräventionsveranstaltung zu erleben, können handlungsfähiger werden [...]. Und möglicherweise auch wissen, wie sie sich schützen und wo sie sich Hilfe holen können."
Auch sie sagt: Ein hundertprozentiger Schutz vor sexualisierter Gewalt ist nicht möglich. Doch Eltern könnten auch zu Hause aktiv werden und wichtige Vorarbeit schaffen. Dazu gehöre unter anderem ein vertrauensvolles Umfeld zu schaffen.
Expertin rät: "Grenzen von Kindern achten"
Kinder müssten von Anfang an für das Thema sensibilisiert werden, sagt Silke Grasmann. Auch sei es wichtig, dass man ihre körperlichen Grenzen respektiert und ihnen zuhört, auch als Bezugsperson oder Familienmitglied. Wenn das Kind eine Umarmung oder einen Kuss ablehne, müsse man das respektieren. "Wir können nachfragen: 'Ist es in Ordnung für dich, dass ich dich in den Arm nehme?' und ein klares 'Nein' akzeptieren", so Silke Grasmann. "Wenn ich sage: 'Okay, du möchtest das nicht, also akzeptiere ich das jetzt.' Dann erlebt das Kind, dass seine Stimme eine Wirkung hat."
So könnten Kinder Vertrauen zu wichtigen Bezugspersonen aufbauen und gestärkt werden. "Was wir von übergriffigen Personen wissen, ist, dass sie starke Kinder und Jugendliche meiden", sagt Silke Grasmann.
Missbrauchsprävention: Private Initiative von ehemaliger Polizistin
Laut Tina Rastätter betreibt sie das Projekt auf privater Basis mit fünf weiteren Kollegen von der Polizei. Nach eigenen Angaben haben sie bisher zwischen 25 und 30 Schulen im Kreis Karlsruhe betreut. "Es wäre toll, wenn dieser 'Werkzeugkasten für alle Fälle' weitergeführt wird", sagt sie. Sie selbst habe viel Zeit. "Ich bin in Pension. Ich kann noch relativ viel machen. Aber meine Kollegen (bei der Polizei) machen Urlaub oder nehmen sich frei - das muss man erstmal gestemmt bekommen."
Sozialarbeiterin der Nordschule in Karlsruhe Bettina Knauber-Huber findet es sinnvoll, dass die Kinder über dieses Thema aufgeklärt werden. "Die Kinder sprechen auch im Nachgang viel darüber", sagt Knauber-Huber. "Sie kriegen viele Werkzeuge oder Optionen an die Hand und auch Ideen, wie sie in verschiedenen Situationen reagieren können, was auch erlaubt ist. Und dadurch gewinnen sie Sicherheit."