SWR-Reporter erinnert sich

Vor 20 Jahren: Tour de France ging durch Pforzheim und Karlsruhe

Am 8. Juli 2005 waren Karlsruhe und Pforzheim das Zentrum des Radsports. Die Tour de France ging durch die beiden Städte in Baden-Württemberg. Wäre so ein Event heute noch möglich?

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Stand

Ein Bericht aus dem Archiv zur Tour de France im Nordschwarzwald im SWR-Fernsehen:

Die Nachricht kam am 28. Oktober 2004: die Tour de France macht einen Abstecher nach Pforzheim und Karlsruhe. Von diesem Tag an beschäftigte das Pforzheimer SWR-Studio das Thema neun Monate lang. Zwischen Berichten über Schneechaos, Firmenpleiten und fehlende Kita-Plätze huscht immer wieder mal ein Zweirad vor unserem geistigen Auge vorbei. Denn unsere Hörerinnen und Hörer wollten schließlich wissen: welches Team nächtigt in welchem Hotel? Was erhoffen sich die regionalen Fahrradhändler von dem Ereignis? Oder wie schmeckt die Tour-Brezel, die die hiesigen Bäcker kreiert haben?

Das Bild zeigt Peter Lauber
SWR-Reporter Peter Lauber hat über die Tour de France in Pforzheim und Karlsruhe berichtet und sie live miterlebt.

Pforzheim fiebert: Tour-Brezeln, 60.000 gelbe Blumen und Goldene Startlinie

Keiner war mehr vor dem SWR-Mikrofon sicher: die Passanten nicht, mit denen wir den Tour-Tauglichkeitstest machten und erst recht nicht das Pforzheimer Organisationsteam um Wolfgang Trautz, Chef der Pforzheim Kongress- und Marketing GmbH (PKM). Dessen Stress wurde durch das penetrante Auftauchen des SWR-Reporters keineswegs verkleinert. Doch SWR-Land musste schließlich wissen, wo es noch freie Betten gab, wie viele Kilometer Absperrgitter aufgestellt werden und wovon der PKM-Chef nachts träumt.

Was Trautz’ Mannschaft, in der Vorbereitungszeit auf 14 Köpfe anwuchs, damals zu leisten hatte, war schlicht unbeschreiblich. Die Arbeit habe am Tag der offiziellen Verkündung der genauen Tour-Strecke in Paris begonnen, erzählt Trautz. Als auf einer Großleinwand sichtbar wurde: Pforzheim wird Startort.

Und dann taucht plötzlich Pforzheim auf! Da krieg ich heute noch Gänsehaut! Das war ein Erlebnis, den wir wussten: jetzt haben wir’s!

Der heute 76-jährige erinnert sich an 1.000 Dinge, die es zu erledigen galt: Genehmigungen für Hubschrauberflüge, 500 Kilo Eis für die Gastronomie, Blumengebinde zur richtigen Zeit am richtigen Ort, Strom- und Wasseranschlüsse sowie 3.000 Hotelbetten. Die Details der Organisation hätten am Ende 37 Aktenordner gefüllt, erzählt er. Und am Tag vor der Tour der bange Blick nach oben. Bei der Zieleinfahrt in Karlsruhe hatte es geregnet. Doch das Glück war der Goldstadt hold: der Startschuss fiel bei strahlendem Sonnenschein.

Tour de France in Pforzheim: Live-Berichte und Reportagen im Akkord

Bis dahin hatte das Tour-Fieber längst die ganze Stadt und damit auch uns befallen. Dank des SWR-Übertragungswagens beim Stadttheater konnten wir direkt von der Goldenen Startlinie - eigens von einem Pforzheimer Edelmetallbetrieb hergestellt - quasi rund um die Uhr berichten. Was da binnen Stunden ARD-weit an Reportagen, Live-Gesprächen und Nachrichtenstücken über den Äther ging, produzierten wir normalerweise in einer Woche.

Aber wann war in Pforzheim jemals soviel geboten: die Live-Show "ARD-Star-Tour" mit Promis von Jörg Pilawa bis Roberto Blanco, die SWR1-Party mit Manfred Mann’s Earth-Band, Einzug und Aufbau des Tour-Dorfes. Und dann natürlich der Startschuss am 9. Juli 2005.

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Tour de France: 100.000 Zuschauer erleben Pforzheimer Sommermärchen

Schon am frühen Morgen füllte sich die Stadt, teilweise in 5er und 6er-Reihen säumten Menschenmassen die Strecke von der Pforzheimer Innenstadt bis nach Neuenbürg (Enzkreis) und den Berg hinauf nach Dobel (Enzkreis). Die Veranstalter zählten am Ende rund 100.000 Besucher. Hunderte von Journalisten berichteten, die halbe Welt schaute auf Pforzheim.

Als ich zur Einschreibung gefahren bin, hatte ich die ganze Zeit eine Gänsehaut. Es waren soviele Menschen da, die Begeisterung war ohrenbetäubend!

Was mir als Reporter aber vor allem in Erinnerung blieb: eine vor Begeisterung brummende Stadt und überall nur fröhliche Gesichter. Gefühlt trug ganz Pforzheim gelbe Trikots, passend zu den 60.000 gelben Blumen, die die Stadtgärtnerei gepflanzt hatte.

 Nie mehr hat Pforzheim eine so schöne Stimmung erlebt!

Ein Jahr vor der Fußball-WM 2006 in Deutschland erlebte Pforzheim sein eigenes Sommermärchen. Und es blieb die Erkenntnis, was eine häufig als provinziell bezeichnete Stadt zu leisten vermag, wenn alle an einem Strick ziehen. Am Ende stand nicht nur Lance Armstrong auf dem Siegertreppchen sondern ganz Pforzheim.

Tour de France in BW: Wie realistisch wäre eine Neuauflage?

Erstmals 1987 und dann wieder 2005 machte die Tour de France Halt in Süddeutschland. 18 Jahre lagen zwischen den beiden Großevents. Wäre also mal wieder Zeit für eine Tour de France im Nordschwarzwald, möchte man meinen. Ist das allerdings heute noch möglich? "Ich halte es für durchaus realistisch", so Martin Wacker. Er ist Geschäftsführer der Karlsruhe Marketing und Event Gesellschaft (KME) und war 2005 bei der Tour de France involviert.

Allerdings sieht er ein großes Problem: "Das Geld ist ein Knackpunkt". Damals habe es von überall her Sponsoren gegeben. Das sei inzwischen nicht mehr der Fall. Auch die finanzielle Lage der Stadt sei deutlich angespannter als noch vor 20 Jahren.

Wir waren 2005 finanziell völlig anders aufgestellt. Heutzutage ist es schwieriger.

Er würde sich aber über eine Neuauflage der Tour de France freuen. "Es war damals eine große Ehre", betont Wacker. Eines beschwört der Eventmanager allerdings: Zusammenhalt. Nur gemeinsam könne ein solches Projekt realisiert werden. Und vielleicht ist es so ja möglich, das es bald wieder "Wir sind Tour de France" heißt.

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