Exkursion in die Natur des Nationalparks unter der Leitung von Rangern, die speziell auf die Bedürfnisse von sehbehinderten und blinden Menschen zugeschnitten sind: Solche inklusiven und barrierefreien Führungen bietet der Nationalpark Schwarzwald zweimal jährlich im Rahmen seines Jahresprogramms an.
Die jüngste Exkursion unter der Leitung von Susanne Berzborn, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Nationalpark-Team, und Rangerin Nadine Berger, fand Anfang Juli im nördlichen Teil des Schutzgebiets bei Forbach-Herrenwies statt. Drei blinde Teilnehmerinnen und Teilnehmer und ein sehbehinderter Mann mit ihren Begleitpersonen waren mit dabei. Auf einer vier Kilometer langen Tour absolvierte die Gruppe eine Reihe von besonderen Stationen.
Den Nationalpark Schwarzwald mit den Händen erfahren
Ausgestattet mit Blindenstöcken und begleitet von einem Blindenführhund machten sich die Wanderer auf den Weg. Für eine bessere Trittsicherheit verbanden sich einige per einem kurzem Seil am Handgelenk ihrer Begleiter.
Wie erleben Menschen den Schwarzwald, wenn sie ihn nicht sehen - aber dafür ertasten, fühlen, riechen und hören können? Susanne Berzborn und Nadine Berger vom Team Nationalpark Schwarzwald leiten die Gruppe dabei an, den Wald um sie herum bewusst mit denen ihnen möglichen Sinnen wahrzunehmen.
Um die Achtsamkeit und die Wahrnehmung zu schulen, haben sich die Gruppenleiterinnen Aufgaben für ihre Gäste überlegt: Zum Beispiel geht es darum, über den Tastsinn verschiedene Baumarten zu bestimmen. Die Teilnehmer legen dafür ihre Hände an die Baumstämme, fühlen und ertasten sie. So können Baumarten wie Fichte oder Buche von den Teilnehmern bestimmt werden.
SWR-Reporter Leonard Stern war bei der Führung im Nationalpark Schwarzwald dabei und hat die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu ihren Eindrücken befragt:
Wie groß ist ein Borkenkäfer?
Bei einer anderen Station geht es um ganz kleine Tiere: Wie groß ist ein Borkenkäfer - und wie fühlt er sich an? Im Stehkreis wird von den Gruppenführerinnen zunächst ein 25-Zentimeter großes Plastikmodell eines Borkenkäfers herumgereicht. Das sorgt bei den Teilnehmern für ungläubige Reaktionen. Dass der Borkenkäfer in der Natur dagegen nur zwei bis drei Millimeter groß ist, überrascht viele in der Gruppe. Als den Teilnehmern echte, getrocknete Borkenkäfer zum Fühlen auf die Handflächen gelegt werden, lehnen das einige ab.
Den Schwarzwald durch Fühlen erleben
Zwischen dem Anfassen und Erfühlen von Tannenzapfen, Steinen und Laub stellt Teilnehmer Rudolf Kaltenbach klar: "Ich bin kein gewöhnlicher Blinder". Denn er lehne es eigentlich ab, Gegenstände zu ertasten, begründet er seine Aussage. "Wir Blinde sind nicht unterwegs, um Dinge zu erfühlen, sondern um Ziele zu erreichen“, sagt Rudolf Kaltenbach, der vor fünf Jahren vollständig erblindet ist. Für ihn sei das Fühlen lediglich die Vorfreude auf das anschließende Erlebnis. Früher sei er immer sportlich in der Natur aktiv gewesen. Die Wanderung durch den Nationalpark - für ihn sei es "eine willkommene Bereicherung".
Die Teilnehmer sind am Ende der Tour zufrieden mit diesem besonderes Naturerlebnis im Nationalpark. Einige wollen im September wieder dabei sein, wenn die nächste geführte Tour für blinde und sehbehinderte Menschen stattfindet.