Bis 2003 arbeiteten die Reporter des Mannheimer Morgen in den Quadraten. Dann zog die "MM"-Redaktion in den Stadtteil Wohlgelegen. Im Rahmen des 80. Geburtstags ist das Blatt jetzt wieder vorübergehend in die Innenstadt zurückgekehrt. In einer "Pop-Up-Redaktion" werden öffentliche Konferenzen, Talks und Sprechstunden abgehalten. Miriam Scharlibbe ist seit 2025 Chefredakteurin der Tageszeitung, vorher war sie im Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag tätig. Im Interview mit SWR Aktuell erklärt Scharlibbe, warum man zurück ins Zentrum gegangen ist und welchen Stellenwert der Lokaljournalismus für die Demokratie hat.
SWR Aktuell: Wir führen dieses Gespräch in Ihrer Pop-Up-Redaktion, mitten auf den Planken in der Mannheimer Innenstadt. Warum hatten Sie das Bedürfnis, hier zum 80. Geburtstag präsent zu sein?
Miriam Scharlibbe: Wir haben gedacht, dass es eine gute Idee ist, mitten reinzugehen. Mitten in diese Innenstadt, wo nicht nur viele Nachrichten passieren, sondern auch unfassbar viele Menschen wohnen und leben.
SWR Aktuell: Hat das auch etwas damit zu tun, neues Vertrauen bei den Menschen zu gewinnen?
Scharlibbe: Ja. Wir haben während der Corona-Pandemie als Lokaljournalisten erlebt, dass die Grundlage für unsere Nachrichten weggefallen ist. Also mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, bei Veranstaltungen und auf Sportplätzen zu sein. Das alles war auf einmal nicht mehr da. Wir haben uns als Journalisten zurückgezogen und sind nach dem Ende der Pandemie vielleicht zu langsam zurück in das Leben gegangen. Jetzt merken wir, dass viel über Vertrauen in die Medien, aber auch in gesellschaftliche Strukturen diskutiert wird. Und ich sage, es ist besser, man diskutiert miteinander, man streitet sich sogar mal hart in der Sache, als dass man sich nur noch anschweigt. Um diese Diskussion möglich zu machen, muss man zu den Menschen gehen. Daher ist es ein guter Zeitpunkt, so etwas auszuprobieren.
SWR Aktuell: Welche Aufgabe erfüllt eine Lokalzeitung wie der Mannheimer Morgen 80 Jahre nach seiner Gründung?
Scharlibbe: Journalismus hat immer die Aufgabe, die Mächtigen zu kontrollieren. Das macht er, egal in welchem Raum. Aber gerade im Lokalen ist ganz viel dieser Macht verteilt. In der Kommunalpolitik werden Entscheidungen getroffen, die mein Leben und das Leben von unseren Leserinnen und Lesern maßgeblich verändern können: Wie unsere Kinder betreut werden, ob neue Schulen gebaut oder saniert werden, ob es Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr gibt, man sich eher zu Klimazielen bekennt, wie es mit Baustellen weitergeht und wie die wirtschaftliche Situation in einer Stadt ist.
Es ist wichtig, dass es da eine Instanz gibt, die genau hinschaut, aber auch kritisch nachfragt, wo es etwas ungemütlich wird. Und die bleibt. Wenn beispielsweise eine große Nachrichtenlage passiert, das haben wir in Mannheim mehrfach erlebt, dann kommen Journalisten aus allen großen Medienhäusern und fahren wieder weg - wir bleiben.
SWR Aktuell: Trotz Krisenzeiten sagen Sie, Lokaljournalistinnen und Lokaljournalisten hätten noch immer den schönsten Job der Welt. Warum?
Scharlibbe: Es ist nicht der einfachste Beruf, denn wir haben Arbeitszeiten, die nicht immer bis 17 Uhr gehen. Wir sind als Reporter in Regen und Sturm unterwegs und stellen uns auch oft der Kritik. Aber es ist immer noch der schönste Beruf der Welt, weil wir die Lizenz haben, Fragen zu stellen. Man trifft einen fremden Menschen, stellt Fragen und derjenige öffnet sich und erzählt sehr Persönliches. Einfach nur, weil man gesagt hat, man ist Reporter oder Reporterin des Mannheimer Morgen und weil man Vertrauen hergestellt hat. Das ist ein Geschenk, aber auch eine große Verantwortung.
SWR Aktuell: Sie sind seit fast einem Jahr beim "MM". Sie kommen nicht aus der Region und haben vorher im hohen Norden gelebt und gearbeitet. Wie blicken Sie jetzt auf Mannheim und ihr Blatt?
Scharlibbe: In Mannheim Journalismus zu machen, ist ehrlicherweise ein absolutes Geschenk. Es gibt ganz viel Reichtum, es gibt aber auch ganz viel Armut. Wir haben eine wahnsinnig diverse Stadtgesellschaft, mit einer wunderschönen Region drumherum. Wer als Journalist hierherkommt, kann aus einem Fundus an Geschichten schöpfen. Der Mannheimer und die Mannheimerin machen es dabei einem manchmal leicht und manchmal schwer. Sie empfangen einen erst mal mit offenen Armen, reden auch sehr ausführlich mit uns. Sie sind aber auch kritisch und schauen uns als Journalisten auf die Finger.
Ich bekomme als Chefredakteurin relativ viele E-Mails, persönliche Gesprächsanfragen, viel mehr als ich das in Norddeutschland gewohnt war. Und es gibt auch die Anspruchshaltung, dass man eine Antwort bekommt, das ist sehr zeitraubend. Deswegen überlegen wir uns auch gerade neue Formate. Die Pop-Up-Redaktion hat dabei geholfen, dass man mehreren Menschen gemeinsam eine Antwort geben kann. Für mich ist das insgesamt aber ein sehr schönes Zeichen, gerade wenn man in andere Ecken der Bundesrepublik schaut. Von Mannheim und der Metropolregion kann man wirklich was lernen, denn den Menschen hier ist die Stadt und die Region nicht egal. Sie wollen mitgestalten und genauso möchten sie auch bei ihrer Zeitung mitreden.