"Man darf sich nicht alles gefallen lassen"

Postquadrat am Hauptbahnhof Mannheim: Ein Baudrama in drei Akten

Insolvenz und Baustopp: Die zukünftigen Bewohner des Postquadrats haben lange gekämpft. Fünf Jahre später als geplant sollen sie einziehen. Doch der Preis dafür ist hoch.

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Von Autor/in Melanie Holstein

Seit Jahren warten mehr als 100 Menschen darauf, in ihre gekauften Neubauwohnungen im sogenannten Postquadrat neben dem Mannheimer Hauptbahnhof einziehen zu können. 2021 ging der Projektentwickler insolvent. Die Folge: ein Baustopp. Nach jahrelangen Verhandlungen wird das Gebäude seit Kurzem fertiggebaut. Fünf Jahre später als geplant sollen die ersten voraussichtlich Ende des Jahres einziehen können. Für manche bedeutet das allerdings: Mehrkosten im sechsstelligen Bereich.

Käuferin zwischen Vorfreude und Wehmut

Sim Hägele ist dreifache Mutter. 2020 hat sie mit ihrem Mann zwei Wohnungen im Postquadrat gekauft. Damals waren ihre Kinder noch klein. Sie wollte sich mit ihrer Familie einen Traum erfüllen: jeder ein eigenes Zimmer, Spielplatz im Hof, vom Wasserhahn bis hin zum Parkett, alles nach ihrem Geschmack. Wenn sie im Sommer 2027 - sechs Jahre später als ursprünglich geplant - einziehen, ist die Realität eine andere.

Protestierende Wohnungskäufer fordern Weiterbau des Postquadrats in Mannheim
Bei einer Protestaktion 2023 demonstrierte auch Familie Hägele mit. Sohn Yunus (heute 13 Jahre alt) forderte sein eigenes Zimmer.

"Mein ältester Sohn macht dann Abitur und wird kurz danach ausziehen. Den Spielplatz brauchen wir eigentlich auch nicht mehr." Die 48-Jährige ist erleichtert, dass das Drama zu Ende geht. Aber der Wermutstropfen bleibt. "Wir mussten für den Fertigbau quasi die Grundausstattung wählen. Keine Sonderwünsche erlaubt. Das ausgesuchte Parkett liegt als Insolvenzmasse rum und darf nicht verbaut werden."

Eine Frau sitzt mit ihrem dreizehnjährigen Sohn am Küchentisch. Vor ihnen liegt ein ausgedruckter Bauplan. Vor ihnen steht Tablet. Darauf sieht man das Foto eines leeren Zimmers mit eingepacktem Parkett-Boden.
Der Parkettboden sollte in der ganzen Wohnung verlegt werden. Bild in Detailansicht öffnen
Eine Frau sitzt mit ihrem dreizehnjährigen Sohn am Küchentisch. Vor ihnen liegt ein ausgedruckter Bauplan. Vor ihnen steht Tablet. Darauf sieht man das Foto eines leeren Zimmers mit blauen Wänden.
Sim Hägele zeigt ihrem Sohn sein zukünftiges Zimmer. 2021 waren sie zum letzten Mal vor Ort. Bild in Detailansicht öffnen

Die Freude ist mir irgendwie im Hals stecken geblieben.

Zusätzlich zu ihrem ursprünglichen Kaufpreis muss sie nach eigenen Angaben 30 Prozent drauflegen. Ohne die Unterstützung aus dem Umfeld wäre das nicht möglich gewesen. "Wir zahlen 1.400 Euro Kredit und Zinsen, plus Miete und alle Zusatzkosten." Ihre neuen Möbel habe sie mittlerweile ausgepackt, ihre Küche werde seit Jahren zwischengelagert. Auch das koste. Die Garantie sei aber schon längst erloschen.

75-jähriger Käufer muss wieder arbeiten, um Kredit zu zahlen

Johannes ist 75 Jahre alt und hat sich sein Rentnerdasein anders vorgestellt. 2020 hat er drei Wohnungen im Postquadrat gekauft. Eine davon soll sein Altersruhesitz werden. Damals rechnete er, wie die anderen auch, mit einem Einzug in 2021/22. Fünf Jahre später muss er eine Summe im sechsstelligen Bereich draufzahlen. Um das zu stemmen, hat er vor knapp einem Jahr wieder angefangen zu arbeiten.

"Ich muss mich an manchen Tagen selber hochhalten und das Positive sehen", erzählt der 75-Jährige. Er sei aber vor allem dankbar. "Wir haben alle zusammengehalten und das geschafft, was niemand gedacht hat."

Sprecher der Eigentümer: "Man darf sich nicht alles gefallen lassen"

Eine treibende Kraft im Postquadrat-Drama: Torsten Theiß. Er war 2018 einer der ersten Käufer, hat sich über die Jahre zum Sprecher der Eigentümer entwickelt - und wurde schon als "Bürgermeister vom Postquadrat" bezeichnet, was er mit einem lachenden Kopfschütteln am Rande erzählt. Johannes findet: Theiß habe gekämpft wie ein Löwe. Mittlerweile kennt Theiß nach eigenen Angaben jeden und alle kennen ihn.

Ein 49-Jähriger Mann steht vor einer Wand mit gepackten Umzugskisten.
Torsten Theiß ist seit Jahren bereit für den Umzug.

Theiß betont die Unterstützung der Baufirmen und die Mühe der Stadt. Auch wenn ihre Rolle bei dem privaten Bauprojekt nach eigenen Angaben sehr limitiert gewesen ist. Man habe Lösungen angemahnt und Druck gemacht, so ein Stadtsprecher auf Anfrage. Kritik richtet Theiß vor allem gegen die Gesetzeslage.

Baufirmen aus der Region bauen fertig: "Wir haben uns verpflichtet gefühlt"

Als die Baufirma Diringer und Scheidel 2022 zum ersten Mal angefragt wurde, haben sie abgelehnt, erzählt der Bereichsleiter Bastian Lintz. Doch dann haben sie nach reiflicher Überlegung gemeinsam mit der Baufirma Heberger aus Schifferstadt das Projekt übernommen. Man teile die Arbeit und das Risiko.

Während der intensiven Gebäudeprüfung 2024 hätten sie bei einem Treffen mit dem Insolvenzverwalter auch die Käuferinnen und Käufer kennengelernt. "Da haben wir auch in die Augen der Betroffenen geschaut und uns verpflichtet gefühlt." An dem Großprojekt sind dutzende Mitarbeitende und acht bauliche Leitungen beteiligt.

Fehler in der Planung führen zu Kostensteigerung

Insgesamt geht es um 140 Wohnungen, verteilt auf sieben Häuser. Die beiden Baufirmen waren monatelang mit der Prüfung des Gebäudes beschäftigt. Für jeden Käufer wurde ein Pauschalbetrag für die Fertigstellung gefordert. "Der Teufel steckt im Detail", erzählt der gelernte Zimmermann Lintz. "Wir mussten jedes Kabel, jede Leitung überprüfen." Hinzu kommt: fehlende Dokumente, keine Ansprechpartner.

Die zuvor beteiligten Firmen seien verstreut oder schlichtweg nicht mehr da. Das Brandschutzkonzept sei noch nicht einmal fertig gewesen, so Lintz. "Für ein Projekt in solch einer Größenordnung wurde leider nicht professionell gearbeitet." Die Folgen: ein undichtes Dach, zahlreiche Mängel und eingebaute Türen, die nicht brandschutzkonform sind.

Postquadrat Mannheim: "Ein außergewöhnlicher Fall"

Zu dem gesamten Postquadrat-Komplex gehören unter anderem auch Gebäude für Gewerbeflächen, Büros und Mietwohnungen. Und sogenannte Gemeinschaftsflächen: eine Außenanlage, eine Tiefgarage, ein Innenhof und Spielplätze. "Das eine im Rohbau, das andere fast fertig", erinnert sich der zuständige Insolvenzverwalter, Andreas Kleinschmidt. Die Kosten umzulegen sei enorm aufwendig gewesen. Zudem es nach der Insolvenz keinen wirklichen Bauherrn mehr gab. "Ein außergewöhnlicher Fall und aufwendiger Prozess", so Kleinschmidt weiter. Alle Beteiligten hätten Abstriche machen müssen.

Die Eigentümer sind sehr gut organisiert. Nahezu alle sind mitgezogen. Das ist nicht selbstverständlich und sehr beeindruckend.

Die Summe, die alle Betroffenen gemeinsam am Ende drauflegen müssen, befinde sich im niedrigen zweistelligen Millionenbereich.

Letzter Akt im Baudrama Postquadrat: Einzug voraussichtlich im Dezember 2026  

Nach der Insolvenz und dem Baustopp folgt der dritte und hoffentlich letzte Akt: Die ersten Käuferinnen und Käufer sollen voraussichtlich im Dezember 2026 einziehen. Die restlichen Wohnungen sollen voraussichtlich 2027 bezugsbereit sein. Der Plan steht - und die Arbeiten laufen auf Hochtouren.

Bei Torsten Theiß läuft der Countdown auf dem Handy mit. Weniger als 300 Tage bis zur geplanten Übergabe.

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Autor/in
Melanie Holstein
Melanie Holstein schaut in die Kamera und lächelt, sie ist multimediale Reporterin im SWR Studio Mannheim.

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