Autobranche in der Krise

Mercedes-Benz: Was ein Software-Entwickler mit seiner Abfindung macht

Mercedes beendet ein spezielles Abfindungsprogramm. Wie viele der 40.000 angesprochenen Mitarbeiter es nutzen, sagt der Konzern nicht. Ein Experte geht von einer hohen Zahl aus.

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Von Autor/in Geli Hensolt

Der sogenannte Turbozeitraum mit zusätzlichen Zahlungen beim Mercedes-Benz-Abfindungsprogramm ist mit Ende Juli 2025 abgelaufen. Das Abfindungsprogramm insgesamt läuft aber noch bis Ende März 2026.

Etwa 40.000 Mitarbeitende, die bei dem Autokonzern in Deutschland in der Verwaltung arbeiten, haben ein persönliches Abfindungsangebot erhalten. Der Konzern selbst nennt keine Zahlen, wie viele Mitarbeitende sich für die "Turbo-Abfindung" entschieden haben.

KI-Startup statt Mercedes-Benz

Der Software-Entwickler Kapilan Koch hat das Abfindungsangebot angenommen - und mit dem SWR darüber gesprochen. Ab sofort wird er hauptberuflich in dem KI-Start-Up arbeiten, dass er zusammen mit anderen letztes Jahr gegründet hat.

Mercedes verlasse er mit gemischten Gefühlen, sagt der 35-Jährige. Einerseits freue er sich auf die neue Herausforderung, andererseits aber werde er seine alte Arbeitsstelle auch vermissen. "Die Themen, die ich dort betreut habe, und das Team liegen mir sehr am Herzen", erzählt Koch.

Ex-Mercedes-Mitarbeiter: Finanziell attraktives Angebot

Warum er trotzdem den Aufhebungsvertrag unterschrieben hat, nach sechs Jahren im Sindelfinger Mercedes-Werk? Es reize ihn, sein eigenes Ding zu machen. Und zudem sei das Angebot finanziell attraktiv gewesen.


Wie viel Geld der Software-Entwickler genau erhält, will er nicht sagen, nur so viel: Die Summe reiche, um das erste Jahr in der Selbstständigkeit zu finanzieren.

Abfindung im "Turbo-Zeitraum" etwa zehn Prozent höher

Die Turbo-Angebote waren offenbar durchaus lukrativ. Der Stuttgarter Arbeitsrechtler Frank Hahn sagte dem SWR, die errechnete Abfindung habe innerhalb des Turbo-Zeitraums um zehn Prozent höher gelegen – dazu komme eine Zusatzprämie in Höhe von sechs Bruttomonatsentgelten.

Frank Hahn, der für die Kanzlei Kasper Knacke in Stuttgart Mitarbeitende von Mercedes berät, sagt, vor allem für jüngere Beschäftigte seien die Summen sehr attraktiv.  

Arbeitsrechtler: "Sehr gute und sehr faire Abfindung"

Mitarbeitende können Medienberichten zufolge deshalb teilweise mit mehr als 500.000 Euro rechnen, wenn sie den Auflösungsvertrag rechtzeitig unterschrieben haben. Hahn hat für den SWR an einem Beispiel ausgerechnet, was das in Zahlen bedeutet: Angenommen eine 47-jährige Mitarbeiterin bekomme ein Bruttomonatsgehalt von 7.417 Euro. Dann errechne sich daraus eine Abfindung von 274.689 Euro.


Mit den 10-Prozent Turbo-Zuschlag und der 6-Monatsprämie liege der Gesamtbetrag der Abfindung bei 346.662 Euro. Hahn sagt: "Unterstellt man, dass die Mitarbeiterin 10 Jahre beschäftigt ist, ist dies eine sehr gute und sehr faire Abfindung."

Das findet auch der Stuttgarter Arbeitsrechtler Stefan Nägele. Er berät, wie auch Frank Hahn, Mercedes-Mitarbeitende mit Blick auf die Abfindung. Nach seinem Eindruck ist ein signifikanter Anteil wohl auf das Angebot eingegangen.

Krise in der Autoindustrie: Für wen lohnt sich eine Abfindung?

Experten für Arbeitsrecht raten weiterhin allen Betroffenen, das eigene Abfindungsangebot intensiv zu prüfen. Stefan Nägele betont, die Entscheidung sei abhängig vom Alter und der persönlichen Lebensphase. Wer mit 40 oder 45 ausscheide, habe sicher gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, für ältere Beschäftigte dagegen sei es deutlich schwieriger.

Jeder und jede muss sich die Fragen stellen: Kann ich es mir leisten, zu gehen? Und wie lange reicht die Abfindung?

Mercedes: "Gehen sozialverträglich und fair vor"

Zu Details der Abfindungsangebote macht Mercedes selbst keine Angaben, eine Sprecherin erklärte auf Anfrage des SWR: "Wir gehen sozialverträglich und fair vor. Die Abfindungsangebote sind darauf ausgerichtet, sowohl den Beschäftigten als auch dem Unternehmen eine nachhaltige Perspektive zu bieten."

Das Abfindungsprogramm basiert laut Mercedes auf der so genannten "doppelten Freiwilligkeit", das heißt, Mitarbeitende und Geschäftsleitung müssen zustimmen. Die Beschäftigten sollen also freiwillig gehen. Aber was ist, wenn sich zu wenige dafür entscheiden, das Unternehmen zu verlassen? Möglicherweise steigt dann der Druck.

Setzt Mercedes Beschäftigte unter Druck?

Was das bedeutet, haben mache Führungskräfte bei Mercedes bereits erlebt. Schon seit 2019 hat Mercedes die Zahl der Führungskräfte in den obersten drei Führungsebenen deutlich reduziert und will das auch weiterhin tun. Mercedes plane, überproportional viele Stellen im Management abzubauen, so eine Sprecherin. Dafür gebe es ein gesondertes Programm.  

Und dabei ist das Unternehmen offenbar nicht immer zimperlich. Aus Gesprächen mit davon betroffenen Führungskräften weiß Anwalt Hahn: Wenn Mitarbeitende sich sperrten und das Arbeitsverhältnis eben nicht einvernehmlich mit einer Abfindung beenden wollten, würden diese immer wieder zu Gesprächen gebeten.

Dabei fielen angeblich Sätze wie: "So ein Angebot kommt nie wieder. Überlegen Sie es sich gut, ob Sie das annehmen wollen – wir haben schließlich keine Verwendung mehr für Sie." Mercedes selbst wollte sich zu Spekulationen nicht äußern. 

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Warum Mercedes-Benz sparen muss 

Der Stellenabbau bei Mercedes ist Teil eines Programms ("Next Level Performance"), mit dem der Hersteller bis 2027 dauerhaft jedes Jahr fünf Milliarden Euro einsparen will. Der Grund: Mercedes steckt aktuell – wie auch andere deutsche Hersteller – in der Krise: In den ersten drei Monaten 2025 ist das Ergebnis im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 43 Prozent zurückgegangen, von drei auf 1,7 Milliarden. Und auch 2024 lief mit einem Minus von 30 Prozent nicht gut für den Stuttgarter Hersteller.

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Für Mercedes kommt momentan einiges zusammen – manches ist hausgemacht, manches der aktuellen politischen Lage geschuldet. Da sind zum einen die so genannten "Strafzölle", mit denen der US-amerikanische Präsident Donald Trump Autos belegt, die in die USA importiert werden.

Die Unsicherheit, wie die Zollpolitik weitergehen wird und welche Gegenmaßnahmen andere Regierungen ergreifen, hatte bei Mercedes kürzlich dazu geführt, dass das Unternehmen keinen Ausblick aufs Jahr 2025 wagte, dafür ist die aktuelle Lage aus Sicht des Vorstands zu unsicher.

Welche Rollen spielen Europa und China bei der Krise von Mercedes?

Aber nicht nur der nordamerikanische, sondern auch der europäische und vor allem der chinesische Markt machen dem Hersteller Sorgen – in Europa ging der Absatz im ersten Quartal um sieben Prozent, in China sogar um zehn Prozent zurück. China ist mit Abstand der wichtigste Markt für Mercedes, jedes dritte Auto wird dort verkauft.

Vor allem die elektrischen Luxusautos der Marke treffen den Geschmack der Kunden dort offenbar nicht. Sie entscheiden sich immer häufiger für Fahrzeuge chinesischer Konkurrenten. Das ist auch schlecht für die E-Auto-Bilanz des Konzerns, 2024 sind die Verkäufe reiner E-Autos insgesamt um 24 Prozent eingebrochen. 

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Autor/in
Geli Hensolt
Geli Hensolt
Onlinefassung
Jenny Beyen