Joshua Meisel, Medizinstudent und Vorsitzender des Landesschülerbeirats Baden-Württemberg, weiß aus eigener Erfahrung, wie belastend psychische Erkrankungen für junge Menschen sein können. Als Schüler war er selbst ein Jahr lang aufgrund psychischer Probleme nicht in der Schule, musste das Schuljahr wiederholen und befand sich in ambulanter Therapie. "Ich konnte nicht mehr zur Schule gehen, weil es mir so schlecht ging", erzählt Meisel.
Mit seiner Geschichte steht er nicht allein da. Laut dem Deutschen Schulbarometer geben 21 Prozent der Schülerinnen und Schüler an, psychisch belastet zu sein. Zudem schätzen 27 Prozent ihre Lebensqualität als gering ein. Besonders betroffen sind Mädchen, die laut Studien häufiger unter psychischen Problemen leiden als Jungen.
Schüler fehlen schon in jungen Jahren wegen psychischer Probleme
Die Vorsitzende des Landesverbands Schulpsychologie, Nina Großmann, sieht einen großen Handlungsbedarf, wenn es um die abnehmende psychische Gesundheit bei Schülerinnen und Schülern geht. "Besonders auffällig ist der sehr früh einsetzende Schulabsentismus und generalisierte Ängste und Depressionen, die das Lernen in der Schule behindern", sagt die Schulpsychologin. Immer häufiger suchten Eltern mit Kindern und Jugendlichen Schulpsychologen auf, um Autismus- oder ADHS-Diagnosen zu erhalten - dafür sei diese aber nicht die richtige Anlaufstelle.
Die zuständigen medizinischen Einrichtungen sind laut Großmann aber überlastet. Für solche Diagnosen gebe es lange Wartezeiten bis zu einem Jahr. "Hier verlieren Schülerinnen und Schüler wichtige Zeit, um zum Beispiel durch einen entsprechenden Nachteilsausgleich oder andere schulische Maßnahmen eine angemessene Förderung zu erhalten", so die Psychologin.
Folgen für Schüler, Gesellschaft und Wirtschaft
Wirtschaftsforscher Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sieht die Ursachen vor allem im familiären Umfeld, in Mobbing und im Medienkonsum. Die Folgen der psychischen Belastungen seien weitreichend. "Das Ausbildungssystem ist für das deutsche Wirtschaftsmodell von hoher Bedeutung", betont Hüther. Wenn junge Menschen aufgrund psychischer Probleme in der Schule scheitern, entständen langfristige wirtschaftliche Kosten. Entweder stehen weniger Fachkräfte zur Verfügung oder es müssten aufwendige Maßnahmen zur Integration in den Arbeitsmarkt ergriffen werden.
Forderungen nach mehr Unterstützung
Quentin Gärtner, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, sieht dringenden Handlungsbedarf. Er fordert in einem 10-Punkte-Plan mehr Schulpsychologen und Sozialarbeiter sowie eine grundlegende Veränderung der Schulkultur, etwa individuelle Förderung, mehr Pausen und eine Entlastung der Lehrerinnen und Lehrer. "Es muss eine Kultur gefördert werden, bei der es nicht darum geht, möglichst viel Druck auszuüben", betont Gärtner. Zudem hat er konkrete Forderungen, die er an die baden-württembergische Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) richtet:
Frau Schopper muss sich dafür einsetzen, Fachkräfte an die Schulen bringen zu bringen. Sie muss sich auch dafür einsetzen, dass wir Schulen baulich anders ausstatten.
Danach gefragt, verweist die Ministerin auf die Kommunen als Schulträger, hebt aber hervor, dass das Land Baden-Württemberg bereits 45 Millionen Euro für die Schulsozialarbeit bereitgestellt hat. "Das ist sehr viel Geld, und es ist wichtig, dass wir das ausgeben", sagt Schopper. Doch sie betont auch, dass Geld allein nicht ausreicht: "Es geht darum, den jungen Menschen Mut und Zuversicht zu geben."
Psychologin: "Es wird mit der jungen Generation nicht ernsthaft gerechnet"
Laut Schulpsychologin Nina Großmann hält das Land einen Ausbau der Schulpsychologie "nicht für nötig" - obwohl die zahlenmäßige Versorgung bereits unter den Bundesdurchschnitt geraten sei. In Baden-Württemberg kamen im letzten Jahr 7.851 Schülerinnen und Schüler auf eine Schulpsychologin. Im Bundesdurschnitt lag die Zahl bei 5.218 Schülerinnen und Schüler pro Schulpsychologe. Die Forderungen der Bundesschülerkonferenz seien für Großmann eine klare Ansage für die Zukunft. "Im Moment interessiert sich aber die Politik nicht für unsere Zukunft. Es wird mit der jungen Generation nicht ernsthaft gerechnet. So als bräuchte man sie nicht."
Auch Dieter Dohmen, Direktor am Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie, sieht bundesweit Mängel bei der Versorgung mit Beratungsstellen und schulpsychologischen Angeboten. Es gebe zu wenige Stellen die nur teilweise besetzt seien, hinzu komme eine generell unzureichende Versorgung durch Kinder- und Jugendpsychologen.
Politik und Verwaltung müssen endlich die Tragweite des Problems erkennen und die Schule auch als Ort für eine bessere mentale und psychosoziale Versorgung anerkennen und ernst nehmen. Die Lehrkräfte werden das nicht auch noch leisten können, viele von ihnen kämpfen selbst mit Überlastung und mentalen oder psychosozialen Herausforderungen.
Auch Dohmen unterstützt die Forderungen der Bundesschülerkonferenz - hat aber nur wenig Hoffnung für die Umsetzung des 10-Punkte-Plans. "Die finanzielle Lage von Bund, Ländern und Kommunen aber auch der Personalmangel in allen Bereichen des Schul- und Bildungssystems sowie die damit verbundenen hohen Belastungen lassen nicht erwarten, dass hier wirklich viel passiert. Es wird sehr stark auf andere Stakeholder wie Stiftungen, Krankenkassen etc. ankommen", sagt der Bildungsforscher.
Mehr Verständnis und Offenheit
Joshua Meisel hat es geschafft, seine psychischen Probleme zu überwinden - nicht zuletzt dank therapeutischer Hilfe. "Am Anfang war die Unterstützung durch Lehrkräfte gering, weil ich nicht darüber sprechen konnte", erklärt er. Erst als er lernte, offen mit seiner Situation umzugehen, habe er auch von Lehrern mehr Rücksicht und Unterstützung erfahren.