Schulleiterinnen und Schulleiter in Baden-Württemberg fühlen sich durch ihren Beruf psychisch stark belastet. Das geht aus einer Studie Freiburger Arbeitswissenschaftler im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hervor.
Hunderte Schulleitungsstellen in BW unbesetzt
An den rund 4.500 Schulen in Baden-Württemberg (davon sind 3.800 staatlich) wird es nach Angaben der GEW zunehmend schwieriger, freie Schulleiterstellen zu besetzen. Anfang 2024 waren über 250 Schulleitungsstellen unbesetzt. Derzeit seien 233 Stellen unbesetzt, bestätigt das Kultusministerium dem SWR.
Hohe psychische Belastung im Dienst
Die GEW-Vorsitzende Monika Stein verwies auf die Ergebnisse der Befragung von über 1.400 Schulleitungen im Land. Die Ergebnisse wurden mit Studien verglichen, in denen unter anderem Lehrkräfte und andere Beschäftigte im öffentlichen Dienst befragt wurden.
Demnach hat sich deren Arbeitsumfeld in den vergangenen Jahren stark verändert. Sowohl Familien mit existenziellen Problemen als auch die Gesellschaft als Ganze stellten heute deutlich höhere Anforderungen an Schulen als in der Vergangenheit. Das führe zu steigender Arbeitsbelastung. Viele Schulleiter arbeiteten deutlich mehr als die vorgeschriebenen 41 Stunden pro Woche. Nicht wenige gingen auch krank zur Schule und arbeiteten am Wochenende. Das wiederum steigere die Burnout-Gefahr, so Stein.
Laut Studie empfinden die Leitungskräfte die emotionalen Anforderungen als deutlich höher als normale Lehrkräfte oder andere Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Zudem berichten sie häufiger als andere Beschäftigte über Konflikte zwischen Arbeits- und Privatleben und eine Entgrenzung der Arbeitszeit.
GEW: Unbesetzte Stellen sind Alarmzeichen
Dass etliche Stellen über längere Zeit unbesetzt blieben, müsse ein Alarmzeichen sein, sagte Stein. "Wir brauchen motivierte, gesunde und leistungsfähige Schulleitungen, um unsere Schulen voranzubringen", so Stein. Wenn eine Schulleitung ausgebrannt sei, wenn eine Schulleitungsstelle unbesetzt sei, leide das gesamte System. Ohne engagierte Schulleiterinnen und Schulleiter gebe es keine Schulentwicklung, sagte die GEW-Vorsitzende. Wenn man wolle, dass Schule zukunftsfähig werde, brauchten Schulleitungen mehr Zeit, personelle Unterstützung und professionelle Begleitung.
GEW fordert Pflichtstunden für Leitungszeit
Die Bildungsgewerkschaft schlägt deshalb vor, dass Schulleitungen mindestens 14 Pflichtstunden für Leitungszeit erhalten. "Dies würde nur 125 zusätzliche Stellen kosten und besonders die vielen kleinen Grundschulen im Land stärken, an denen Leitungen mitunter auch das Toilettenpapier auffüllen und im Winter den Schnee räumen müssen, weil es dafür kein anderes Personal an der Schule gibt", so die Bildungsgewerkschaft. Auch bei Verwaltungsassistenzen sieht die Gewerkschaft Handlungsbedarf: Hier soll pro Schule mindestens eine 25-Prozent-Stelle ermöglicht werden, fordert die GEW.
Unbesetzte Stellen laut Ministerium nur "Momentaufnahme"
Das baden-württembergische Kultusministerium weist indes darauf hin, dass die Anzahl nicht besetzter Stellen von Schulleiterinnen und Schulleitern saisonalen Schwankungen unterliege und jeweils eine Momentaufnahme darstelle. Typischerweise würden Schulleitungsstellen erst zu Beginn eines neuen Schuljahres besetzt.
Das baden-württembergische Kultusministerium teilte dem SWR mit, dass man seit 2019 daran arbeite, Schulleitungen umfangreich zu entlasten, um damit diese Position attraktiver zu machen.
Man habe beispielsweise die Bezahlung für Funktionsstellen, also die Stellen, die über die reguläre Lehrtätigkeit hinausgehen und Aufgaben in der Leitung oder der pädagogischen Unterstützung übernehmen, bei den Grund-, Haupt- und Werkrealschulen erhöht. Außerdem wurden laut Ministerium zusätzliche Stellen geschaffen, um Schulleiterinnen und Schulleiter zu entlasten und die Aufgaben besser zu verteilen.
Ministerium: Zusätzliche Stellen für Sozialarbeiter und Psychologen
An den Schulen sind dem Ministerium zufolge inzwischen viele weitere Berufsgruppen tätig, wie beispielsweise Sozialarbeiter, Psychologen, Freiwilligendienstleistende und sogenannte multiprofessionelle Teams. Diese sollen Lehrkräfte und vor allem auch Schulleitungen entlasten. Ebenso gebe es ein umfangreiches Fortbildungs- und Qualifizierungsangebot.