Millionen Menschen sind allein in Europa während der beiden Weltkriege gestorben. An sie erinnern - auch in Baden-Württemberg - zahlreiche Gedenkveranstaltungen und Gottesdienste zum Volkstrauertag. Aktuell sorgen vor allem die Nachrichten über den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und den Krieg im Nahen Osten für Ängste und Unsicherheiten im Land. Dagegen und für das Gedenken wollen ehrenamtliche Helfer des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge etwas tun.
Schüler lernen beim Besuch von Gräbern
In Baden-Württemberg engagieren sich nach Angaben des Volksbundes etwa 56.000 Menschen als Mitglieder oder Förderer für die Organisation. Auch an Schulen sind sie aktiv, besuchen mit Schülern und Schülerinnen Gräber oder Gedenkstätten. "Dort sehen die Jugendlichen beispielsweise, dass in den Gräbern 17- oder 20-jährige gefallene Soldaten begraben sind", sagt Diane Tempel-Bornett, Pressesprecherin Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, "das schafft unter jungen Menschen eine andere Betroffenheit".
Eine Kriegsgräberstätte ist eigentlich ein Friedhof für junge Menschen.
Auch die Jugendlichen selbst engagieren sich auf mehrwöchigen Exkursionen und Arbeitseinsätzen für die Pflege und den Erhalt von Kriegsgräbern in Europa. In diesem Jahr waren es laut Tempel-Bornett deutschlandweit 38.000. Auf die Frage, was Jugendliche von heute mit den Toten der vergangenen Kriege zu tun haben, bekämen die meisten Teilnehmer Antworten, die sie intensiv beschäftigten, so Tempel-Bornett.
Gedenken an Kriegstote durch Schülerinnen in Bad Saulgau
Auf dem Friedhof von Bad Saulgau (Kreis Sigmaringen) mahnt eine Gedenkglocke zum Frieden. Eine Gruppe von Berufsschülerinnen erinnert dort an die Kriegstoten. In Bad Saulgau gab es während des NS-Regimes Zwangsarbeiter - in einem Außenlager des KZ Dachau. Für Schülerin Laura Mayer ist es wichtig, beim Gedenken dabei zu sein, "weil man an diesem Denkmal noch mal sieht, wie viele es eigentlich wirklich betroffen hat".
Die Schülerinnen beschäftigen sich auch mit Soldatengräbern. Deswegen haben sie die größte deutsche Kriegsgräberstätte in den Niederlanden besucht.
Da steht man dann mittendrin, umgeben von diesem Meer von Gräbern.
"32.000 Gräber, das ist so krass", betont Schülerin Lola Schlewek, "und dann kriegt man mit: Das ist die Anzahl an Personen, die durchschnittlich an einem Tag während des Zweiten Weltkriegs gestorben ist." Schlewek und ihren Mitschülerinnen ist es wichtig, die Erinnerung an Kriegstote wach zu halten. Auf die Idee kamen sie, als sie das Bild eines Soldaten aus Bad Saulgau entdeckten, der in den Niederlanden begraben ist. Er sei aus dem gleichen Ort gewesen und trotzdem habe sie 18 Jahre lang nichts von ihm gewusst, erzählt Schülersprecherin Sabrina El-Fachtali. Erst mit ihrem Exkurs in die Niederlande habe sich das geändert.
Vor allem im Angesicht der steigenden Kriegsgefahr finden die Schülerinnen es wichtig, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Viele würden den Bezug zum Thema verlieren, "weil sie eben keine persönlichen Erfahrungen mehr von ihren Großeltern hören", sagt Amelie Bühler, stellvertretende Schülersprecherin. Deshalb sei es umso wichtiger, dass man in der Schule davon lerne und sich mit älteren Leuten unterhalte.
Kriegsgräber zur Aufklärung und als Mahnung zum Frieden
Für Diane Tempel-Bornett vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist das Interesse der Enkel- und Urenkel-Generation an weiterer Aufklärung über die Weltkriegsopfer immer wieder überraschend. "Die Enkel oder Urenkel gehen mit weniger Schmerz in die Recherche über die Kriegsfolgen, die ihre Familien direkt betreffen. Sie können mit dem Thema sachlicher umgehen".
Die Kriegsgräber seien gerade in der aktuellen Zeit dazu geeignet, zum Nachdenken anzuregen, so Tempel-Bornett: "Diese Kriegsgräberstätten sind ja eine Mahnung zum Frieden und angesichts der momentanen Lage ist bei nicht wenigen unserer Mitarbeiter schon die Frage aktuell, ob die Opfer der letzten Kriege möglicherweise umsonst gestorben sind". Tempel-Bornett sagt, sie habe große Sorge, dass die Menschheit in Sachen Krieg nichts oder zu wenig aus der Geschichte gelernt habe.