Wenn Frühgeborene sterben

Eltern trauern um Sternenkind: "Er wurde geliebt, bevor er geboren war"

Trauer um Sternenkinder erfordert besondere Begleitung. Ein junges Paar spricht über seinen Verlust, die Bewältigung und was dabei geholfen hat.

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Von Autor/in Markus Pfalzgraf

Pamela und Max blättern in einem Buch. Die beiden jungen Eltern schauen sich Grüße, Wünsche, Zeichnungen und Worte an, die an sie und ihr Kind gerichtet sind. Dabei fließen viele Tränen. Denn ihr Baby ist nicht mehr da - es hat nur kurz gelebt. Zu klein war es, und es kam viel zu früh. Die Erinnerungen sind in einer schön gestalteten Holzkiste aufbewahrt. Neben dem Buch sind Fotos darin, auch ein Strampler und eine Kerze. Auf beidem steht der Name des Kindes: Noah. "All die Leute hatten so schöne Grüße und so schöne Worte für ihn," sagt Pamela schluchzend. "Er wurde schon geliebt, bevor er geboren war."

Baby Noah lebte nur zwanzig Minuten

Bis zur zwanzigsten Woche war es eine Schwangerschaft ohne Unregelmäßigkeiten oder Komplikationen. Doch dann begannen die Schwierigkeiten. Pamela und Max verstanden erst nach und nach, dass die Lage ernst war - viel ernster, als sie es sich zunächst vorstellen konnten. Denn Pamela fühlte sich eigentlich gut. Aber der Gebärmutterhals stellte sich als zu kurz heraus - eine Frühgeburt drohte. Der Muttermund konnte mit einem Eingriff verschlossen werden, doch nach der Operation kam der nächste Dämpfer: Eine Schwangerschaftsvergiftung drohte.

Es begann ein Wettlauf gegen die Zeit. Die beiden wollten unbedingt so lange wie möglich durchhalten - in der Hoffnung, dass ihr Kind es schaffen würde. "Wir haben immer sehr positiv gedacht," erzählt Max, "deswegen war es am Ende natürlich ein Schock. Bis die Geburt passiert ist, haben wir um alles gekämpft." Irgendwann war es nicht mehr möglich, die Geburt weiter hinauszuzögern. Und dann war klar, dass Noah es nicht schaffen würde: zu klein, zu wenig Gewicht, um lebensfähig zu sein. Die Ärzte konnten nichts tun. Immerhin konnten Pamela und Max ihn kurz sehen und halten. Er lebte nur zwanzig Minuten.

Pamela und Max erzählen von ihrem Sternenkind Noah. Er war eine Frühgeburt und hat nicht überlebt.
Pamela und Max hatten bis zuletzt gehofft, dass ihr Sternenkind Noah es schaffen könnte.

Bestattung auf Friedhof mit anderen Sternenkindern

Diese kurze, wertvolle Zeit mit ihrem Baby hat ihnen geholfen, wie auch die Begleitung. Es gab eine Not-Taufe im Krankenhaus, und später kam ein Fotograf. Andere hatten Kleidung in sehr kleinen Größen für das Frühchen besorgt, alles ehrenamtlich. Pamela und Max sind noch heute sehr dankbar dafür.

Neben der Begleitung war es für das junge Paar auch wichtig, ein Grab in der Nähe zu haben: einen Ort zum Trauern, nicht nur für sich, sondern auch für die Familie, die großen Anteil nahm. Recht bald wurde Noah auf einem kleinen Teil des Friedhofs in ihrem neuen Wohnort beerdigt, auf dem mehrere Sternenkinder liegen, die nicht oder nur kurz das Licht der Welt erblickt hatten.

Trauer und Nachsorge zusammendenken

Schließlich folgte ein besonderer Kurs: Claudia und Anna Landenberger haben ihre Kompetenzen als Trauerbegleiterin und Hebamme zusammengetan, um ein Angebot speziell für Eltern in Trauer unmittelbar nach der Geburt anzubieten. Claudia Landenberger weiß, wie wichtig Trauerbegleitung ist, und ihre Schwiegertochter Anna hat das in einen Rückbildungskurs integriert. Den brauchen Mütter nach der Geburt ohnehin, und dann sei es bei einem solchen Verlust wichtig, "dass eben die Mütter das nicht einfach mit sich ausmachen, sondern dass das Kind auch präsent sein darf", sagt Anna Landenberger. Gerade für eventuelle weitere Schwangerschaften sei das immer ein Thema. Und für Pamela war entscheidend: "Ich wollte nicht in so einen Rückbildungskurs gehen, wo fröhliche Mamas da sind, die ihre Babys zu Hause haben."

Eigentlich, so meint die Hebamme, müssten möglichst alle Eltern, die ihr Kind verloren haben, so ein Angebot wahrnehmen können. Doch es ist viel zu unbekannt und nicht finanziert. Anna Landenberger wünscht sich mehr Aufmerksamkeit dafür, etwa durch Aufklärung möglichst schon im Krankenhaus. Und für Trauerbegleiterin Claudia Landenberger wäre es nötig, dass auch die Kosten dafür übernommen werden. Bislang gilt das nur für die üblichen Rückbildungskurse. "Körperliche Rückbildung ist das eine", meint sie, "aber die Mütter brauchen einfach auch etwas für ihre Seele, damit sie gut im Leben weitergehen können." Und auch Väter bräuchten Angebote.

Pamela und Max jedenfalls hat es geholfen beim Übergang in ihr neues Leben als Eltern ohne Kind. Ihre Familienpläne haben sie nicht aufgegeben, auch wenn jetzt alles anders ist. Sie sehen sich als Eltern ohne Kind, aber auf dem Weg der Verarbeitung. Ein mögliches weiteres Kind soll Noah auch nicht ersetzen: Das viel zu kleine Wesen, das nur so kurz lebte, soll immer seinen Platz in ihrer Familie haben.

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Autor/in
Markus Pfalzgraf
SWR-Reporter Markus Pfalzgraf, Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft

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