Ab Anfang Juni können suchtkranke Menschen ihre Drogen unter Aufsicht und guten hygienischen Bedingungen in einem Raum im Leonhardtsviertel konsumieren. "Ich hätte viele Freunde noch hier, wenn es diesen Raum früher gegeben hätte", erzählt Giaco, der selbst betroffen ist. Er weiß, dass der Raum suchtkranken Menschen im Zweifel das Leben retten kann.
Suchthilfe in Stuttgart
Denn neben hygienischen Utensilien finden Betroffene im Drogen-Konsumraum auch Ruhe. "Wenn man wirklich abhängig ist, schafft man es vom Dealer oft nicht mehr nach Hause. Dann muss man sich auf der Straße einen Platz suchen, um die Drogen zu nehmen", erklärt Giaco. Der 34-Jährige hat selbst vor rund 15 Jahren angefangen, Drogen mit einer Nadel zu konsumieren.
Die öffentliche Situation setze einen so unter Druck, dass Fehler passierten. "Du brauchst nur weniger als einen Millimeter daneben zu liegen und zack hast du ein Ei. Das wird zum Abszess und im schlimmsten Fall zum Tod", erzählt Giaco. Mit 13 Jahren landete er auf der Straße, erst seit rund zwei Jahren hat er eine Unterkunft. Seinen Schulabschluss und eine Ausbildung zum Zimmermann hat er von der Straße aus geschafft.
Ganzheitliches Konzept: KOMBO
Unfälle oder fehlende erste Hilfe im Falle einer Überdosis soll der Konsumraum verhindern. Hier herrschen strenge Regeln. Unter anderem muss sich jede Person mit Namen anmelden und darf nur eine Dosis für den Eigengebrauch dabei haben. Vor Ort sind eine Pflegekraft für medizinische Notfälle und eine pädagogische Kraft, um die Kosumierenden allgemein beraten zu können.
Denn der Kosumraum gehört in Stuttgart zu einem ganzheitlichen Suchthilfe-Konzept, genannt KOMBO. Elena Feller ist die Einrichtungsleiterin: "Wir bieten tagesstrukturierende Maßnahmen an: Bei uns kann man arbeiten, waschen, duschen, wir haben eine Kleiderkammer und ein Café für günstiges Essen und Trinken."
Kooperation mit der Polizei
Damit der Drogen-Konsumraum von Betroffenen wahrgenommen wird, ist auch eine Kooperation mit der Polizei wichtig. Deswegen haben die Träger von KOMBO, caritas Stuttgart und release Stuttgart e.V., beim Konzept mit den Beamten zusammengearbeitet. Alexander Stalder, Leiter der Kriminalpolizei Stuttgart, versichert: "Suchtkranke Menschen stehen nicht im Zentrum der polizeilichen Maßnahmen." Die Polizei unterstütze den Ansatz. "Allerdings tolerieren wir keinen Drogenhandel, auch nicht im Umfeld der Einrichtung."
Drogen-Konsumraum als Überlebenshilfe
Viele Vereine und Initiativen setzten sich in Stuttgart teils seit Jahrzehnten für einen sicheren Drogen-Konsumraum mit geschultem Personal ein. Bis Ende 2028 gibt es nun eine Interimslösung in der Lazarettstraße. Dann sollen die eigentlichen Räumlichkeiten in der Ossietzkystraße bezogen werden.
In Baden-Württemberg ist es der dritte sichere Drogen-Konsumraum nach Karlsruhe und Freiburg. In den Städten Hamburg und Frankfurt am Main haben sie sich bereits seit 1994 als wichtige Überlebenshilfe für drogenabhängige Personen etabliert. Zuletzt ist die Zahl der Todesfälle durch Drogenkonsum im Baden-Württemberg massiv angestiegen. 2024 sind 195 Personen an Rauschgiften gestorben, so viele wie seit 20 Jahren nicht mehr.