Aufklärung von NS-Verbrechen

Ludwigsburg: Auch 80 Jahre nach Kriegsende findet die Zentrale Stelle noch Verdächtige

Am 8. Mai 1945 endeten der Zweite Weltkrieg in Europa und die Nazi-Diktatur. Auch acht Jahrzehnte danach ist die strafrechtliche Aufarbeitung von NS-Verbrechen nicht abgeschlossen.

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Von Autor/in Markus Frank

Als gemeinsame Einrichtung der Bundesländer wurde die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen 1958 in Ludwigsburg gegründet. Zu Beginn ihrer Arbeit galten die Ermittler der Aufklärungsstelle als Nestbeschmutzer. Anfeindungen waren an der Tagesordnung. Doch auch fast 70 Jahre später führen sie immer noch Vorermittlungen durch und übergeben ihre Ergebnisse an die zuständigen Staatsanwaltschaften.

Zentrale Stelle Ludwigsburg: Mehrere tausend Verfahren angestoßen

Rund 7.700 Verfahren hat die Ludwigsburger Ermittlungsbehörde seit ihrer Gründung angestoßen. Zum Beispiel den Prozess gegen SS-Oberscharführer und Lagerkommandant Josef Schwammberger. 1992 wurde er vom Landgericht Stuttgart wegen Mordes an 25 Menschen und Beihilfe zum Mord in 641 Fällen zu lebenslanger Haft verurteilt. 2002 lehnte das Landgericht Mannheim eine vorzeitige Entlassung wegen der besonderen Schwere der Schuld ab. Laut Gerichtsurteil mordete Schwammberger willkürlich aus Rassenhass. Gegenüber Juden habe er besonders grausam gehandelt. Schwammberger starb 2004 im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg im Alter von 92 Jahren.

Mord verjährt nicht! Das ist der Grund, weshalb wir heute noch als Vorermittlungsbehörde tätig sind.

Ein historischer Prozess war der gegen John Demjanjuk. 2011 wurde erstmals ein nichtdeutscher Wachmann eines NS-Todeslagers verurteilt - ohne konkreten Tatnachweis. Das Landgericht München war überzeugt davon, dass der gebürtige Ukrainer 1943 im Auftrag der SS ein halbes Jahr an der Ermordung von über 28.000 Juden und Jüdinnen im deutschen Vernichtungslager Sobibor in Polen beteiligt war. Das Gericht verurteilte ihn wegen Beihilfe zum Mord zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren, die Demjanjuk aber nicht verbüßte, weil Verteidigung und Staatsanwaltschaft Revision gegen das Urteil einlegten und der Angeklagte 2012 verstarb.

Immer noch Verdächtige

Die Zentralkartei in der Ludwigsburger Ermittlungsbehörde umfasst 1,76 Millionen Karteikarten. Mit Namen und Adressen von mutmaßlichen Mördern und Mordhelfern, die wichtige Räder waren in der Vernichtungsmaschinerie der Nazis im Dritten Reich. Behördenleiter Thomas Will und sein Team ermitteln unermüdlich weiter und finden heute noch Verdächtige. Doch es wird immer schwieriger, diese Leute zur Rechenschaft zu ziehen. Weil viele der mutmaßlichen Täter und Handlanger längst tot sind. Auch viele Zeuginnen und Zeugen leben nicht mehr. Man sei, so Will, "im Schlussbereich der NS-Verfolgung" angekommen und werde in den nächsten Jahren zu einem Ende kommen.

Vom Ermitteln zum Vermitteln

Auch wenn der Zeitpunkt aktuell noch nicht gekommen ist: Was wird aus der Zentralen Stelle in Ludwigsburg, wenn sie ihre aktive Ermittlungsarbeit eingestellt hat? Dann gehe man vom Ermitteln zum Vermitteln über, so die baden-württembergische Justizministerin Marion Gentges (CDU). "Wenn die Zentrale Stelle keine Vorermittlungen mehr zu führen hat, wird sie zu einem Ort des Erinnerns, des Lernens und der Begegnung umgestaltet werden. Schon heute arbeiten wir mit dem Haus der Geschichte an entsprechenden Konzepten, um auch tatsächlich begreifbar zu machen, was die Zentrale Stelle ausmacht und welchen großen Dienst sie geleistet hat."