Viele Menschen kennen das Gefühl über einen Stolperstein zu laufen: Man sieht den Stein, muss eigentlich weiter und bleibt dann doch stehen, um sich den Namen und die Daten durchzulesen. Denn hinter jedem Namen verbirgt sich eine Geschichte.
Im Stuttgarter Osten vor einem Haus in der Schönbühlstraße liegt seit Dienstag ein Stolperstein für Reinhold Fränznick. Als er 17 Jahre alt war, während des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1943, wurde er von der Wehrmacht eingezogen. Er warf seine Uniform in den Neckar und verweigerte den Kriegsdienst. Danach beginnt das dunkle Ende seines kurzen Schicksals.
Reinhold Fränznick: Gestorben für die Freiheit
Der Neffe von Reinhold Fränznick, der Stuttgarter SPD-Politiker Dietmar Bulat, ist bei der Verlegung des Stolpersteins vor Ort. Er ist sichtlich gerührt, als er das Wort ergreift, um über die Geschichte seines Onkels zu berichten. "Er hatte kein leichtes Leben. Er ist ja mit knapp 18 Jahren hingerichtet worden und wir sind heute hier, um an ihn zu erinnern", sagt er.
Nachdem Reinhold Fränznick beschloss, nicht zur Wehrmacht zu gehen, versteckte er sich in einem Schuppen des Wohnhauses seiner Eltern. Eine Nachbarin denunzierte ihn. Danach wurde er in das Wehrmachtsgefängnis Fort Zinna in Torgau in Sachsen gebracht. Am 20. April 1945 wurde er in Brottewitz in Brandenburg, gemeinsam mit vier anderen jungen Männern, erschossen - nur einen Tag bevor die Rote Armee Brottewitz befreite.
Die Familiengeschichte wurde jahrelang verschwiegen
Dietmar Bulat liegt die Geschichte seines Onkels am Herzen: "Warum ein Teil unserer Familiengeschichte erst jetzt ans Licht kommt, liegt sicherlich auch daran, dass unsere Familie während des Krieges und auch danach nicht darüber gesprochen hat."
Seit 1949 ist die Verweigerung des Kriegsdienstes ein Grundrecht. Niemand kann dazu gezwungen werden, gegen sein Gewissen Kriegsdienst an der Waffe zu leisten. Während der NS-Diktatur war das anders. Viele Kriegsdienstverweigerer wie Reinhold Fränznick wurden umgebracht.
In unserer Familie hieß es immer nur: Dein Onkel wurde in der Brottewitz erschossen. Über das Warum hatte ich bis vor Kurzem keine Ahnung.
Kriegsdienstverweigerung beschäftigt Schulklasse vor Ort
Auch der Sohn von Dietmar Bulat, Emil, findet es wichtig, dass an Reinhold Fränznik erinnert wird. Der 18-Jährige ist mit seiner Schulklasse bei der Stolperstein-Verlegung dabei. "Vor allem jetzt ist das Thema 'Wehrpflicht' wieder sehr präsent, und ich finde es krass, wenn man nicht das Recht hat zu verweigern. Ich bin froh, dass ich in einer Zeit lebe, in der ich nein sagen kann", sagt er.
Stolpersteine gegen das Vergessen
Der Stolperstein für Reinhold Fränznick ist einer von elf Stolpersteinen, die am Dienstag in Stuttgart verlegt wurden. Mit den Stolpersteinen wird an alle erinnert, die Opfer der NS-Diktatur wurden. Häufig sind die Steine Jüdinnen und Juden gewidmet, die während des Dritten Reichs deportiert wurden.
Europaweit gibt es rund 116.000 Stolpersteine. Der erste Stolperstein wurde vor rund 30 Jahren verlegt. Die Steine sind das Lebenswerk des Künstlers Gunter Demnig, der zu vielen Verlegungen noch persönlich anreist.