Gedenken an Opfer der NS-Zeit

Gestorben für die Freiheit: Neuer Stolperstein erinnert an jungen Kriegsdienstverweigerer

Ein 17-Jähriger hat in der NS-Zeit den Kriegsdienst verweigert und wurde getötet. In Stuttgart erinnert ein Stolperstein an ihn. Seine Geschichte berührt vor allem junge Menschen.

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Von Autor/in Sissy Hertneck

Viele Menschen kennen das Gefühl über einen Stolperstein zu laufen: Man sieht den Stein, muss eigentlich weiter und bleibt dann doch stehen, um sich den Namen und die Daten durchzulesen. Denn hinter jedem Namen verbirgt sich eine Geschichte.

Im Stuttgarter Osten vor einem Haus in der Schönbühlstraße liegt seit Dienstag ein Stolperstein für Reinhold Fränznick. Als er 17 Jahre alt war, während des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1943, wurde er von der Wehrmacht eingezogen. Er warf seine Uniform in den Neckar und verweigerte den Kriegsdienst. Danach beginnt das dunkle Ende seines kurzen Schicksals.

Reinhold Fränznick: Gestorben für die Freiheit

Der Neffe von Reinhold Fränznick, der Stuttgarter SPD-Politiker Dietmar Bulat, ist bei der Verlegung des Stolpersteins vor Ort. Er ist sichtlich gerührt, als er das Wort ergreift, um über die Geschichte seines Onkels zu berichten. "Er hatte kein leichtes Leben. Er ist ja mit knapp 18 Jahren hingerichtet worden und wir sind heute hier, um an ihn zu erinnern", sagt er.

Foto von Reinhold Fränznick mit 17 Jahren in Uniform
Auf dem Foto trägt der junge Reinhold Fränznick die Uniform, die er später in den Neckar warf. Pressestelle Stolperstein-Initiative

Nachdem Reinhold Fränznick beschloss, nicht zur Wehrmacht zu gehen, versteckte er sich in einem Schuppen des Wohnhauses seiner Eltern. Eine Nachbarin denunzierte ihn. Danach wurde er in das Wehrmachtsgefängnis Fort Zinna in Torgau in Sachsen gebracht. Am 20. April 1945 wurde er in Brottewitz in Brandenburg, gemeinsam mit vier anderen jungen Männern, erschossen - nur einen Tag bevor die Rote Armee Brottewitz befreite.

Die Familiengeschichte wurde jahrelang verschwiegen

Dietmar Bulat liegt die Geschichte seines Onkels am Herzen: "Warum ein Teil unserer Familiengeschichte erst jetzt ans Licht kommt, liegt sicherlich auch daran, dass unsere Familie während des Krieges und auch danach nicht darüber gesprochen hat."

Die Stolpersteine werden in den Boden eingelassen und danach verputzt.
Die Stolpersteine liegen jeweils am letzten freigewählten Wohnort der Opfer.

Seit 1949 ist die Verweigerung des Kriegsdienstes ein Grundrecht. Niemand kann dazu gezwungen werden, gegen sein Gewissen Kriegsdienst an der Waffe zu leisten. Während der NS-Diktatur war das anders. Viele Kriegsdienstverweigerer wie Reinhold Fränznick wurden umgebracht.

In unserer Familie hieß es immer nur: Dein Onkel wurde in der Brottewitz erschossen. Über das Warum hatte ich bis vor Kurzem keine Ahnung.

Kriegsdienstverweigerung beschäftigt Schulklasse vor Ort

Auch der Sohn von Dietmar Bulat, Emil, findet es wichtig, dass an Reinhold Fränznik erinnert wird. Der 18-Jährige ist mit seiner Schulklasse bei der Stolperstein-Verlegung dabei. "Vor allem jetzt ist das Thema 'Wehrpflicht' wieder sehr präsent, und ich finde es krass, wenn man nicht das Recht hat zu verweigern. Ich bin froh, dass ich in einer Zeit lebe, in der ich nein sagen kann", sagt er.

Bei der Stolperstein-Verlegung waren auch einige Verwandte von Reinhold Fränznick vor Ort.
Bei der Stolperstein-Verlegung waren auch Verwandte von Reinhold Fränznick vor Ort: Sein Neffe Dietmar Bulat (links), sein Großneffe Emil (mitte) und seine Nichte Milena Kern (rechts).

Stolpersteine gegen das Vergessen

Der Stolperstein für Reinhold Fränznick ist einer von elf Stolpersteinen, die am Dienstag in Stuttgart verlegt wurden. Mit den Stolpersteinen wird an alle erinnert, die Opfer der NS-Diktatur wurden. Häufig sind die Steine Jüdinnen und Juden gewidmet, die während des Dritten Reichs deportiert wurden.

Europaweit gibt es rund 116.000 Stolpersteine. Der erste Stolperstein wurde vor rund 30 Jahren verlegt. Die Steine sind das Lebenswerk des Künstlers Gunter Demnig, der zu vielen Verlegungen noch persönlich anreist.

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Sissy Hertneck
Sissy Hertneck vor einem schwarzen Hintergrund

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