Verspätungen, Baustellen, Störungen

Stuttgart 21: So erleben Lokführer ihren Alltag mit der Mega-Baustelle

Nicht nur Fahrgäste leiden täglich unter den Folgen von S21 - auch die Lokführer, Zugbegleiter und Mitarbeitenden der Verkehrsunternehmen müssen täglich mit Überraschungen rechnen.

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Von Autor/in Frieder Kümmerer

Onur Tekeci steht am Bahnsteig in Geislingen an der Steige (Kreis Göppingen). Gleich kommt ein Regionalzug, der MEX 16 aus Ulm. Den wird er übernehmen und nach Stuttgart fahren. Tekeci ist seit 2019 Lokführer beim Bahnunternehmen Arverio (damals Go Ahead) und kennt den Stuttgarter Bahnknoten eigentlich nur als Riesenbaustelle. Ab 2021 wurde es dann mit spontanen Baustellen und Sperrungen immer schlimmer. Seit dieser Woche ist klar: Das wird sich so schnell auch nicht ändern.

In der SWR Story "Stuttgart 21 - verplant, verbaut, verschoben" erzählt Lokführer Onur Tekeci aus seinem Alltag als Lokführer.

Stuttgart 21 - verplant, verbaut, verschoben. Von falschen Kabeln und doppelten Signalen | SWR Doku

Onur Tekeci: Veraltete Infrastruktur, kaputte Signale

Der Zug aus Ulm kommt pünktlich, Tekeci übernimmt das Fahrzeug und steigt in den Führerstand. "Hoffen wir mal, das alles klappt", sagt er und fährt los. Pünktlich um 8:48 Uhr verlässt er Geislingen, der Zug ist gut gefüllt. Für die Fahrt zum Stuttgarter Hauptbahnhof braucht er laut Fahrplan 62 Minuten. Ob das klappt? "Was zum Beispiel immer wieder auftritt: Die Signalanlage ist gestört. Die eingebaute Technik, die noch nicht modernisiert wurde, ist sehr alt, also 50, 60 Jahre alt. Da passieren halt immer Störungen", erklärt er.

Arverio-Lokführer Onur im Zug
Lokführer Onur auf dem Weg Richtung Stuttgart. Jeden Tag muss er auf Überraschungen gefasst sein.

Denn abgesehen von den Stuttgart-21-Baustellen fahren Tekeci und seine Kolleginnen und Kollegen auf einem Streckennetz, das nicht nur gnadenlos veraltet ist wie in ganz Deutschland, sondern das im Stuttgarter Knoten in der Form eigentlich seit 2019 nicht mehr in Betrieb sein sollte. Das bedeutet, dass die Technik seit Jahren nur noch in Stand gehalten, aber nicht modernisiert wird. Denn im Rahmen von Stuttgart 21 wird mit der Inbetriebnahme die alte Technik eigentlich komplett durch neue digitale Zugsicherungstechnik ersetzt.

S21: Vom Personal wird viel Flexibilität abverlangt

Stuttgart 21 sorgt zusätzlich dafür, dass immer wieder spontan Baustellen auftauchen, Streckensperrungen eingerichtet werden oder Fahrzeuge gewechselt werden müssen. Außerdem wird durch die Umrüstung der Züge auf die digitale Technik immer wieder der Fahrzeugtyp getauscht - und auch auf den müssen Lokführer erstmal geschult werden. Dadurch verändern sich Fahrpläne - und dadurch verändern sich wiederum die gesamten Dienstpläne der Mitarbeitenden, und das kurzfristig.

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Tekeci ist auch Personalvertreter bei Arverio und weiß, wie viel Einsatz seine Kolleginnen und Kollegen erbringen. "Wir müssen sehr viel von unserer Planungssicherheit immer wieder aufgeben, damit die Fahrgäste mit den Zügen trotzdem weiterfahren können." Wenn die Lokführerinnen und -führer spontan von der Personaleinsatzplanung angefragt werden, würden er und seine Kolleginnen und Kollegen in über 90 Prozent der Fälle die angepassten Dienstpläne akzeptieren. Denn alle hätten den Ehrgeiz, dass die Züge nicht ausfallen müssen, sagt Tekeci: "Die Bereitschaft, seine Freizeit spontan umzugestalten, ist enorm hoch."

Arverio-Leitstelle: "Problematisch sind die ungeplanten Baustellen"

Während Tekeci weiter Richtung Stuttgart fährt, wird seine Fahrt aus der Leitstelle von Arverio in Essingen (Ostalbkreis) überwacht. "Sieht alles gut gerade aus", sagt Iliya. Züge und Fahrzeuge organisieren, Lokführer umdisponieren, neue Einsatzpläne erstellen - hier ist gut was los. Die Baustellenproblematik kennt man auch hier. "Es ist ja nicht die geplante Baustelle, die uns Probleme bereitet, sondern die Baustelle, die kurzfristig kommt oder die Baustelle, die verlängert wird. Das sorgt für uns im ganzen Team dann für Stress", erklärt Iliya.

In der Leitstelle von Arverio in Essingen (Ostalbkreis)
In der Leitstelle von Arverio in Essingen (Ostalbkreis) versuchen die Disponentinnen und Disponenten den Überblick zu behalten. Nicht zuletzt Stuttgart 21 sorgt dabei immer wieder für Stress.

Und was passiert, wenn ein Zug Verspätung hat? "Bei uns sagt man, bei bis zu vier Minuten gilt der Zug als pünktlich", sagt Iliyas Kollege Giorgio. "Verspätungen ab fünf Minuten beziehungsweise zehn Minuten sind dann schon ein weitaus größeres Problem. Dann klappen Anschlüsse nicht mehr."

Richtung Stuttgart: Jetzt gibt es Verspätungen

Onur Tekeci steht inzwischen mit seinem Zug im Bahnhof Plochingen (Esslingen). Hier hat er planmäßig einen längeren Aufenthalt, um einen ICE vorzulassen, der aus Ulm kommt. "Die Züge, die auf der Strecke fahren, haben sozusagen eine Rangordnung: Die ICEs sind ganz weit oben, und dann kommen ganz am Ende Regionalbahnen oder der Güterverkehr."

Zug-Stau in Plochingen. Hier staut es sich oft.
Ab Plochingen staut es sich oft - ICEs haben gegenüber Regional- und Güterzügen Vorrang.

Nur leider hat der ICE, den Tekeci in Plochingen vorlassen muss, Verspätung. Auch Tekeci verlässt den Bahnhof mit drei Minuten Verspätung. Doch kurz vor Esslingen kommt ein rotes Signal. "Jetzt sind wir dem ICE aufgelaufen", sagt er. Ausgerechnet der ICE, den er vorlassen musste, blockiert jetzt sein Gleis. Deshalb muss er wieder warten. Am Ende kommt Tekecis Zug mit sechs Minuten Verspätung an, was für ihn dennoch eine "ganz gewöhnliche Fahrt" darstellt. Doch diese sechs Minuten dürften für zahlreiche Fahrgäste bereits einen verpassten Anschluss bedeuten. "Der ganz normale Wahnsinn im Alltag", sagt Tekeci lachend.

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Eigentlich sollte Onur Tekeci mit seinem Zug längst in den neuen Tiefbahnhof fahren, mit dem neuen Zugsicherungssystem ETCS. "Das ist auch so eine Sache mit ETCS", erzählt er. "Ich habe schon vor zwei Jahren meine ETCS-Prüfung abgelegt." Aber da S21 und ETCS immer noch nicht in Betrieb sind, ist er noch nie mit einem Zug unter ETCS gefahren - "immer nur im Simulator." Das heißt auch, dass jährliche Nachschulungen und Prüfungen notwendig sind, weil S21 nicht fertig wird. Zu Stuttgart 21 sagt er schlicht: "Wird bestimmt ganz schön, wenn es fertig ist. Aber schade um das viele Geld. Und den Stress, den wir haben."

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Frieder Kümmerer
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