Einmal im Monat treffen sich einige Frauen in der Stadtbibliothek Stuttgart. Sie wollen, dass Frauen und weibliche Themen auf Wikipedia stärker repräsentiert sind. "Da gibt es auf jeden Fall ein Ungleichgewicht, dem wollten wir entgegentreten", sagt eine Frau mit dem Pseudonym "Leserättin". "Es fehlen aber auch einfach viele Themen, die Frauen betreffen, zum Beispiel Aspekte der Frauengesundheit oder der Frauenbewegung."
Und tatsächlich: Nur 18 Prozent der Biografien in der deutschsprachigen Wikipedia sind Biografien von Frauen. Die so genannten Wikiwomen, eine Gruppe aus Stuttgart, schreiben gezielt Wikipedia-Artikel über weibliche Wissenschaftlerinnen, Autorinnen oder Politikerinnen. Ihr Ziel: Mehr Gleichberechtigung und Sichtbarkeit für Frauen in der freien Online-Enzyklopädie.
Wikiwomen aus Stuttgart möchten lieber anonym bleiben
"Leserättin" ist 62 Jahre alt und eine der Wikiwomen. Warum sie und andere Stuttgarter Frauen in der Wikipedia-Welt mit Pseudonym unterwegs sind, erklären sie damit, dass sie als Wikipedianerinnen viele Informationen über sich im Netz preisgeben. Artikel, die auf Wikipedia erstellt werden, können stetig von allen Nutzern geändert, fortgeschrieben und auch inhaltlich diskutiert werden.
All das und die Meinung der Frauen zu politischen Themen bleibt für alle nachvollziehbar sichtbar und das für sehr lange Zeit. "Das ist wie Big Brother. Man sieht, wann man an welchen Inhalten arbeitet und welche Meinungen man vertritt", sagt "Leserättin". Deshalb möchten die Frauen ihren echten Namen für sich behalten.
Wikiwomen: Von der Zeitungslektüre auf die To-do-Liste
Seit 2019 gibt es die Wikiwomen. Gemeinsam haben sie Artikel über Bürgermeisterinnen geschrieben, Frauen in und um Stuttgart und Frauen in Namibia. Ihr aktuelles Anliegen: feministische Sachbücher von Frauen durch Wikipedia-Artikel sichtbar machen.
Und dann hat da jeder noch seine eigenen Projekte: Neulich morgens stieß eine von ihnen in der Zeitung auf den Nachruf von Gudrun Schretzmeier, Co-Gründerin des Stuttgarter Theaterhauses und Kostümbildnerin. Als sie feststellte, dass Schretzmeier noch keinen Wikipedia-Eintrag hat, setzte sie gleich noch einen Artikel auf ihre To-Do-Liste.
Bürgermeister sind für Wikipedia nicht immer relevant
Wobei es so einfach nicht ist. Denn nicht jede Person, jedes Thema soll einen Artikel in dem Online-Lexikon bekommen. Gerade weil bei Wikipedia jeder mitschreiben darf, gibt es viele Regeln. Artikel müssen zum Beispiel bestimmte Relevanzkritierien erfüllen. Das musste "Weltenspringerin" - auch eine der Wikiwomen - beim Einstieg in die Wikipedia-Welt selbst schmerzlich lernen.
Als sie in Rente ging, stieg die 67-Jährige bei den Wikiwomen ein. Sie begann Artikel über Bürgermeisterinnen zu schreiben, von denen einige gleich wieder gelöscht wurden. Denn einen Eintrag bekommen Bürgermeister erst, wenn die Gemeinde mindestens 20.000 Einwohner hat.
Nur wenige Frauen schreiben bei Wikipedia mit
Es gibt auf Wikipedia übrigens nicht nur verhältnismäßig wenige Artikel über Frauen - auch die Autorenschaft, die für Wikipedia schreibt, ist überwiegend männlich. Nur 10 bis 15 Prozent der Beitragenden seien Frauen, sagen die Wikiwomen. Woran das liegt? Immer wieder würde damit argumentiert, dass es an der Technik liege. Frauen hätten da ein Zugangsproblem. Für "Leserättin" ist das keine zufriedenstellende Antwort. "Auf Instagram und Facebook sind doch auch viele Frauen unterwegs."
Die Wikiwomen sind offen für Zuwachs. Wer sich für Frauenthemen interessiert und eintauchen möchte in die ganz eigene Welt von Wikipedia, ist im Maria-von-Linden-Kabinett in der Stadtbibliothek immer willkommen.