Seit Wochen wird in Bad Urach-Hengen über ein mögliches Amazon-Verteilzentrum diskutiert. Kurz vor dem Bürgerentscheid am Sonntag kritisieren Naturschutzverbände den Umweltbericht von 2018, der Grundlage für den Bebauungsplan ist. Zu den Kritikern gehören BUND, NABU und der Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg (LNV).
"An dem Gutachten bemängeln wir, dass nur eine bestimmte Anzahl von Arten überhaupt untersucht worden ist", sagte Gerhard Störmer vom BUND Bad Urach dem SWR. Vögel und Tagfalter seien erfasst worden, Nachtfalter und Fledermäuse jedoch nicht. Gerade diese seien für die Planung eines Verteilzentrums aber relevant, dort werde auch nachts gearbeitet.
Bürgerin aus Hengen dokumentiert 30 Schmetterlingsarten
Der BUND ist davon überzeugt, dass es 30 Tagfalter-Arten in diesem Gebiet gibt, 14 davon stünden auf der Roten Liste gefährdeter Arten, darunter der "Blauschwarze Eisvogel". Dabei stützt sich der BUND auf die Beobachtungen einer Bürgerin aus Hengen, die die Tagfalter dokumentiert hat. Der Umweltbericht von 2018 nenne hingegen nur sieben Tagfalter-Arten, keine davon sei gefährdet, sagt Störmer.
Zudem stützt sich der BUND auf die Beobachtungen des Hengener Insektenkundlers Friedhelm Mai, der für das Staatliche Museum für Naturkunde Karlsruhe kartiert hat. Er hat nach eigenen Angaben in den vergangenen zwei Jahren 135 Nachtfalter-Arten im Umfeld des geplanten Gewerbegebiets gezählt. Davon seien 20 Rote-Liste-Arten, drei davon stark gefährdet.
Naturschutzverbände fordern neues Gutachten
Die Naturschutzverbände fordern eine Neukartierung, insbesondere nach der Neuauslegung des Bebauungsplans in diesem Jahr. Dafür müsse das Gelände im kommenden Sommer mehrfach untersucht werden: Welche Pflanzen gibt es? Passen beobachtete Arten zu Eiablagen und Nahrungspflanzen?
Grünes Licht für ein Verteilzentrum Bad Urach ebnet den Weg für Amazon - Drohbrief aufgetaucht
Die Entscheidung kommt nicht mal für ihre Gegner unerwartet: Der Gemeinderat von Bad Urach hat die Weichen für ein Amazon-Verteilzentrum auf der Reutlinger Alb gestellt. Und jetzt?
Stadt Bad Urach hat keine Bedenken
Auf SWR-Anfrage teilte die Stadt Bad Urach mit, es habe im September 2024 eine vorgeschriebene Plausibilitätsprüfung gegeben. Diese bestätige, dass das Artenschutzgutachten von 2018 weiterhin gültig sei. Damals seien Falter an mehreren Tagen zwischen Juni und September erfasst und Wiesenflächen nach Raupen und Eigelegen abgesucht worden. Das Ergebnis, so die Stadt: Das Plangebiet bot nur wenigen, überwiegend verbreiteten Arten Lebensraum. Das Artenspektrum blieb mit sieben Arten schmal.
Die Stadt verweist außerdem darauf, dass die LNV-Daten, inklusive der Beobachtungen der Hengener Bürgerin und des Insektenkundler Mai, ein größeres Gebiet abdeckten und daher nicht unmittelbar mit dem Bebauungsplan "Rübteile II" vergleichbar seien, auf dem das neue Amazon-Verteilzentrum entstehen könnte. Eine Überprüfung durch ein durch die Stadt beauftragtes Büro habe ergeben, dass die beobachteten Tag- und Nachtfalter nicht unter den speziellen Artenschutz fallen.