Für viele Menschen sind die alten Kabinen mit persönlichen Erinnerungen verbunden. Eine Passantin aus Tübingen erzählt, dass sie früher einmal ohne Handy unterwegs war, nicht mehr nach Hause kam und mit den letzten zwei Euro ihre Mutter aus einer Telefonzelle anrief, damit die sie abholen konnte. Ein anderer erinnert sich daran, wie schnell das Gespräch früher enden konnte: "Und dann war plötzlich das Gespräch zu Ende, weil man kein Kleingeld mehr hatte." Oft hätten damals mehrere Menschen Schlange gestanden, um überhaupt telefonieren zu können.
Palmer stört sich an den verbliebenen Telefonzellen
Weniger nostalgisch blickt Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer auf die verbliebenen Telefonzellen. In der Stadt stehen noch insgesamt neun, drei davon in der Altstadt. Für ihn sind sie vor allem ein Ärgernis. "Das versaut das Stadtbild", sagt er. Viele der Zellen seien offensichtlich seit Jahren außer Betrieb, beschädigt oder vermüllt. Dass der Abbau so lange dauert, kann Palmer nicht nachvollziehen. "Für die Telekom ist die Beseitigung einer kaputten Telefonzelle eine Aufgabe, die Jahre beansprucht. Typisch Deutschland-Tempo, finde ich." Wann die Zellen verschwinden sollen, ist unklar. "Wir kriegen als Stadt keine Informationen, außer, dass die Telekom sehr beschäftigt ist und leider noch nicht dazu kommt, unsere Altstadt von diesem Unrat zu befreien."
Abriss oder neue Nutzung
Trotzdem sehen viele Menschen in den alten Telefonzellen mehr als nur ein Problem. Immer wieder werden Ideen laut, wie man sie sinnvoll umnutzen könnte. Besonders beliebt sind Vorschläge für offene Bücherschränke. Dass solche Konzepte funktionieren können, zeigt ein Blick nach Reutlingen. Im Stadtteil Sondelfingen steht seit vier Jahren eine ehemalige Telefonzelle als öffentliches Bücherregal. Die Idee kommt dort gut an. "Das ist ein sinnvoller Zweck und das wird auch, glaube ich, ziemlich stark genutzt."
Telekom: Rückbau läuft bundesweit
Die Telekom selbst sieht für die Telefonzellen keine Zukunft. In einer Stellungnahme teilt das Unternehmen mit, dass die neun verbliebenen Standorte in Tübingen im Rahmen eines bundesweiten Rückbauprogramms abgebaut und von zertifizierten Fachbetrieben verwertet werden sollen. Bundesweit seien die meisten öffentlichen Telefone bereits verschwunden. Zu Beginn des Programms habe es Standorte in mehr als 1.800 Städten gegeben. Zum Jahreswechsel 2025/2026 seien in über siebzig Prozent dieser Städte alle Telefonzellen vollständig abgebaut. Auch 2026 solle der Rückbau weitergehen. Ein genauer Zeitpunkt für Tübingen wird allerdings nicht genannt. Bis dahin bleiben die Telefonzellen vorerst stehen – als Relikte aus einer Zeit, in der ein Anruf noch Kleingeld, Geduld und manchmal auch ein bisschen Glück brauchte.