Sara Leicht wirbt für den Frauenstreik am 9. März: Mit rosa Flyern und Stickern klappert sie die Geschäfte und Cafés in der Tübinger Altstadt ab. Sie legt Flyer aus und bittet die Inhaber, sich am Streik zu beteiligen. In Tübingen heißt das: Cafés und Läden stellen Sitzgelegenheiten vor die Tür, damit sich streikende Frauen für eine verlängerte Mittagspause draufsetzen können. Ein Streik, zwischen 12 und 14 Uhr.
Streikmotto: Es reicht!
"ENOUGH" - Genug - heißt der Slogan ihres Streiks. Das habe sie genau in ihrer Gefühlslage abgeholt, erzählt Sara Leicht mit Blick auf die Weltlage: "Ich war in einer Stimmung, wo ich gedacht habe: 'Ich habe genug, das geht so nicht mehr, wir können nicht einfach mehr nur zugucken!'"
Ich habe genug, das geht so nicht mehr!
Auch im Privaten äußere sich diese Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Sara Leicht stört sich vor allem am Gender Pay Gap. Er verhindere, dass sie sich mit ihrem Mann die Sorgearbeit gerecht aufteilen kann, sagt sie: "Ich würde gerne mehr arbeiten gehen, mein Mann würde gerne weniger arbeiten, was finanziell aber absolut nicht machbar ist." Die beiden haben zwei Kinder.
Gender Pay Gap & ungleiche Verteilung der Care Arbeit
Gründe für den Streik gibt es viele, sie sind so individuell wie die Personen, die sich beteiligen wollen. Daher ist der Slogan bewusst offen gehalten. Online hat die Initiative unterschiedliche Gründe zusammengetragen: Dazu gehören neben dem Gender Pay Gap der Umgang mit Femiziden und Gewalt gegen Frauen, die mangelnde Wertschätzung von Care Arbeit durch Frauen oder "toxische Männlichkeit". So ist fast jeder dritte Mann unter 30 der Meinung, eine Ehefrau sollte ihrem Ehemann gehorchen. Das ergab eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Ipsos.
Vorbild: Frauengeneralstreik in Island
Sara Leicht hat sich der Regionalgruppe Tübingen angeschlossen. Seit Januar treffen sie sich jede Woche, um den Streik vorzubereiten, Flyer und Plakate zu designen und sich zu vernetzen. Gegründet hat die Regionalgruppe Barbara Göger. Zusammen mit ihrer Berliner Freundin Adrienne Göhler hat sie die deutschlandweite Fraueninitiative gegründet. Göhler hatte das Bedürfnis aus einem Gefühl der Verzweiflung heraus: "Ich finde, die Welt brennt, wir haben alle unsere Sicherungssysteme verloren, wir sind einer Gruppe von toxischen Männern ausgeliefert und das kann so nicht weitergehen. Mir steht der Sinn nach einem globalen Frauen-Generalenstreik."
Ihr Vorbild: Der Frauen-Generalstreik in Island im Jahr 1975, als die Isländerinnen ihre Arbeit niederlegten - die bezahlte und die unbezahlte. Damit legten sie die isländische Gesellschaft für einen Tag lahm. Die Forderungen der Frauen damals: Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, und bessere Kinderbetreuung.
Lange Mittagspause statt Streiktag
In Deutschland hat das Frauenbündnis bisher mehr als 40 Regionalgruppen gegründet. Doch die Wucht des Frauenstreiks von 1975 in Island werden sie wohl nicht erreichen. So sei die Realität, sagt Barbara Göger: "Wir rufen schon zum großen Streiktag auf. Aber wir sind auch realistisch und wissen, dass es für viele Frauen in dem Umfang einfach nicht möglich ist." Daher sei in Tübingen nur eine verlängerte Mittagspause geplant - um möglichst viele zu beteiligen, ergänzt Sara Leicht: "Wir wollen allen Frauen die Möglichkeit geben, ihr 'GENUG' zu zeigen. Und deswegen müssen wir uns da auch ein bisschen anpassen."
Wirtschaft fordert Dialog statt Konfrontation
Ein deutschlandweiter Streik - wie sieht das die Wirtschaft? Einen wirtschaftlichen Schaden erwarten Wirtschaftsverbände in Baden-Württemberg nicht. Die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg (HV), Sabine Hagemann, betont, dass sie das Recht auf Meinungsäußerung und gesellschaftliches Engagement respektiert. Die Industrie- und Handelskammer Baden-Württemberg (IHK) ruft zum Dialog auf: "Nachhaltige Verbesserungen bei Gleichstellung entstehen aus unserer Sicht vor allem durch strukturelle Maßnahmen in Betrieben, durch Sozialpartnerschaft und durch konkrete Reformen - nicht durch Konfrontation", so die Hauptgeschäftsführerin der IHK, Susanne Herre.
Sara Leicht und die anderen Frauen aus dem Frauenbündnis ENOUGH hoffen auf eine rege Beteiligung. "Es gab oft in der Geschichte Zeiten, in denen Streiks sehr nötig waren. Und ich glaube, in diesem Jahr, in dieser Zeit, ist es auch sehr nötig, dass wir auf die Straße gehen für Frauen, für Frauenrechte, für Gleichstellung, für all diese Ungerechtigkeiten, die durch zu mächtige Männer gerade auf der Welt passieren." Davon hätten auch Männer etwas.